Full text: Hessenland (1.1887)

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eine wissenschaftliche Autorität in der vorliegen 
den Frage, erntete denn auch für seine fesselnden 
Ausführungen den wohlverdienten Beifall. Nach 
stehend geben wir den Bortrag im Auszug wieder: 
Anknüpfend an Dunckers Verdienste nm die Kritik 
der früheren Ansichten über den Lauf des römischen 
Grenzwalls im ehemaligen Kurheffen gab der Vor 
tragende zunächst eine übersichtliche Darstellung der 
Ausgrabungen, welche der Hanauer Bezirksverem in 
den letzten 7 Jahren au der Grenze und in ihrer 
unmittelbaren Nähe hat vornehmen kaffen. Nach der 
Aufdeckung des Kastells Großkrotzenburg mit seinem 
Mithras - Heiligthum, über welche Redner auf der 
Jahresversammlung des hessischen Gesammtvereins 
im Juli 1b81 berichtete, wurde von ihm in Gemein 
schaft mit Oberst von Cohausen und Architekt von 
Roeßler der ganze wetterauische Limes im August 1881 
begangen und sein Lauf im Großen und Ganzen fest 
gestellt. Im Frühling 1883 fanden zusammenhängende 
Ausgrabungen am Grenzwall zwischen Main und 
Kinzig statt, welche wichtige Aufschlüsse über die 
ursprüngliche Gestalt des WalleS und Grabens über 
den ihn begleitenden Militärweg und die an ihm 
liegenden Thürme, sowie über ein zwischen dm großen 
Kastellen Großkrotzenburg und Rückingen gelegenes 
Zwischenkastells gaben. Das Kastell Rückingen wurde 
im Herbst 1883, das zu Marköbel im Herbst 1884 
aufgefunden und, soweit es die Verhältnisse gestatteten, 
aufgedeckt. Daneben wurden gelegentlich weitere Aus 
grabungen in Großkrotzenburg und seiner Umgebung, 
sowie in dem ganzen ehemals römischen Hinterland, 
welches etwa dem heutige» Kreise Hanau entspricht, 
vorgenommen, die am erftgenannteu Orte besonders 
zur Auffindung hochintereffanter Ziegelöfen, außerdem 
aber zur Aufdeckung einer ganzen Reihe von bürger 
lichen Niederlassungen» Wasserleitungen und Begräbniß- 
stätten führte. Die letzten zusammenhängenden Aus 
grabungen vom Herbst 1886 galten der Auffindung einer 
vom Vortragenden fchon seit Jahren angenommenen 
alten Straßengrenze vom Mainknie bei Hanau nach 
Norden und im Zusammenhang damit einer im Dorfe 
Keffelstadt und seiner Umgebung vermutheten römischen 
Ansiedelung, Sie führten aber, abgesehen von der 
Bestätigung dieser Annahme, auch zur Auffindung 
deutlicher Spuren eines an der Stelle des heutigen 
Dorfes einst vorhandenen Kastells. Wie im Jahre 1885 
die planmäßigen Arbeiten durch den Glücksfund einer 
Mainbrücke beim Kastell Großkratzenburg so erwünschte 
Ergänzung fanden, so wollte es das Glück, daß auch 
die nach den Keffelstädter Ausgrabungen noch offene 
Frage bezüglich eines Mainübergangs durch die bei 
der Ausbaggerung des Mainbetts dicht bei Hanau 
aufgefundenen Reste einer römischen Brücke im Spät 
herbst 1886 erwünschte Lösung fand. 
Was die Ergebnisse der Arbeiten im Einzelnen 
betrifft, ko mußte sich der Vortragende mit Rücksicht 
auf die Reichhaltigkeit des Gefundenen und der Kürze 
der ihm zu Gebote stehenden Zeit begnügen, diejenigen 
Punkte hervorzuheben, in welchen die Resultate der 
Ausgrabungen dazu gedient haben, die Lösung bisher 
offener Fragen von allgemein wissenschaftlicher Be 
deutung herbeizuführen oder wenigstens näher zu 
rücken. So ergaben die Durchstechungen des Grenz 
walls auf der so besonders günstigen Strecke in der 
Bulan und die Untersuchungen in seiner unmittelbaren 
Nähe gegenüber den vielfach verbreiteten Ansichten, 
wonach der Limes nur eine Grenzsperre für die Friedens 
zeit oder eine Signallinie gewesen wäre, daß, wie 
Major Ddhm in seiner Bearbeitung dieses Theils 
der Arbeiten es ausdrückt, »für den großen Krieg 
die oberrheinischen Grenzbefestigungen in ihrer Ge 
sammtheit eine permanente, fortisikatorisch gesichere- 
starke Vorpostenstellung bildeten, während die Hauptt 
kastelle außerdem die strategische Bedeutung von Grenz- 
sestungen hatten." Bezüglich der streitigen Frage nach 
der Stärke der Garnisonen in den Grenzkastellen war 
es von Wichtigkeit, daß die genaue Untersuchung des 
kleinen Zwischenkastells am „NeuwirthshauS" bei 
Hanau es ermöglichte, genau die Räume zu ermitteln, 
welche zur Unterkunft der Soldaten gedient hatten. 
WaS die großen Kastelle betrifft» so ergab die voll 
ständige Aufdeckung des Prätorinms im Rückinger 
Kastell, die sonst noch in sehr wenigen Fällen gelungen 
ist, die Thatsache, daß dieses Prätorium, und, wie 
der Vortragende nachwies, auch die anderen auf 
gefundenen Prätorien in den LimeSkastellen, nicht 
etwa, wie man gemeint hat, die Wohnung der Offiziere 
enthielten, sonder« aus einem offenen Hofe bestanden, 
an welchem sich, abgesehen von einem massiven Frontal 
bau mit thurmarngem Oberbau aber ohne Wohn- 
räume, leichtgebaute Hallen und Aufbewahrungsräume 
für Feldzeichen, Waffen und Götterbilder anlehnten. 
Von besonderem Interesse war die Auffindung eines 
ausgedehnten massiven Gebäudes init Hypokaust- 
einnchtungen in alle» drei Kastellen an derselben 
Stelle der Praetentura zwischen Porta praetoria und 
Porta principalis dextra. Sie beweist, daß die frühere 
Ansicht, wonach in der Prastsutura der Limeskastelle 
nur Holzbaracken als Wohnränme für die Soldaten 
vorhanden gewesen wäre», falsch ist. Hier dürfte die 
Wohnung des Kommandauten und der Offiziere zu 
suchen sein, wenigstens in der Zeit, wo das Kastell 
selbst ausschließlich für die Unterkunft der Garnison 
diente. WaS das bei fast allen. Limeskastellen auf 
gefundene mit Hvpokausten versehene massive Gebäude 
außerhalb des Kastells betrifft, so ist dasselbe vor 
der Porta prinoipalis dextra des Rückinger Kastells 
so gut erhalten, wie meist an keiner andern Stelle. 
Aus keinem deutlich erkennbaren Grundriß hat Architekt 
von Rößler unter Heranziehung aller bekannten Grund- 
reste solcher Gebäude den Nachweis zu liefern gesucht, 
da diese nicht mit v. Cohausen als „Villae“, sondern 
als Bäder zu betrachte» seien. 
Besonders eingehend schilderte Dr. Wolff die im 
vorigen Herbst bei Keffelstadt und Hanau vorgenom 
menen Ausgrabungen und ihre Ergebnisse, weil die 
selben noch nirgends ausführlich und besonders noch 
nicht mit Abbildungen publicirt sind. Da aber das 
„Heffenland" in Nr. 5 eine vorläufige summarische 
Darstellung dieser Arbeiten aus der Feder des Vor 
tragenden gebracht hat, so können wir uns hier
	        

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