Full text: Hessenland (1.1887)

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%m alter and nener Zeit. 
Wöhlerdenkmal. Wie wir in verschiedenen 
Blättern lesen, hat der Verband der Vereine deutscher 
Chemiker den Beschluß gefaßt, d(m am 15. September 
1882 zu Göttingen verstorbenen Geheimen Ober 
medizinalrath Professor Dr. Friedrich Wöhler 
ein Denkmal zu errichten und zu diesem Zwecke 
die Summe von 20000 Mark bestimmt. Als Auf 
stellungsplatz ist der Platz vor dem chemischen Labo 
ratorium in Göttingen ausersehen. — Der berühmte 
Chemiker Friedrich Wöhler ist ein Kurhesse. Geboren 
ist derselbe am 31. Juli 1800 zu Eschersheim. Er 
war Mitbegründer und erster Lehrer der im Jahre 
1832 errichteten polytechnischen Schule (höhere Ge 
werbeschule) zu Kassel, die sich in den ersten Jahren 
ihres Bestehens eines ausgezeichneten Rufes erfreute. 
Im Jahre 1836 wurde Wöhler als Professor der 
Chemie an die Universität Göttingen berufen, wo er 
bis zu seinem Tode als eine Hauptzierde der alma 
mater Georgia Augusta wirkte. Sein Nachfolger 
als Lehrer der Chemie und chemischen Technologie 
an der Kasseler polytechnischen Schule war der nicht 
minder berühmte Chemiker Robert Bansen, gegen 
wärtig Geheimrath und Professor in Heidelberg. 
Wöhler und Bünsen waren unbestritten nach Liebig 
die hervorragendsten Chemiker Deutschlands, und die 
Kasseler polytechnische Schule kann sich rühmen, beide 
Koryphäen der Wissenschaft als Lehrer besessen zu 
haben, denen damals noch als würdige Kollegen die 
ausgezeichneten Fachmänner: der Physiker Buff, der 
Mineraloge Dunker, der Zoologe Philipp!, der 
Mathematiker Burbenne zur Seite standen. Auch 
nahe verwandtschaftliche Beziehungen verbanden den 
berühmten Chemiker F. Wöhler mit unserer Vater 
stadt Kassel. In erster Ehe war er mit seiner Cou 
sine Maria Franzisca, Tochter des Staatsrathes 
Wöhler, verheirathet; nach dem am 11. Juni 1832 hier 
in Kassel erfolgten Tode derselben verehelichte er sich 
am 13. Juli 1834 mit Julie Pfeiffer, der zweit- 
ältesten Tochter des Kommerzienrathes Georg Pfeiffer 
und wurde dadurch Schwager des jetzigen Reichsgerichts 
rathes a. D. Dr. Otto Bähr, welcher mit der älteren 
Schwester Sophie (gestorben am 21. März 1873 zu 
Berlin) verheirathet war. Zahlreich ist die Nach 
kommenschaft aus den beiden Ehen Wöhler's an 
Kindern und Kindeskindern, die theils in Bockenheim, 
Göttingen, Hannover, theils in Hamburg, London 
ü. s. w. ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. — Der 
Entschluß, Wöhler in Göttingen, dem Orte, an 
welchem er 36 Jahre lang segensreich gewirkt, ein 
Denkmal zu setzen, ist ein wohlberechtigter Akt der 
Pietät. Wöhler hat in vielen Beziehungen epoche 
machend in seiner Wissenschaft gewirkt und die Ar 
beiten, welche er in Gemeinschaft mit seinem Freunde 
Justus Liebig bezüglich der Benzoylverbindungen aus 
führte, bezeichnen den Beginn der eigentlich rationellen 
Behandlung der organischen Chemie. Friedrich Wöhler 
war ein Schüler von Berzelius in Stockholm, dessen 
berühmtes „Lehrbuch der Chemie" er deutsch bearbeitet 
hat. Seit 1831 gab er mit Liebig die „Annalen 
der Chemie und Pharmazie" heraus, wie denn seine 
schriftstellerische Thätigkeit überhaupt eine ebenso 
fruchtbare wie gediegene gewesen ist. F. Z. 
* * 
* 
In einem im Jahre 1794 erschienenen und jetzt 
höchst, selten gewordenen Buche „Meine Wande 
rung durch die Rhein- und Main-Gegend 
im Februar 1794" erzählt der unbekannt gebliebene 
Verfasser von dem Transport eines Trupps von 
1000 in Mainz gefangenen Soltaten der Revolutions 
armee nach der Festung Magdeburg, welchen er durch 
Hessen begleitet hat. Zunächst schildert er den elenden 
Zustand dieser tausend Souveräne (le peuple souve- 
rain) folgendermaßen: „Diese Theaterprinzen gefangen, 
theils zu Fuß, theils auch auf offenen.Bauernwagen, 
von Ochsen gezogen, auf dürftigem Stroh liegend; 
mehr als einer im wörtlichsten Verstände, nicht nur 
ohne Hosen, sondern auch ohne Hemde, Strümpfe 
und Schuhe, starrend von Ungeziefer, Ausschlag und 
Schmutz; lebendige Belege der tiefsten Sklaverei des 
Boruriheils, das eisern auf dem Nacken dieses armen 
Volkes liegt, das sich frei zu sein dünkt und in seinen 
Ketten schmachtet! Diese tausend Selbstherrscher zur 
Schau geführt von ihren Bändigern, denen tiefe Ver 
achtung der französischen Volksmajestät von der 
Stirn spricht." 
Nachdem der Verfasser sich dann sehr entrüstet 
über die Sympathieen ausgesprochen, welche die Fran- 
osen in einigen Gegenden jenseits des Rheins ge- 
unden hätten, schildert er die Aufnahme, welche der 
Transport in den hessischen Ortschaften gefunden hat, 
wobei er des Lobes voll ist von der patriotischen Gesinn 
ung der wackeren Hessen. „Die hessischen Bauern 
wissen nichts von Philanthropie, Freiheitsschauer und 
Kosmopolitenfieber, das heißt kurzum, sie sind nicht 
aufgeklärt nnd halten noch sehr viel auf ihre Hosen, 
wie ihre Väter auch thaten. Sie öffnen ihre Scheuern 
und Ställe phlegmatisch und kalt, sobald sie ihr Vieh 
untergebracht haben nnd es gilt ihnen gleich, was 
nun für Animalien darin haußen." 
Es wird dann die Gesinnmig der Hessen an eini 
gen Beispielen nachgewiesen. Ein hysterisches Männ 
lein stand und sah den Einquartierungen an einem 
hessischen Orte zu. Das Männlein hatte an einer- 
berühmten deutschen Universität der Aufkläruntzskunde 
gepflogen und sich da feine philanthropische Nerven 
angeschafft, es schämte sich, ein Deutscher zu sein 
und trug den Kosmopolitismus vor sich her, alle 
Menschen seien Brüder. Es stand mit geschränkten 
Armen da und fand es grausam, Kranke und Ge 
fangene in dieser strengen Witterung zu transpor- 
tiren, es verlangte von den hessischen Bauern, die 
leidende Menschheit zu respektiren, ihnen ihre Betten 
unterzulegen und ihrer Brüder Schicksal zu erleichtern 
und was der Salbadereien mehr waren. Zu seinem 
Unglück wandte sich das Männlein vorzüglich an 
einen alten hessischen Invaliden, der dem Auftritt, an 
Wunden, Blut und Lazarethe gewöhnt, in großer 
Apathie zusah. „Bruder?" sagte dieser. „Mach der 
Herr soviel Brüderschaft mit ihnen, als er will, ich 
habe mehr Brüder, als ich brauche." „Sie sind doch 
Menschen" fistulirte das Männlein. „Menschen?" rief
        

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