Full text: Hessenland (1.1887)

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die Schiffsleute den Muth verloren und der 
Patron dem Fürsten bat, zu ihrer Rettung eine 
Wallfahrt nach Loretto zu geloben. Der sagte 
es zu und „also bald! stiuidt uns ein gutt windt 
auff, daß .wir aller sorgen» frei wahre««." 
Sonntags den 20. November landete Landgraf 
Wilhelm in Bründiß (Brindisi), einer großen 
blühenden Stadt. Man zeigte dem Landgrafen 
das Gtab seines Vorfahren, Ludwig des Heiligen; 
doch irrthümlich, denn Ludwig starb zu Otranto 
und war nur vorübergehend beigesetzt. Die Be 
sichtigung der Stadt, die Beschaffung von Reit 
pferden hielt den Fürsten drei Tage in Brindisi, 
dann ritt er längs der Küste bis Bari, von da 
durch die Apenninen gen Neapel, in Tagemärschen 
von drei bis sechs Meilen, nur Nachtquartiere 
haltend. Vom Grabe des heiligen Nikolaus zu 
Bari mit zwanzig silbernen Ampeln, aus welchem 
beständig Ocl schwitzt, werden einige Gläser des 
selben mitgenommen. Die Befestigungen, welche 
der König an vielen Orten anlegen läßt, manches 
Andere, werden bemerkt. - Tagesanger Ritt durch 
Kastanienwälder, der Anblick von dreißig Städten 
und Schlössern, alle auf Bergen, von einer Höhe 
aus, erkegen das Interesse. Das herrliche Land 
wirkte dvch auf die. Reisenden. die schon so Vieles 
sahen. Bor Neapel'zogen sie durch Kastanien- 
und Haselnußwälder, welche dem Könige 16000 
Gulden eintragen sollten, dann eine Meile lang 
durch einen Wald „Da iglicher bäum eine Wein 
rebe hatt, ist' m'äncher, der ein Harb fuder weins 
trägtt, wilches lustig zu sehenn ist." Abends 
des 4, Dezember, Sonntags, ritt der Landgraf 
in Neapel ein; er hatte das Pilgerkleid abgelegt 
und sich für den Besuch der Königsstadt nebst 
fernem Gefolge „in schwarzen Schamelott hübsch 
nndt woll bekleide«." Unter seine Diener hatte 
er noch Albert von Mugk, Komthur der Jo 
hanniter, sowie Daniel Kaufmann, Bürger von 
St. Gallen, einen vielgereisten Mann und Ritter 
deS heiligen Grabes, aufgenommen. Die ersten 
Tage hielt sich der Fürst in seiner Herberge, 
am Mittwoch Morgen zog er mit dein König 
zur Jagd, von diesein mit Auszeichnung be 
handelt. Der Weg führte durch den Tunnel im 
Posilippo, welcher denen, die in ihm ein Ver 
brechen begehen, die Flucht unmöglich machen 
sollte.' Auf dem Jagdplatze ordnete der König 
selbst Alles an, vertheilte die Hunde und speiste 
dann allein in einem kleinen Thäte. nach alt 
spanischer Sitte. Die Königin erschien mit ihrer 
Tochter, der Landgraf küßte ihnen die Hand, 
während er anderen Fürstinnen die Hand reichte. 
Deß Königs Söhne, der Herzog von Kalabrien 
und Herzog Friedrich, sowie des Ersteren Sohn, 
Fürst von Kapria, waren zugegen, dem Land- 
grafen ein alter vornehmer Ritter beigegeben. 
Ein köstliches Mahl auf Silber erfrischte die 
Jagdgenossen, darauf begann zu Pferde die Hetze 
des Wildes, welches mit Spießen erlegt wurde. 
Hervor that sich der Enkel des Königs in dieser 
mannhaften, nicht ungefährlichen Jagd. Einmal 
wurden sechs Hirsche, dann vier gleichzeitig ab 
gethan und als man hier der Lust genug hatte, 
zog die Kavalkade heimwärts. Noch eine Jagd auf 
Wildschweine erwartete sie; auch diese wurden 
zu Rosse angegriffen, mit dem Spieße, Schwertern, 
Degen und anderen Messern, ein männliches 
aufregendes Schauspiel. Vor dem Könige wurden 
allein zehn Wildschweine.abgefangen. Den Herzog 
von Kalabrien rannte ein Reiter, welcher hinter 
einem Keiler hersetzte, über den Haufen, sodaß 
man für den schweren Mann Schlimmes be 
sorgte. Seine Eltern eilten herbei, doch erhob 
er sich wieder und ritt zur Stadt. 
Landgraf Wilhelm war täglich bei Hofe. Das 
Königspaar machte mit ihm einen Ritt durch 
die Stadt, diese zu zeigen, und zum Schlosse des 
Herzogs, der von seinem Sturze niederlag. Der 
dem Landgrafen beigegebene Kavalier führte ihn 
zu des Königs Garten, der „Pforte des Meer's" 
um die Ringmauer mit 28 je 200 Fuß von 
einander entfernten Thürmen, ein Werk des 
Königs. Die neue Stadtpforte von Marmel 
stein erregt Bewunderung. Des Herzogs Mar- 
stall enthielt 150 Pferde und solcher Ställe sollte 
er noch drei bis vier besitzen; sein Garten war 
„überaus schön und lustig" und hatte 60000 
Dukaten gekl stet. Abends wurde Landgraf Wilhelm 
zum Schlosse abgeholt, die königliche Familie 
und Herren des Hofes verbrachten einige Stunden 
mit „viel kurtzweill nndt siengenn." Bei jedem 
Abschiede küßte der Landgraf den königlichen 
Damen die Hand, zwei „Landsherren" holten 
und geleiteten ihn zurück. Einige feste Schlösser 
der Umgegung besuchte der Fürst mit seinem 
Gefolge. Der ihm sehr gewogene König ließ 
ihn wissen, daß er in den Orden des Königs 
aufgenommen werden solle. Am Sonntage nach 
Anhörung der heiligen Messe im Schlosse em 
pfingen Landgraf Wilhelm und seine Begleiter 
knieend die goldene Ordenskette; König und 
Königin hingen Jedem den weißen Ordensmantel 
um. Schachten, Hanstein, Kaufmann wurden so 
ausgezeichnet, Stein lag krank. Der Landgraf 
verabschiedete sich hiernach, küßte dem Könige und 
der Königin die Hand, die Begleiter aber nur 
dem Könige. Dieser sandte später seinem Gaste 
zwei große schöne, aufgeschirrte Pferde, davon 
ins für Wilhelm selbst gesattelt und gezäumt
	        

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