Full text: Hessenland (1.1887)

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herüber anwehte — ein warmes, wohliges Em 
pfinden. Ich nahm leine Droschke, um zu dem 
mir bekannten, inmitten der Stadt gelegenen 
Gasthose zu fahren, sondern übergab meinen 
Koffer einem Dienstmann und schlenderte, als 
wären alle diese Häuser alte, liebe Bekannte, 
durch die nebeligen Straßen, 
Melodische Stimmen vergangener Tage regten 
sich in mir, halb verwischte Menschenbilder wur 
den lebendig und ich fing an die Geschicke der 
Einzelnen zu durchdenken, wie sie sich wohl ge 
staltet haben möchten. Dabei warf ich einen 
wehmüthigen Blick in die kleine Straße, an 
welcher ich gerade vorüberging, und über den 
niederen, fast einem Schuppen ähnelnden Bau 
der Gesellschaft „Allotrias, in welchem ich mit 
übermüthigen College« so ungebundene frohe 
Stunden verlebt. Ich begriff nicht, warum ich 
in der ganzen Zeit nichts von diesen Menschen 
gehört hatte und bedachte, daß möglicherweise 
nur noch Wenige von Denen in München sein 
könnten, deren Wiedersehn ich am meisten er 
sehnte. Lauter frische, liebe, urwüchsige Künstler 
naturen, noch unbenagt vom Daseinskampf und 
dem Ehrgeize, hinreißend und anregend in ihrer 
elementaren Kraft, wie sie mir später bei meiner 
ernsten, anstrengenden Arbeit nie wieder begegnen 
sollten. 
Ich hatte ja auch im Laufe der Jahre Manches 
durchgekämpst, auch Familienkonflikte mst all' ihrer 
Bitterkeit und ihren Nochwehen waren an mich 
herangetreten und hatten ein gutes Theil harm 
losen Frohsinns aus meiner Seele hinausgequält. 
Aber als ich jetzt durch die altey bekannten 
Straßen schritt, an den Häusern mit so unver 
kennbarem Künstlergepräge vorüber und in die 
sorglosen Biergesichter der Münchener Philister 
sah, die noch gerade so wie einst, an mir vor 
über auf die Keller wanderten, da wehte mich 
wieder etwas von der alten Zeit und ihrem 
Zauber an. 
In meinem Gasthofe angekommen, fand ich 
noch alles beim Alten. Der freundliche Wirth, 
der seit zwanzig Jahren unverfälschtes Hofbräu 
hausbier schenkte, war wohl noch etwas umfang 
reicher geworden, aber sein Humor schien noch 
derselbe. 
Er unterhielt mich während meiner Abend 
mahlzeit van alten Zeiten und erzählte mir 
Mancherlei von früheren Kollegen, was mich 
hoch interessirte. Sein ehrliches Münchener Ge 
rede war die passendste Begleitung zu den Regens- 
hurger Würstle, die mir, mit dem herrlichen Bier, 
porzüglich mundeten. Aber als er sich dann er- 
j)ot> und mir als Ersatz die ,-Neuesten Nach 
richten" auf den Tisch legte, war ich ganz froh, 
wieder mit meinen Gedanken ungestört zu sein. 
Ich zündeten mir eine Cigarre an, trank be 
haglich mein Bier dazu und dachte darüber nach, 
wie ich meinen morgigen Tag beginnen wollte. 
Nach dem Frühschoppen selbstverständlich zu 
erst und vor Allem in das unvergeffene Haus 
in der Briennerstraße zur Frau v. B. Sicher 
lich waren ihre Abende noch immer so anregend,' 
von künstlerischem Geiste und Poesie durchdrungen, 
wie einst! Wie hatte ich mich, nach meiner Ab 
reise von München zu denselben zurückgesehnt! 
Was wohl aus dem schönen, blassen Mädchen 
— ihrer Tochter — geworden sein mochte, der 
zu Liebe die geistreiche Frau alle Hebel in Be 
wegung gesetzt, um sie glücklich zu machen? 
Meine Augen, die gedankenlos an dem Fresko- 
gemälde der gegenüberliegenden Wand gehangen, 
senkten sich jetzt unwillkürlich und fielen — als 
sollten sie da Antwort finden — auf einen groß 
gedruckten Namen in der Zeitung, die der Wirth 
vorher auf dem Tisch gelegt: 
„Margarethe." 
Ich nahm das Blatt auf und las: 
„Gestern Abend verschied sanft meine einzige 
heißgeliebte Tochter 
. Margarethe 
rc. rc. 
Ja, es blieb kein Zweifel, da stand der Name 
unter dem obligaten Kreuz — fest und unver- 
tilgbar. 
Margarethe v. B.! War das möglich? Wie 
hatte ich mich auf ein Begrüßen dieses Hauses 
und ein Wiedersehn der lieben Menschen gefreut! 
Und wenn cs auch hauptsächlich nur die Mutter 
gewesen, die dort den Vordergrund beherrschte, 
so konnte man sich doch diese Räume nicht 
denken ohne die schlanke biegsame Mädchengestalt 
mit den sanften braunen Augen, die so fremd in 
diese bunte Welt blickten. 
Ich senkte meinen Kopf in die Hand und 
ließ alle die Stunden vorüberziehen, die ich in 
den reizvollen Räumen verlebt hatte, in welche 
jetzt der Tod seine Einkehr gehalten. 
Da war kein Künstler, kein Schriftsteller, kein 
Gelehrter, der sich nicht dort zu Hanse gefühlt 
hätte und sein Bestes gegeben. Hier wär es, 
wo die neuesten Produkte Schwind's, Defregger's, 
Böcklin's rc. besprochen wurden, wo bedeutende 
Künstler ihre Opernpartituren preisgaben, noch 
ehe sie in die Öffentlichkeit drangen, und viel 
genannte Dichter ihre berühmt gewordenen Werke 
im Manuskript läsen. Aber auch Bedrückte, 
Hoffnungslose, an ihrem Können Verzweifelnde 
fanden hier Gehör, Theilnahme und Rath.
	        

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