Full text: Hessenland (1.1887)

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war. Mit schönen und freundlichen Eindrücken 
verließ der Landgraf da- bevorzugte Land, ohne. 
zu ahnen, daß wenige Jahre später die Dynastie : 
seiner Gastfreunde hinweggefegt sein würde. 
Ein vornehmer Ritter geleitete den Landgrafen 
am 13. Dezember hinweg. Die Reisenden 
passirten einen „lustigen Wald," in welchem nach 
Versicherung des Ritters 10000 Hirsche sein 
sollten, ohne anderes Wild. Unterwegs blieb der 
Koch krank zurück, ein unersetzlicher Verlust und 
in Fondi wurde Wilhelm der aus Cypern mit 
gebrachte Hund gestohlen. Der geleitende Ritter 
trat jedoch derartig auf, daß daS Thier wieder 
zum Vorschein kam. Am vierten Tage wurde 
die Grenze deS päpstlichen Gebietes überschritten, 
hier verabschiedete sich der Neapolitaner mit 
seinem Gefolge. Nach weiteren drei Tagemärschen 
durch übel berüchtigtes Gebiet näherten die 
Wanderer am 19. Dezember sich der ewigen 
Stadt. Da empfinge» hessische Landcskinder, 
Herr Nagel und Meister Konrad Thone aus 
Grebenstein herzlich ihren Fürsten, welchem sie 
mit vielen Anderen entgegen geritten waren. In 
stattlicher Kavalkade zog Wilhelm zu Rom ein. 
Die gewaltige Stadt wurde unausgesetzt durch 
wandert, die Hauptkirchen und vieles Andere, 
auch die Umgegend wurde besucht. DaS Tage 
buch sagt „item Rom begreifst umb sich, wa 
rmer ziemlichenn eines tages reittenn magk zu 
Rieng umb." Der jetzige Dom zu St. Peter 
bestand noch nicht, Museen und andere Kunst 
sammlungen schuf erst eine spätere Zeit, so mußte 
ein Fremder großes Interesse und viel Zeit haben, 
um das Vereinzelte zu sehen. Der Landgraf 
ritt mit Gefolge zum Palaste de- Papste-, dieser 
empfing ihn in Audienz und der Fürst küßte 
ihm die Füße, ebenso die Diener. Am Weih 
nachtsabende wohnte Wilhelm der vom Papste 
Jnnocentiu- VIII., in der Kirche zu St. Peter, 
gelesenen Messe bei uud nach beendigtem Gottes 
dienste empfing er knirend vor dem Altare von 
dem heiligen Vater ein geweihtes Barett und 
ein Schwert mit Wrhrgehänge, ein Meisterwerk 
edler Renaiffance. Diese- sollten ihn für die 
über sich genommenen Beschwerden der Pilger 
fahrt belohnen, für die Zukunft im Eifer für 
den Glauben und zum Kampfe gegen dessen 
Feinde stärken. y Die Botschafter der Könige von 
Frankreich 7 und von Schottland weilten schon 
langt zu Rom und halten gehofft, daß Einem von 
ihnen das Schwert zn Theil werde; sie wurden 
enttäuscht und empfanden „großen verdrieß." 
Dem Landgrafen gaben fünf Bischöfe, viele andere 
Prälaten, her Margraf von Baden und sonstige 
vornehme Herren ein feierliches Geleite zu seiner 
Herberge, wo zahlreiche Pilger Wilhelm sehen 
wollten. Der ihm so gütige ehrwürdige Jnnocentiu- 
starb nach nur wenigen Monaten, ihm folgte 
Alexander VI., Borgia. 
Noch auf der Reise traf den Landgrafen die 
Nachricht vom Tode seiner Koch-, zu Rom brachte 
ihm ein Pfeifer de- König- von Neapel Bot 
schaft, daß auch Arend von Stein verschieden 
'sei, so lichtete sich der kleine Kreis seiner Ge 
treuen rasch, nach den Mühsalen der Fahrt. 
Stein scheint mit Stammen ein und dieselbe 
Person zu sein, es ist die- nicht aufzuklären ge 
wesen. (Schluß folgt.) 
■M— 
Beiträge zur Geschichte der kurhesstfchen ArtiUerie.*) 
Von August v. Gaumbach. 
2. Die Artillerie unter dem Landgrafen Wilhelm IV. 
1567—1592. 
ei der unglückseligen Theilung Hessens im 
Jahre 1567 unter die vier Söhne des 
Landgrafen Philipp, bestimmt durch den 
letzten Willen dieses sonst so klugen und 
einsichtigen Fürsten, erhielt Wilhelm IV., .ge 
gönnt der „Weise", als der älteste der Söhne, 
nebst der Hälfte des Landes mit der Haupt- upd 
Residenzstadt Kassel, auch die Hälfte der vor 
handenen Bewaffnung. An Geschützen erhielt er 
4 Doppelkarthaunen, 4 große Schlangen, 2 Mörser, 
8 achtpfkindige Falkaunen, 5 sechspfündige Fal- 
kaunen, 2 dreipfündige Quartierschlangen, 30 
Apostel, 10 .einpfündige Falkonete und 15 halb- 
pfündige scharfe Tintlein; also im Ganzen 80 Ge 
schütze. Äußer diesen besaß er noch die im Jahre 
1552 erbeuteten Stücke, »und erhält auch im 
Jahre 1588 von der Königin Elisabeth von Eng 
land die aus Hessen stammenden und von Alba 
weggeschleppten Geschütze wieder, welche zur Aus 
rüstung der.Armada gehört hatten und von den 
Engländern erobert waren. 
Landgraf Wilhelm IV. hielt es nicht für zweck 
mäßig, schwerere Geschütze mit in- Feld zu 
*) Siehe „Heffeuland" Nr. 3,
        

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