Full text: Hessenland (1.1887)

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Leerfahrten 
-er Kandgrafen Kudwig I. und Wilhelm I. vm Hessen nach -em heiligen Grabe. 
Von <£. von Zksmforö. 
(Schluß.) 
oll mächtiger Eindrücke verließ Wilhelm am 
3. Januar 1492 die ewige Stadt. Treu 
eingedenk seines Gelübdes in Todesnoth, ge 
dachte er nun nach Loretto zu pilgern. In 
einem Wirthshause östlich von Spoleto geriethen 
die Pilger Nachts in Gefahr, indem Feuer aus 
brach. Alle flüchteten, auch die Pferde wurden 
gerettet. Nach siebentägigem Ritte wurde Loretto 
erreicht, dessen Kapelle in der Meinung der 
Gläubigen das Häuslein ist, in welchem die 
heilige Jungfrau auf Erden lebte. Als 1291 
Palästina in die Gewalt der Muhamedaner fiel, 
hätten Engel das Haus von Nazareth nach 
Dalmatien getragen, von da nach Italien und 
in einigen Absätzen es an jetzigen Ort geschoben, 
Alles auf Befehl der heiligen Jungfrau. Die 
Legende giebt die Gründe für das Einzelne an. 
Bald bildete sich die Stätte durch den Ruf ihres 
wunderthätigen Muttergottesbildes zu einem Wall 
fahrtsorte aus. Zur Prüfung der einem frommen 
Manne Nachts gewordenen Offenbarung über 
die Herkunft der Kapelle zogen Abgeordnete mit 
den Maßen derselben in's Morgenland. In 
Nazareth fragten sie, ob hier vor einigen Jahren 
ein Haus abhanden gekommen sei. Dies wurde 
bejaht, sie maßen die leere Stätte und siehe, 
deren Maße stimmten mit denen zu Loretto. 
Hiernach waren alle in dessen Gegend überzeugt. 
Unsere Pilger verrichteten ihre Dankgebete in 
dem kleinen Gotteshause, und Schachten berichtet 
gläubig über einige von der heiligen Jungfrau 
hier verrichtete Wunder. Nach eintägigem Aufent 
halte setzten die Pilger die Reise längs der 
adriatischen Küste fort, Ancona „gahr eine schöne 
stadt" und viele andere Orte wurden berührt, 
zu Chioggia ein Tag „stille gelegen." Auf dem 
Kanals fuhr der Landgraf nach Mestre, von wo 
er die Pferde nach Trevifo voraussandte, dann 
zur Lagunenstadt, 23. Januar. Hier traf er 
Philipp von Hanau bereits vor, beide Herren 
vereinigten sich wieder. Wilhelms diesmaliger 
Aufenthalt dehnte sich auf beinahe vier Wochen 
aus, der Karneval mit seiner Pracht und seinen 
Genüssen fesselte den jungen Fürsten, der in 
seiner nordischen, armen Heimath derartiges nicht 
kennen gelernt hatte. Der Doge und die Regierung 
erwiesen Wilhelm wieder große Ehre; jener lud 
ihn in den Palast ein , bewillkommnete ihn und 
erbot sich, ihm in allen dienlich und förderlich 
zu sein. Zunächst bot er dem Fürsten Bestrafung 
des Patrons an, wenn dieser etwas verfehlt 
haben sollte, — die Regierung, welche alle ihre 
Beamten und Unterthanen durch Späher über 
wachte, hatte jedenfalls Kenntniß von dem Be 
nehmen des Patrons. Landgraf Wilhelm war 
jedoch so edelmüthig, nicht klagen zu wollen. 
Die hessichen Gäste wurden eingeladen, einer 
Sitzung des großen Rathes beizuwohnen, welche 
jeden Sonntag stattfanden. Der Doge setzte 
Landgraf Wilhelm „über sich", den Grafen von 
Hanau „neben sich", d. h. er saß zwischen ihnen. 
Welchen Eindruck der Senat der Königin der 
Meere machte, lehrt die Bemerkung im Tagebuche: 
„magk ich warlichenn sprechenn, das ich köstlichers 
Raths von Ehrlichenn und Altenn Personenn 
niemals gesehenn habe, vermeine Ihrer woll 
bey funfhundertt gewesen« sein sollenn. . ." 
Interessante Notizen über die Bertheilung der 
höheren Staatsämter durch Kugelung, den Staat, 
dessen Seemacht, werden gebracht. Die Venetianer 
gaben die Zahl ihrer Schiffe aller Gattungen 
auf 30000 an; hierbei sind wohl auch die kleinsten 
mitgerechnet, welche bei der größtenteils nur im 
mittelländischen Meere betriebenen Schifffahrt, 
wie längs der Küsten vollkommen geeignet waren. 
Bald darauf, durch Vasco de Gamas und 
Christoph Colon's große Entdeckungen wurde es 
anders.
        

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