Full text: Hessenland (1.1887)

193 — 
Zur Hebung des Sinnes für dramatische Kunst 
in Kassel hat Knrfürst Wilhelm II. dadurch, daß 
er durch Verwilligung bedeutender Geldsummen 
(jährlich über 50600 Thlr.) das Theater zu 
einem der ersten Deutschlands erhob, sehr viel 
beigetragen. Dazu kam, daß er in dem zum 
Generaldirektor des Hoftheaters ernannten früheren 
Theaterdircktor Carl Feige den richtigen Maun 
zur Ausführung seiner Absichten gefunden hatte. 
Diesem gelang es gleich anfangs Kunstgrößen, 
wie Seydelmann und Loewe für das Schauspiel 
und Berthold und Gerstäcker für die Oper zu 
gewinnen. 
Letzterer, in Schmiedeberg bei Wittenberg ge 
boren, war eigentlich zum Chirurgen bestimmt, 
seine vortreffliche Stimme, verbunden mit außer 
ordentlicher Begabung für Musik, ließ ihn aber 
die ihm von der Natur bestimmte Laufbahn be 
treten. Nachdem er von Benelli ausgebildet 
war, debutirte er bei der Ritz'schen Schauspieler 
gesellschaft in Chemnitz, kam bald darauf im 
Jahre 1810 zur Seconda'schen Gesellschaft, 
welche in Leipzig und Dresden ihre Vorstellung 
gab und im Jahre 1815 nach Hamburg. Nachdem 
er sich hier als Künstler und als edler und be 
scheidener Mensch die allgemeinsten Sympathieen 
erworben hatte, kehrte er 1820 nach Dresden 
zurück, worauf er im folgenden Jahre mit 
3000 Thl. Gage für das Kasseler Hoflheater 
engagirt wurde. Gerstäcker hatte auch auf seinen 
Kunstreisen in Dänemark, Holland und Frankreich 
allgemeine Bewunderung erregt. (Allgemeine 
deutsche Biographie). 
Der so sehr gefeierte Sänger wurde auch in 
Kdssel wegen seines musterhaften Privatlebens 
allgemein hochgeachtet. Henriette Schmidt schreibt: 
„er lebte außer seiner Kunst nur seiner Familie! 
Wie oft denke ich noch an die harmlos ver 
gnügten Slunden zurück, die ich mit ihm, seiner 
Frau und seinen Kindern in seinem Hause ver 
lebt habe." Sein Sohn war der bekannte Schrft- 
steller Friedrich Gerstäcker, welcher zum Kauf 
mann bestimmt, in Kassel in das Philippson'scheu 
Geschäft als Lehrling eingetreten war, bald aber 
Kassel verließ, um Oekonomie zu erlernen. Und 
dann sein Glück in Amerika zu versuchen. 
Der Kurfürst ehrte Gerstäcker nach dessen 
Tode dadurch, daß er seiner Wittwe eine lebens 
längliche jährliche Pension von 300 Thlr. be 
willigte. 
Möchten doch die jetzt lebenden Kunstfreunde 
das Andenken an den berühmten Sänger dadurch 
ehren, daß sie das von seinen Kollegen errichtete 
schöne Denkmäl vor dem ihm drohenden Verfall 
bewahren! 
Der lange Hermes. 
Eine Geschichte ans dem vorigem Jahrhundert von Franz Treller. 
(Schluß.) 
onate waren vergangen seit jenem Tage, der 
Sommer neigte sich schon dem Ende zu, da 
schritt in Kassel ein Grenadier im langen 
Soldat enmantel langsam die Schloßfreiheit hinauf. 
Vor dem Hause des Geheimen Raths von Schimmel 
pfennig hielt er an, holte tief und schwer Athem, 
öffnete dann die Thüre und betrat das Haus. 
Er klingelte an der.Vorthür, und dem öffnenden 
Diener drückte er seinen Wunsch aus „s Kathrinliß 
zu sprechen." 
„Do äs n Soldate Kathrinliß un well Dich 
sprechen" rief der Diener in ein Zimmer hinein. 
„Ach Du allemächtiger Gott" und flink fuhr 
das Mädchen aus dem Zimmer heraus in den 
Hauseren, in der einen Hand einen Scheuerbesen, 
in der anderen einen Lappen.. 
„Hennes! Hennes! best Du's dann?" und 
mit einem jauchzenden Schrei rannte sie auf ihn zu. 
Der starke Mann umschlang sie mit dem Arm, 
hob sie empor, küßte sie auf die Wange und 
ließ sie dann langsam wieder zur Erde nieder. 
'S Kathrinliß mußte sich doch ein Bischen 
setzen, 's war ihm ganz schwach zu Muthe, aber 
es dauerte nicht lange, dann sprang sie jubelnd 
wieder auf und verschlang ihren Hennes mit 
den Augen. 
„Ich dachte jo, du kemest nidd Widder Hennes; 
Ach du liewer Gott, wasf honn ich vor Angest 
ußgestehn. Du, liewer, liewer Hennes, nu äs 
jo Alles gud, nu best de Widder do — dem 
liewen Godde si's gedanket." 
So herzlich und liebevoll der Hennes seinen 
Schatz anblickte, so lag auf seinem Antlitze doch 
ein Schatten von Trauer. 
„Na? was beste dann so stille? Freist Du 
Dich dann nidd?" 
Langsam begann der Grenadier: 
„Kathrinliß ich muß De erst was sprechen —"
        

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