Full text: Hessenland (1.1887)

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„Na?" fragte das Mädchen und blickte den 
ernsten Mann unruhig an. 
Der Hennes sah vor sich nieder und sagte 
dann: „Kathrinliß ich den 'n Krüppel." 
„Ach du allemächtiger Gott!" und das starke 
Mädchen wurde ganz blaß und starrte mit einem 
Blicke wortlosen Schreckens den Hennes an. 
„Wo dann Hennes? Wo dann?" sagte sie 
endlich leise. „Wo host De's dann?" 
„Ich honn bloß einen Armen." 
Nach einer Weile, während sie ihres Schreckens 
Herr zu werden suchte, fragte sie mit zitternder 
Stimme: „Werd's dann Widder heile weren? 
„Heile äs es schund — awer ich honn bloß 
den einen noch." 
„Na, wann's heile äs? —" und Freude 
kämpfte auf ihrem Antlitz mit der Angst. 
„Jo — awer mit einen Armen —" 
„Was wedde dann Hennes? Wann's nur 
heile äs — ich honn zwei — un midd allen 
beiden well ich vor dich arweiden. Dag un Nacht, 
Hennes. Wann's Widder nix äs — do mach 
De keine Gedanken nidd ümiiie." Da schlang 
der starke Mann schweigend seinen Arm um das 
Mädchen und drückte ihren Kopf an sein Herz; 
un's Kathrinliß schluchzte, als ob's der Bock 
stieß, un dann sproch's: 
„Armer Hennes!'Liewer Hennes!" und auch 
ihm rollten langsam die Thränen über die ge 
bräunten Wangen, aber es waren Thränen der 
Rührung, tiefinnerer Freude. 
In der Küche lauschten der Diener und die 
andere Magd dem, was da auf dem Gange vor 
ging, und denen wurden auch die Augen naß. 
'S Kathrinliß awer riß sich endlich los, halb 
noch schluchzend, halb jubelnd: 
„Wann's Herze nurd noch ganz äs, Hennes, 
uff 'n Armen kimmet me's nit ahn. Best doch 
noch der scheenste Bursche in 'n Hessenlanne un 
der bravste — best min Hennes." 
Schon wollte sie ihn zur Küche ziehen, als 
sich die HauSthüre öffnet und ein Unteroffizier 
hereintrat, der sich kurz an den HenneS wandte: 
„Grenadier Krug, ich bin Ihm nachgeschickt. Er 
hat sich sofort auf dem Schlosse beim Adjutanten 
von Dörnberg zu melden," damit machte der 
Unteroffizier wieder Kehrt und Hennes verab 
schiedete sich und folgte ihm — während ihm 
das Mädchen nicht ohne Besorgniß nachblickte. 
In einem fürstlich behaglichen Gemach des 
alten Landgrafenschlosses stand der Hennes kerzen 
gerade vor Prinz Friedrich. Mit einem ganz 
besonderen Ausdruck schaute der junge Fürst in 
das ehrliche Antlitz des Burschen. 
„Weiß Er, warum ich Ihn rufen ließ Gre 
nadier Krug?" 
„Zu Befehl, Fürstliche Gnaden, nein." 
Mit einem sanften, herzgewinnenden Lächeln 
fuhr der Prinz fort, während sein Auge über 
die Gestalt des Hennes fuhr: 
„Er hat ja wohl nur einen Arm, Grenadier 
Krug?" 
Der Hennes wurde roth im Gesicht, und 
stotterte ganz unreglementmäßig: „Jo, ich honn 
bloß einen." 
„Wie hat Er dann den andern verloren?" 
Der Hennes schwieg in sichtbarer Verlegenheit. 
„Er scheint sich nicht zu erinnern, Grenadier 
Krug — eS ist gut daß ich ein bessere- Ge 
dächtniß habe. Glaubt Er denn, ich hätte nicht 
gesehen, wie er da bei den schottischen Bergen, 
Er weiß ja wohl noch, seinen Arm vor mich 
warf und den Hieb des Hochländer- auffing, 
der mir galt? Was? Und Er meldet sich nicht 
bei mir, seit er aus dem englischen Lazarethe 
heraus und wieder auf deutschem Boden ist?" 
„Ich hon jo bloß minne'Schulligkeit gedohn." 
„Das hat Er redlich Hennes, wie ein echt 
hessisches Landeskind. Er muß es mir zu Gute 
halten, Krug, daß ich mich in dem schottischen 
und niederländischen Trubel nicht gleich um ihn 
bekümmerte" —*) 
„Ach Gott, Fürstliche Gnaden —" 
„Aber vergessen hab' ich Ihn nicht." 
Nach einer Weile fuhr der Prinz fort: 
„Kann Er denn noch schießen, Krug, mit dem 
rechten Arme?" 
Mit leuchtenden Augen, entgcgncte der Hennes: 
„Zu Befehl, 'S geht mit dem einen Arme so 
flink und sicher wie mit den zweien." 
„So? Na, dann könnte Er ja wohl auch 
Förster werden? Wie?" 
Der Hennes sah ordentlich erschrocken au-. 
„Er soll auf den Burgberg, Hennes — der 
Cornelius dort wird Oberförster in Melsungen. 
Ist Ihm da- so recht?" 
„Fürstliche Gnaden" — stotterte der Henne-, 
der gar nicht wußte, wie ihm zu Muthe war. 
Um seine sichtliche Verlegenheit zu mindern, 
fuhr der Prinz gütig fort: „Er muß nun auch 
an eine Försterin denken, Krug." 
„Ich honn'S Kathrinliß —" 
„So?" lachte der Prinz „na dann ist's ja 
gut. Mach' Cr der künftigen Frau Försterin 
*) Die hessischen Truppen wurden nach kurzem Ausenhalt in 
Schottland, nachdem der Ausstand der Schotten durch die für die 
Engländer siegreiche Schlacht bei Cullodden niedergeworfen war, 
wieder nach den Niederlanden zurückbeordert.
	        

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