Full text: Hessenland (1.1887)

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Züge aus hessischem Volksthume.- Das 
Feuer. Noch immer behauptet das Feuer seine be 
deutsame Würde; auch in unserer Zeit, wo doch die 
Begründung so mancher Verrichtung in gewerkischem 
Leben auf „Feuer" und „Dampf" gestiftet ward, 
überhaupt unser gesammtes alltägliches Treiben jenem 
göttlichen Funken an alter geheimnisvoller Hoheit und 
Weihe einigen Abbruch gethan hat. 
Der Bauer, ob er sonst auch nie eine Dankes- 
Sagnng unterlaße, darfnr daß man ihnt etwa Feuer 
zur Pfeife geschlagen habe, danket er nicht. Doch 
ebenwohl in umgekehrter Lage, wo er als freundlicher 
Geber erschien, wehrt er unbedingt allem Danke; so 
gar entschiedenes Wortes: „d a r f ü r aber n i t!" 
Ja, er läßt sich die Belehrung nicht verdrießen: „für 
Feuer danket man nit!" 
Ungerne gibt auch die gefälligste Hausfrau von 
heimischem Herde doch Feuer für irgend ein anderes 
Haus. Hierbei vielleicht dann Worte des Dankes 
finden, ruft wohl gar ihren Unmuth wach, also daß 
sie die unhold gewährte Gabe vollends zurück sich 
nehme. 
Ueber Grund solcher Feuers-Verehrung aus Furcht 
ist man nicht einig. Eines sagt: Feuer sei eine 
furchtbare zerstörende Kraft; man müße nicht danken 
für Empfang des Bösen. Anderes vermeint: sein 
Vieh werde behegset, wenn Man von eigenem Herde 
fremden Häusern nun Feuer mittheile; zumal jedoch 
falls hierfür Dankes-Sagung erfolget und ange 
nommen sei. Wann aber eine Knh etwa gerade 
kalbt, gibt man mindest geneigt vom Feuer ab; dar- 
mit zu solcher Frist ein Nutze, den das Vieh bringen 
solle, nicht mitsamt hinweg getragen werde. 
Aehnlicher Vorstellung über geheimnisvolle Be 
ziehungen entspricht der Wahn, das Bich der Heim 
stätte bekomme „wildes Feuer", falls Bosheit auf 
erborgte Feuers-Spende —- als bösen, übelen Dank 
für widerwillige Gewähr — hinter drein Hare, Wolle, 
Horn und derlei streue. 
Alte Heiligung wichtigster Urstoffe — die ja auch 
zu gerichtlicher Feuers- und Waßers-Probe einst 
führte — bricht also immer noch hindurch. — So 
galt früher im Hessen-Lande als sicherstes Mittel, 
ansteckende Krankheit nicht zu verschleppen, daß ein 
Gast zwischen zwei Feuern hindurch gegangen sei, 
bevor er ein freundliches Haus betrete. — 
Aerrnerrrrr *r<m Pststev. 
Atts Heimath und Fremde. 
Kassel. Oberst Friedrich Boedicker f. 
Am 3 ds. Mts. starb zu Kassel im 84. Lebensjahr 
der Oberst a. D. Friedrich Boedicker, ein Offizier, 
welcher durch seine hervorragenden militärischen Eigen 
schaften einen Ehrenplatz in der Geschichte der kurhessi 
schen Armee verdient hat, wenn cs ihm auch nicht be- 
schieden war, jene in der langen Friedensperiode, in 
welche seine Dienstzeit fiel, auch auf dem Schlacht 
felde zu bethätigen. 
Er stammte aus einer alten hessischen Soldatcn- 
familie, welcher Männer entsprossen sind, die sich in dem 
Kriege gegen die französische Republik am Ende des 
vorigen Jahrhunderts, dann als königl. westfälische 
Offiziere, in den napoleonischen Kriegen und bis in 
die neueste Zeit hinein in den Kriegen gegen den 
französischen Erbfeind großen Kriegsruhm erworben 
haben Friedrich Boedicker's, in Marburg als pen- 
sionirter kurhessischer Major, verstorbener Vater hatte 
sich namentlich als königlich westfälischer Hufaren- 
Rittmeister in dem Feldzunge gegen Rußland aus 
gezeichnet und war für seine im Jahre 1812 in den 
Kämpfen bdi Smolensk bewiesene Tapferkeit mit. dem 
Orden der Ehrenlegion und der westfälischen Krone 
dekorirt worden. Durch seine glänzenden Waffen- 
thaten hat sich der Bruder seines Vaters, der im 
Jahre 1843 als Kommandant von Kassel verstorbene 
Generaelientenant Boedicker ein unvergeßliches An 
denken in der Kriegsgeschichte gestiftet. Nachdem er 
in frühester Jugend in hessischen Diensten als Fahnen 
junker im Jahre 1792 an det Erstürmung von 
von Frankfurt theilgenommen und im darauffolgenden 
Jahre in Flandern als Fähnrich sich durch eine be 
sonders kühne That hervorgethan hatte, war er in den 
, Jahren 1809 und 1819 als Kapitän in dem west 
fälischen leichten Jnfanteriebataillon in Spanier, und 
dann im Jahre 1812 als Kommandeur des zweiten 
leichten westfälischen Bataillons im russischen Feld 
zuge mit der größten Auszeichnung und von seltenem 
Glück begünstigt, an den vielen* blutigen und für 
die deutschen Truppen so verhängnißvollcn Kämpfen 
in diesen Kriegen betheiligt. In den Feldzügen 
; der Jahre 1814 und 1815 hat seine vortreffliche 
Führung der kurhessischen Häger die größte Aner 
kennung gesunden. Auch der einzige Sohn des jetzt Ver 
blichenen, sein Trost nnd seine Freude an seinem 
durch körperliche Leiden schwer getrübten Lebensabend, 
hat sich dem militärischen Beruf gewidmet; er steht 
als Premierlieutenant im 7. Jägerbataillon. 
Es war daher erklärlich, daß der eb-m verstorbene Oberst 
Friedrich Boedicker von früher Jugend an kein anderes 
Streben kannte, als dereinst als Offizier sich des Namens 
seiner Vorfahren würdig zu zeigen. Dieses Ziel hat er 
denn auch vollständig erreicht. Er wurde im Jahre 1821, 
in seinem 18. Lebensjahre, zum Sekondelieutenant 
im 1. hessischen Husaren Regiment ernannt, diente 
immer 'n einem der beiden leichten Kavallerieregimenter, 
in welchen er im Jahre 1831 zum Premierlieütenant, 
1839 zum Rittmeister und im Jahre 1848 zum 
Major befördert wurde, obgleich für diese Stelle noch 
keine Vakanz war. Die Veranlassung zu dieser ausnahms 
weisen Ernennung lag darin, daß man ihm das 
Kommando über eine aus drei verstärkten Eskadrons 
und einer reitenden Batterie gebildeten mobilen Kolonne 
anvertrauen wollte, welche zum Abrücken in die 
Provinz Hanau zur Bekämpfung der dort im März 
1848 ausgcbrochenen Unruhen bestimmt war. Bei 
dieser Gelegenheit zeigte er ein so taktvolles, kluges 
und umsichtiges Benehmen, daß wohl hierin der Grund 
zu finden ist, daß er, der nicht lange vorher erst 
zum Major ernannt war, im März des folgenden 
Jahres mit der Stelle des Vorstandes im Kriegs 
ministeriums betraut wurde. Diese in der politisch
	        

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