Volltext: Hessenland (1.1887)

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Mem ganzer Reichthum, den ich zu retten gedachte, 
waren 5 Oberhemden auf der Hanl und mein bestes 
Kleid, welches ich über die Hemden göpreßet hatte, 
nebst 6 Schild-Louisd'or in den Stiefeln unter den 
Füßen. Ich nahm meine Frau wie ein Pilgrim in 
Gottes Namen an die Hand, ließ Alles im Stich, 
auch die besten Effekten, welche eingemauert waren. 
Meine Lebensart wurde täglich wunderlicher. Ich 
kochte selbst. Das Töpfen stellte ich' mitten unter 
meine Gäste und der eiserne Kessel war unser Teller 
und Schüffel zugleich. Wer mir noch ein Kompliment 
machen wollte, bekam zur Strafe nichts. Der Förster, 
mein Nachbar und die zwei Feldprediger waren meine 
Gäste. Commisbrod und Wasser war unsere beste 
Nahrung, zuweilen auch ein Huhn, welches von denen 
guten Domestiken auswärts erbeutet und mir zum 
Kochen für uns allgemein geschenkt wurde. Ich kochte 
Reis und Huhn so lange, bis kein Theil mehr konnte 
erkannt werden. Mein Lager war Stroh und eine 
schwere Bauerndecke zum Oberbett, welches ich in 
Verwahrung genommen hatte und so schwer war, daß 
man darunter ersticken sollte. Der Herr Förster war 
mein getreuer Schlaskamerad. Unser'Schlafhabit war 
lächerlich. In Pistolen und alten zerrissenen Kami- 
sölern, woran mehr weiße als schwarze Lappen hingen, 
legten wir uns in die furchtbare Ruhe. Ein blauer 
alter Rockärmel war die Mütze, welche einem Husaren 
habit ähnlich sehe, für den Herrn Förster. Ein jeder 
Trommelschlag däuchte uns Generalmarsch zu sein, 
wobei der Förster stets zuerst hervorsprang und ge 
meiniglich dreimal über das große Loch im Fußboden 
meiner Kammer hinstolperte, ehe er zu stehen kam 
und allemal fragte: „Schildwacht! war das General 
marsch zur Bataille?" „Ntin!" So legten wir uns 
wieder zur Ruhe. In dieser Stallung brachten wir 
4 Tage zu und meine reisefertige Rüstung in fünf 
Hemden und Zubehör blieb Tag und Nacht an mir. 
A. D. 
Aus Vermuth und Fremde. 
Kassel, am 27. Juli 1879, am Todestage 
Albert Dunckers.- Am heutigen Tage ist ein 
Jahr verflossen, seitdem nicht allein unser engeres 
Vaterland den Tod eines Mannes in der Blüthe seiner 
Jahre zu beklagen hat, von dem auf dem Gebiete 
der Geschichtsforschung bei seinen umfassenden Kennt 
nissen und seinem rastlosen Fleiß noch reiche Ergeb 
nisse zu erwarten waren. So groß der Verlust für 
die Wissenschaft war, so war die Trauer seiner vielen 
Freunde und Aller, die je im Leben in Beziehung zu 
ihm gestanden, noch größer und schmerzlicher, als die 
Nachricht an sie gelangte, daß dieser vortreffliche 
Münn, der Oberbibliothekar Dr. Albert Düncker in 
seinem 43. Lebensjahre, nach kurzer Krankheit, zum 
unbesiegbaren Schmerze seiner geliebten Gattin und 
seiner fünf nun verwaisten, des zärtlichsten Vaters 
noch so bedürftigen Kinder vom unerbittlichen Tode 
dahingerafft sei. Indem wir bezüglich des Lebens 
gangs des theuren Heimgegangenen, auf den Werth 
der bei seinem kurzen Lebensgang schon so zahlreich 
erschienenen Schriften, seine Bedeutung als Geschichts 
forscher und seine Verdienst^ als Bibliothekar- der 
Landesbibliothek auf den in den Mittheilungen des 
Vereins für hessische Geschichte und' Landeskunde, 
Jahrgang 1886, enthaltenen vortrefflichen Nachruf 
von der Hand seines Amtsnachfolgers Dr. Lohmeyer 
hinweisen, wollen wir hier nur noch besonders des 
S rßen Verlustes gedenken, welchen der hessische Ge- 
ichtsverein durch seinen frühen Tod erlitten hat, 
da Er wie kein Anderer es verstanden hat, durch seine 
gediegenen, dem Kreis..der Zuhörer in vortrefflicher 
Weise angepaßten Vorträge, das Interesse für die 
Geschichte des Hessenlandes zu wecken und sich dadurch 
das größte Verdienst um das jetzige Blühen und Ge 
deihen dieses Vereins zu erwerben. 
Aber auch unsere Zeitschrift „Hessenland", welche sich 
die Aufgabe gestellt hat, mit den Bestrebungen dieses Ver 
eines Hand in Hand zu gehen, hat ebenwohl Grund, den 
Verlust dieses Mannes, welcher gleich seinem Vor 
gänger Schnbart nach Einverleibung Kurhessens in 
den preußischen Staat den Gedanken, „die hessische 
Fahne kann jetzt nicht hoch genug gehalten werden" 
mit unausgesetztem Eifer verfolgte, aufs Tiefste zu 
beklagen und kann seine voraussichtliche Mitwirkung an 
Erreichung des angestrebten Zieles nrr schwer vermissen. 
Nun ruht er in der Erde seines von ihm so treu 
geliebten Heimathlandes; ein ehrenvolles Andenken 
wird ihm immerdar bewahrt bleiben. l£.-g. 
* 
» 4- 
— Die Herzogin Auguste Wilhelmine Louise von 
Cambridge, Tochter des Landgrafen Friedrich von 
Hessen, vollendete am 25. Juli ihr 90tes Lebensjahr; 
sie ist die älteste der jetzt lebenden Fürstinnen. Sie 
vermählte sich am 7. Mai 1818 mit dem Herzog 
Adolf von Cambridge (geb 25. Februar 1774. gest. 
8. Juli 1850), welcher vom 24. Oktober 1816 bis 
1831 Generalstatthalter, von da bis 1837 Vicekönig 
von Hannover war. Ungeachtet ihres hohen Alters 
und . einer Lähmung, die ihr die Bewegung erschwert, 
ist die Herzogin von Cambridge geistig noch vollstän 
dig frisch und widmet immer noch das größte Inter 
esse der Kunst, Literatur, Politik, vorzugsweise aber 
der Musik. * * * 
— Am 18. Juli starb zu Rothenbach H Ahrens- 
hausen nach kurzem Kranksein in seinem 79ten Lebens 
jahre der Generallicutenant z. D. Freiherr von 
Hanstein, ein Sohn des vorhinnigen kurhessischen 
Staatsministers v. Hanstein, welcher letztere als Nach 
folger Hassenpflugs, nach dessen erstem Ministerium, von 
1837 bis 1841 den Vorsitz im kurhessischen Staats- 
ministerium führte. Der eben verstorbene General 
lieutenant von Hanstein war nach Vereinigung Kur 
hessens mit der preußischen Monarchie im Fahre 1866 
kurze Zeit hier in Kassel Kommandeur der 44ten 
Infanterie-Brigade und galt für einen durch vortreff 
liche militärische Eigenschaften ausgezeichneten Offizier. 
* * 
± 
— Der seitherige Direktor der hiesigen Kunstge 
werbeschule, Herr Prof, von Kramer ist zum Direktor
        

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