Full text: Hessenland (1.1887)

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betn Thurme ganz genau alle Ünordnung und die 
völlige Flucht der Unserigen. Die hessischen Jäger, 
welche an der Fulda gegen Wolfsanger stunden und 
durch ihre Tapferkeit Blut genug vergossen und sich 
recht respektabel gemacht, hatten, feuerten noch be 
ständig fort. Obwohl die Armee schon völlig retirirt 
war, so kam dieselbe im Unglück noch glücklich davon. 
Ich merkte im Dunkeln au den einzelnen Schüssen, 
wie Dieser und Jener sich noch besonders wehren wollte. 
Bon diesem Trauerspiel, von Thränen und Seufzern 
ermüdet, legten wir uns zur Ruhe, um unser Schicksal 
am künftigen Tage abzuwarten. Der Morgen brach 
an. Der erste Anblick waren blutige Wagen und 
blessirte Franzosen. Ich bekam den blessirten Prinzen 
von Usingen zu logiren und sein ganzes Regiment 
schwerer Kavallerie wurde im Dorfe einquartirt. Vor 
dem Einzuge dieses Regiments melde ich Ihnen, mein 
liebster Freund, eine neue doch vergebliche Angst. 
Ich weiß nicht, wer der erste böse Mensch war, welcher 
das Geschrei machte, die einrückende Reiterei wollte 
Alles ans Rache massakriren, die Schüsse geschähen 
auf Jung und Alt. Ich Hölle ängstlich ' schreien. 
Ich lief auf den Boden, ich sah viele Menschen mit 
weißen Bündeln auf dem Rücken nach dem Walde 
laufen. Ich wurde stumm in meinen Gedanken. 
Meine bei sich habende Freunde weiblichen Geschlechts 
verkrochen sich bald auf den Boden, bald in den 
Keller hinter die Fässer. Ich aber lief nach den 
Hausthüren, um bte Ankunft der Truppen zn sehen. 
Ich sah 12 Mann mit großen Bärenkappen. Getrost 
ging ich auf sie zu und fand meine alte Mutter nebst 
einer alten Magd, die ganz trostlos weinte, vor dem 
Verschluß, dem Hofthor. Der Offizier, ein Graf, 
rief: „Was weinet Ihr, Leute?" „Mein Herr, ich 
habe gehört, als wollten Sie mit Unschuldigen sehr- 
hart verfahren." „Ach was, was! wir sind Menschen, 
Ihr seid unsere Feinde nicht," war die liebliche Ant- 
wort. Darauf drangen der ganze Trupp zuerst auf 
meinen Hof und Haus. Nachdem nun meine Familie 
die Todesängste ausgestanden, so krochen sie mit 
Thränen aus dem Keller hervor und fanden an diesem 
Trupp die besten Leute, welche ich mit meinem Wein, 
den ich zur Brunnenkur angefangen zu brauchen haste, 
bewillkommnete. Die Ursach dieses bösen Rufs war 
entstanden, da etliche Reiter ihr Gewehr losgebrannt 
halten und nur aus Luft und Verstell auf einige vor 
hergehende kleine Kinder gehalten, welche aus Schrecken 
bloß vom Knall auf der Straße niederfielen und in 
der Ferne von den Einwohnern gesehen worden. 
Genug, der Schrecken lag in unseren Gebeinen. Der 
Trupp, der nun bei mir eingekehrt war und die An 
stalt zur ordentlichen Einquartirung für gedachten 
Prinzen und sein Regiment verfügten, machten mich 
sogleich zum Dorfschulzen. Ich mußte ohne alle 
Komplimente dahin sitzen und auf Ordre des Herrn 
Grafen die Einquartirung eintheilen. Wohlan! ich 
machte Billets and sorgte für Foutage. Mein Amt 
wechselte ab, bald wurde ich Dorfsknecht, ich lief ins 
Dorf und citirte die Männer, bald Oberrentmeister. 
Ich beschrieb, war Grebe, Landbereitrr, Aberrent- 
meister, Pfarrer, und Wirth blieb ich in ständiger 
Einquartirung mit Abwechslung. Endlich, da ich 
durch meine Billets so viel Schmähworte von den 
Unverständigen ausstehen mußte, so gelang eS mir, 
das ^ Amt abzugehen, und der Dorfschulze -oder Grebe 
mußte es übernehmen. Von dieser Stunde an mußte 
ich denselben vor meine strengste Obrigkeit erkennen, 
wie .denn in diesem ganzen Kriege alle Prediger über 
die Strenge der Greben zu klagen haben 
Unser tapferes Leibregiment zu Pferd stach gerades 
Weges durch das Feld nach dem Kratzenberge, nach 
der Gegend, wo die Fischer sich hingezogen halten. 
Hier war ich sehr besorgt und voll von Schrecken, 
da ich von meiner Thüre wahrnahm, daß ein Bataillon 
Fischer sich zwischen die Hecken des Feldes hinter den 
Kartoffelstanden in ttefen Graben eingelegt hatten; 
sie gaben bei näherer Anrückung auf unser schönes 
Regiment eine ganze Gereralsalve, doch zu früh und 
zu weit, daß zum Glück kein Mann fiel, worauf ein 
Rumor und ein Getöse von diesem Regiment gemacht 
wurde, daß man aus der Stellung wohl wahrnahm, 
daß dies Regiment absolutcment nur drängen und 
attaquiren wollte/ wobei die Offiziere die größte 
Mühe sollen gehabt haben, nicht ohne Ordre weiter 
avanciren zu lassen, btc Leute abzuhalten, wie ich 
dann hiernächst einem gewissen Reiter wegen ihres 
Zauderns einen Verweis geben wollte, mir auf seine 
Art der Sprache auf gut hessisch antwortete: „Das 
Herz pochete mer trn Leibe; ach Gott, es wolle me 
aus meiner Brost sprengen, daß me nit einhauen 
börsten un sollen un börsten nit. »Hat hee Geduld, 
der lebe Gott wird uns helfen. Bei Crefeld gings 
anders her!" 
Ein anderer trauriger Zufall begegnete an diesem 
28. September dem Henrick Dippell, der meine Pfarr- 
güter als Meier vesaß. Derselbe flüchtet mit seinen 
Pferden zum Wald. Er wird von französischen 
Husaren der Fischer angehalten. Sie geben sich vor 
Deutsche ans. Er'soll ihnen die Armee weisen und 
Anschläge geben; er thut es herzlich gerne, es war 
ein witziger Kopf und ' hatte nach seiner Natur ein 
hitziges Temperament nebst jähem Zorn. Auf einmal 
geben sie sich zu erkennen. Sie brachten ihn in mein 
Haus zum Verhör geschleppt. Nachdem der Kom 
mandant ihn befragt, so wollte er ihn zum Soubise 
schicken. Er rief mir halb todt zu: „im Brauhaus 
— Ihr versteht mich wohl? merne Frau wird es 
Ihnen sagen. Sorgrn Sie vor meine armen Kinder! 
Die Franzosen henken mich." Seine Frau und fünf 
Kinder liefen und schrien um ihn herum. Er ver 
doppelt sein Wort zu mir: „Sorge er vor meine 
Kinder!" Ich tröstete und wollte reden, ich wurde zu 
rückgestoßen. Der gute Mann entsprang der Wache 
und ersäufte sich vor unseren Augen durch einen Sprung 
in den Teich am Wege. Die schwangere Frau und 
Kinder nahmen die Zuflucht in mein Haus. Keiner 
konnte und dürfte des Anderen Retter sein. 
So geschwind sich die Generale zu Pferde setzten, 
so geschwind war ich zu meinem Marsche auch fertig.
        

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