Volltext: Hessenland (1.1887)

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mein Kompliment, und um die Aussteuer soll 
sie keine Sorgen hegen, ich habe mir das Ver 
gnügen vorbehalten, das Forsthaus eilizurichten, 
versteht Er? Und nun, Krug, nehme Er dirs 
hier zur Erinnerung an Seinen Prinzen und 
die Affaire mit den Schotten — und Prinz 
Friedrich überreichte ihm eine goldene Uhr mit 
seinem Namenszuge, die der verblüffte Henncs 
ganz mechanisch nahm. 
„Das ist Eins. Die Medaille soll Er morgen 
auf der Parade vor versammeltem Kriegsvolke 
haben — und nun melde Er sich. Förster Krug, 
beim Oberforstamte, und bei der Kämmerei kann 
Er auch einmal nachfragen, da liegt Etwas für 
Ihn. Wenn Er aber, langer Hennes," und mit 
diesen Worten reichte ihm der Prinz die Hand, 
„wenn Er einmal einen rechten Freund in der 
Welt braucht, so wende Er sich an seinen Prinzen 
— versteht Er Kriegskamerad?" 
Zögernd ergriff der Hennes die Fürstenhand, 
sprechen konnte er nicht — er war zu erschüttert. 
Kräftig drückte ihm Prinz Friedrich die Hand, 
sagte hastig: „Gch's Ihm gut" und verliest 
rasch das Zimmer. Zur anderen Thüre stürzte 
der tiefbewegte Hennes hinaus, zum — Kathrin- 
liß. Und wenn jemals zwei glückliche Menschen 
zusammensaßen — so war es an dem Tage 
das zukünftige Försterpaar, vom Burgberge. 
Vier Wochen darauf wurde der neue Förster 
vom Burgberge in der Kirche zu Besse mit 
seinem Schatze getraut, und von weit und breit, 
waren die Leute herbeigeströmt, um de» langen 
Hennes und sein Kathrinlist am Altare zu sehen. 
Stattlich sah er aus im Försterrocke, und 's 
Kathrinliß hatte einen Staat angelegt und eine 
Keim Gewitter. 
Das Ist ein Buch ans finstern Wolkenblättern, 
Das dort im Westen aufgeschlagen liegt; 
Das füllt der Herr mit seinen Flammenlettern! 
Sein kleinstes Wort das Weltall überfliegt. 
Er schrieb's und donnernd rollt eS ob der Erden, 
Des Buches Blätter schlagen auf gesammt; 
Ein neues Wort soll uns verkündet werden. 
Ein rechtes Wort! Ei» Gortgedanke flammt! 
Schlagt auf den Blick! Nach allen Seiten wallen 
Die Engel hin am weilen Firmament, 
In jeder Hand ein Blatt, dem Buch entfallen, 
Als Fahne flatlcrt's, doch die Fahne brennt. 
Kornette auf dem hübschen Kopfe, wie' die reichste 
Bauerntochter im Hessenlande. Drei Tage gings 
hoch her in Besse und am Burgberge, denn auf 
der Käiqmerei hatten 1000 Thaler gelegen für 
den Förster, aber manchmal im tollsten Jubel 
sah sich der Hennes um, als ob er Jemand 
suchte, und dann sagten die Leute: „Jetzt denket 
he an litten Barthel." Und so war's auch. 
Der Barthel aber, vollständig wiederhergestellt, 
hatte Gefallen am Soldatenstande und am Kriegs 
leben gefunden und war beim Regimente ge 
blieben, welches noch in den Niederlanden stand. 
Die Jahre vergingen, das Haus des Försters 
füllte sich mit Jungen und Mädchen, der Erst 
geborene hieß natürlich Barthel, und Glück und 
Frieden herrschte darin. 
Aus dem jüngeren Bruder war ein stattlicher, 
mit Medaillen geschmückter Sergeant geworden, 
der später, als das Bstaillon nach Kassel zurück 
kehrte, sich oft genug in Besse sehen ließ, um am 
Heerde des Bruders zu weilen. 
Als später die Hessen auszogen, um neben 
den Soldaten des alten Fritz zu streiten, fiel der 
Sergeant Krug, tapfer fechtend nach Hessenart, 
bei Minden, wo ihn die französische Kugel traf. 
Als die Todeskunde an den Burgberg kam. er 
schütterte sie den Förster tief, und seufzend sagte 
er: „Ach wann ich bi emme gewest weer!" 
Hochbetagt, geschätzt und geliebt von Allen starb 
der Förster Krug erst gegen Enoe des Jahr 
hunderts. Weit und breit aber hieß der ge 
waltige Mann bei Jung und Alt der „lange 
Hennes." und von seiner Kraft, trotz des fehlen 
den Armes, seinem Muthe, seiner Herzensgüte, 
erzählte man noch lange iin Walde, wie in den 
Spinnstuoen. 
Lest ihr die Worte? Zischend durch die Lüfte 
Zuckt doch ihr Sinn, der Zeiten Morgenroth! 
Braust nicht das Echo hallend durch die Klüfte-: 
„Wach' auf, du Erde, sei nicht lebend todt?" 
Die Engel ruhn! Die glühen Fahnen halten 
Sie aufgerollt mit beiden Händen hin. 
Es währt nicht lang: — zerrissen und zerspalten, 
Die Engel schleudern das Panier uns hin. 
Ich athme tief! Auf meiner Brust noch grollen 
Schwer jene Worte, wie ein todtes Meer; 
Könnt' doch mein Lied laut wie der Donner rollen' 
Ich rief' sie wach: „Schlaf Erde, schlaf nicht mehr I" 
1842. föuinridj Heise. *) 
*) Das vorstehende Gedicht d s hessischen Bolksmannes. bessert 
Wesen und Thätigkeit von unserem Mitarbeiter A. Trabert in den 
Nummern.12—14 so anziehend geschildert ist, ist einer kleinen hand 
schriftlichen Sammlung Heise'scher Gedichte entnommen, die uns 
freundlichst zur Verfügung gestellt wurden. D. Red.
        

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