Full text: Hessenland (1.1887)

Cs war mir, als sähe ich noch heute, durch 
düstere Todesgebilde hindurch, Frau v. B., in 
mitten ihres Salons, so wie ich sie so oft ge 
sehen und bewundert hatte. 
Ihre große, imponirendeGestalt mit dem mächtigen 
Künstlerkopfe, das schneeweiße,, aufgebauschte Haar, 
zu den beinahe noch jugendlichen Hügen — und 
dann der liebevolle heiße Mutterblick, mit welchem 
sie ihre stillere, schöne Tochter umfaßt hielt und 
die sie mit all der Kunst, dem Geist, dem 
lauten Leben versuchen wollte, glücklich zu machen. 
War es ihr dennoch nicht gelungen? Mir war 
cs oft jo vorgekommen, als wäre die Heimath 
des schönen Mädchens eine andere, als die der 
Mutter, als suchten ihre großen dunkeln Augen 
stillere Bahnen, sanftere Gefilde — Meeresstille 
— Waldesruhe. 
Und ich verglich sie unwillkürlich mit der ein 
samen Palme auf der großen Tropenlandschaft, 
die an der Wand in einem der Zimmer hing, 
und unter welcher sie so oft gesessen und fremd 
in das bunte Treiben gesehen, in welchem sich 
ihre Mutter so glücklich fühlte. 
Und wenn dann dieselbe an die Tochter heran 
trat, bittend — fast flehend — sie möge etwas 
singen, deklamiren, dann ging ein Zug von selbst 
quälerischer Angst über das Gesicht des Mädchens, 
aber sie erhob sich, der Mutter zu Liebe, und 
folgte ihr zum Flügel — mir aber kam sie mit 
dem gesenkten Kopfe wie ein Opferlamm vor, 
das man zur Schlachtbank führte. 
Man fand sie nicht so geistreich, nicht so an 
regend als die Mutter, die sich mit ihrem über 
mächtigen Temperament durch nichts erlahmen 
ließ, aber wenn man mit der jungen Dame sprach, 
so war alles, was sie sagte, klug, gut durchdacht, 
unendlich sinnig — und es drängte sich mir 
immer wieder die Frage auf, ob ihre tiefer 
liegenden Eigenschaften in dieser überwältigenden 
Atmosphäre nicht dennoch verkümmern müßten. 
Ich riß mich gewaltsam aus meinen Gedanken 
nnd suchte mein Zimmer auf. Margarethe — 
todt! 
Ich hatte für die psychisch zarte Natur des, 
sinnigen Mädchens immer verständnißvolle Sym 
pathie gehabt — ich — 
Und dann verwirrten sich meine Begriffe und 
ich verfiel in einen dumpfen Schlaf. Als ich 
mich am anderen Morgen erhob, kleidete ich mich 
an und bereitete mich vor, der Todtenmesse der 
Verstorbenen beizuwohnen, die um zehn Uhr in 
der Theatinerkirche stattfinden sollte. 
Die Beendigung war vorüber — aber an ihrem 
künstlich aufgebautem Sarkophage wollte ich ihr 
dennoch die letzte Ehre erweisen und meine Ge 
danken den Gebeten einen, die für sie zum 
Schöpfer stiegen. Als ich in die Kirche trat, 
blieb ich einen Augenblick überwältigt stehen. 
Draußen hatte ein feuchter, nebeliger Herbst 
wind die sterbenden Blätter durch die Lüfte ge 
wirbelt nnd die Menschen unheimlich vorwärts 
getrieben, Menschen, die in ihren Gesichtern 
nagende Sorge und verbitterten Gram trugen. 
Und hier, in der Kirche, umfing mich in feier 
licher Stimmung tiefe Ruhe und geheiligter 
Schmerz. Es war mir als habe die Seele der 
Verblichenen den Frieden ausgeströmt, den wir 
Alle suchen. 
Ich trat bis in die unmittelbare Nähe des 
mit Blumen und Lichtern aufgebauten Sarko 
phages. Liebende Hände hatten die weißen 
Blumen zwischen grüne Myrthen, Palmen- und 
Epheublätter gestreut — Schneerosen, Edelweiß 
und Verbenen. Die mit blühenden Zweigen um 
wundenen Kerzen brannten matt in den düsteren 
Tag hinein und gaben der Feier ein tief trauriges 
Gepräge. Jetzt verstummten die lauten Worte 
des Priesters am Altare und vom Chor herab 
erscholl, in ergreifender Vollendung ein vier 
stimmiges Miserere. 
Mir war, als öffne sich bei diesen Seraph 
klängen der Sarkophag und ich sähe nüch einmal 
das blasse liebliche Mädchendild — so wie einst. 
Nur hatten sich ihre sehnsüchtigen Augen sanft 
gesenkt und um den weichen Saum ihrer Lippen 
lag Ruhe und Glück. 
Der Gesang war verstummt. Die Leidtragenden 
erhoben sich von den Knieen nnd mit einem 
letzten Blick auf das Kreuz des Erlösers, welches 
über den Blumen thronte, verließen sie das stille 
Haus. 
Nur zuletzt, ganz zuletzt bemerkte ich eine hohe, 
aber tief gebeugte Frauengestalt auf den Arm 
eines Mannes gestützt, d'e in der Thüre stand 
und sich sträubte, die Kirche zu verlassen. Die 
erloschenen Augen hingen wie gebannt an den 
Schneerosen und Verbenen. 
Ich wandte mich ab. War es möglich, war 
das die lebensvolle Frau, die ich vor noch nicht 
langer Zeit in prunkenden Gemächern gesehen, 
mit sprudelndem Geiste, warmem Empfinden und 
dem stolzen Bewußtsein unzerstörbaren Mutter 
glückes ? 
Der Bliy hatte in die Edeltanne geschlagen 
und sie bis in's Herz getroffen ! 
..An welcher Krankheit ist die junge Dame 
gestorben?" fragte ich endlich, als die Leid 
tragenden alle die Kirche verlassen hatten, eine 
Dienerin des Hauses, die neben dem Sarge stehn 
geblieben war und still vor sich hin weinte;
	        

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