Full text: Hessenland (1.1887)

Als Artieul der Zeitung werden angegeben: 
Oitationes publica«! (Vcditoriim, Debitoriuu, 
echappirter Arrestanten und Deserteurs, Procla- 
mationes, Sachen, die zu kaufen, verkaufen, ver 
pachten, vermiethen, zu verauktioniren und zu 
verspielen sind, Kapitalien, so gesucht werden oder 
zu verleihen sind, gestohlene und gefundene Sachen, 
Personen, welche Dienste suchen oder dazu ge 
sucht werden, sämmtlich ankommende, durchreisende 
und abreisende Fremde, durchkommende Schiffer 
und Fuhrleute, Kopulirte, Geborene und Ge 
storbene, Brot- und Fleischtaxc, Wechselcours, 
allerhand zufällige Nachrichten von Glücks- und 
Unglücksfällen und andern Merkwürdigkeiten, und 
unter der Rubrik „Nene Sachen" Mittheilungen 
von Ereignissen mehr politischen Inhalts, die sich 
in Hessen zugetragen haben. Der Abonnements- 
Preis betrug für das halbe Jahr 14 albus 
(32 albus 1 Thlr.), der Berleger beschwert sich 
aber in den ersten Jahrgängen wiederholt darüber, 
daß dieses Geld so schlecht eingehe, daß das Fort 
erscheinen der Zeitung gefährdet sei. 
Das unter den angegebenen Ärtikuln in den 
ersten Jahrgängen Mitgetheilte gewährt nun einen 
genauen und sehr vielseitigen Einblick in die da 
maligen Zustände der Stadt Kassel und die 
Lebensverhältnisse der Bewohner derselben. 
Schon damals bestand die Einrichtung, welche 
sich im Wesentlichen bis zum Jahre 1848 er 
halten hat, daß alle ankommenden und abreisen 
den Fremden an der Thorwache Namen, Stand 
und Absteigequartier anzugeben hatten. 
Die allwöchentliche Bekanntmachung derselben 
in der Zeitung nahm aber nicht viel Raum ein, 
da sie selten die Zahl vorr 20 bis 30 überstieg. 
Die von den Reisenden zu passirenden Thore 
waren das Neustädter- (später Leipziger), das 
Möller(Holländische), das Ahnaberger (Weser-), 
das nur selten benutzte Weinberger (Frankfurter), 
sowie das Neue Thor. Letzteres war im Jahre 
15>87 von Landgraf Wilhelm IV. zwischen dem 
v. Meysenbug'schen Hause, an dessen Stelle 1757 
die Garnisonskirche erbaut wurde, und dem jetzt 
dieser gegenüberliegenden Hause nach Abbruch 
mehrerer dort gestandenen Häuser errichtet worden. 
Au dessen Stelle wurde von Landgraf Fried 
rich II. nach Schleifung der Festungswerke um 
1780 hinter dem von ihm angelegten Königsplatzt 
das Kölnische Thor erbaut. Unter den Gasthöfen, 
in welchen die Ankommenden abstiegen, war am 
meisten besucht das an der Ecke der Mittel- und 
Entengasse gelegene „im Stockholm". Diesen 
Namen hatte es angenommen, als im Jahre 1714 
König Karl XII. von Schweden auf der Durch 
reise von Bender nach Stralsund in demselben 
übernachtet hatte. Ihm am nächsten standen der 
goldene Helm hinter dem Rathhause, jetzt das 
in den 20er Jahren von dem letzten Besitzer, 
Mensing, erbaute Borthmann'sche Haus, der 
„schwarze Adler" am Marktplatze (jetzt Avemann'sche 
Haus), dann „im Elephanten" (jetzt Cramer'sches 
Haus am alten Kadettenplatz), sowie „in der 
Canon" (Frankfurterstraße) und der in der späteren 
Waisenhausstraße gelegene Gasthof „im weißen 
Schwan". Bei Mittheilung der Ankommenden 
und Abreisenden ist es für die damaligen Ver 
hältnisse der Juden bemerkenswerth, daß nur 
bei den von ihnen in der Stadt übernachtenden 
der Name angegeben wird, immer aber mit der 
Bezeichnnng „Jud", statt des sonstzüblichen „Herr", 
z. B. „Jud Levy aus Paderborn, logirt beim 
Hofjuden Goldschmidt", während es bei den blos 
durchpassirenden nur heißt „ein Jud", z. B. ein 
Jud aus Frankenberg; 6 Juden, kommen ans 
Hamburg rc. In der Zeitung vom 13. und 14. 
November würde die Angabe der Namen der 
ankommenden Juden allerdings einen großen 
Raum eingenommen haben, da gemeldet wird, 
daß in diesen Tagen das Neue Thor 88, das 
Neustädter Thor 98, das Müllerthor 148 Juden 
passirt haben. 
Die Juden hatten aber auch guten Grund, 
nur durchzureisen, da bis zum Jahre 1751 jeder 
in der Stadt übernachtende Jude einen Dukaten, 
den sogen. Judendukaten, zu zahlen hatte. 
Wahrscheinlich befanden sie sich auf der Durch 
reise nach Spangenberg, wo jährlich der sogen. 
Judentag zur Berathung ihrer Angelegenheiten,, 
namentlich zur Einschätzung ihres Vermögens 
unter einem landesherrlichen Kommissar abge 
halten wurde. Es ergibt sich dies auch daraus,
        

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