Full text: Hessenland (1.1887)

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spielerin Henriette Schmidt, sagt von ihm in 
ihren hinterlassenen Aufzeichnungen: „Mit seiner 
wnndervollen, hohen, gutgeschulten Stimme, dem 
richtigen Verständniß der ihm gestellten Aufgabe, 
löste er diese immer mit der größten Künstler 
schaft. Dabei unterstützte ihn lebendiges, stets 
der Situation angemessenes Spiel, bewegliche 
freie Handlung und eine sehr schöne Persönlich 
keit. Sein Darstellungstalent kam dem seines 
Gesanges fast gleich. In Partien wie Max im 
Freischütz, Johann von Paris, Tamino, Florestan, 
Sargines, Nadori in Jassonda wurde er von 
keiner der damals lebenden Kunstgrößen erreicht. 
Seine beste Rolle war Adolar in Webers Eury- 
anthe, sein ganzes Wesen, Stimme, Bortrag und 
Spiel, war für diese Rolle wie geschaffen." Der 
vor ihm auch in der Blüthe seiner Jahre ver 
storbene Dichter Ernst von der Malsburg hat ihn 
im Jahre 1822 mit folgenden Versen gefeiert: 
Wenn Dein Lied in sanften Tönen 
Dringt an unser Ohr, 
Hebt cs uns zum Quell des Schönen 
Zauberisch empor. 
Singe, lieber Sänger, singe 
Deine Melodiken, 
Die uns auf der Engel Schwingen 
Leise mit sich zieh'«. 
Glaub' cs nur, was Deinem Munde 
Zauberisch entthaut, 
Ist, was Gott in sel'ger Stunde 
Engeln anvertraut'. 
Den Kasseler Kunstfreunden war es aber nur 
wenige Jahre vergönnt, sich an der unvergleich 
lichen Stimme des gottbegnadeten Sängers zu 
erfreuen. Sein erstes Auftreten fand am 28. Juli 
1821 in Spontini's Vestalin statt, und nur ein 
mal war es ihm vom Schicksal vergönnt, in seiner 
glänzendsten Partie in der am 28. Juli 1824 
zum erstenmal gegebenen Oper Euryanthe auf 
zutreten. Sie war sei Schwanengesang. 
Von einer kurz darauf unternommenen Kunst 
reise kehrte er krank zurück und eine sich schnell 
entwickelnde Lungenzehrung endete das Leben des 
so viel bewunderten Künstlers am 1. Juni 1825 
in der Blüthe seiner Jahre. Wie groß und all 
gemein die Trauer über sein frühes Hinscheiden 
war, zeigte sich bei seiner Beerdigung. Dem 
Sarge folgte eine überaus große Anzahl seiner 
Freunde und Veehrer, sowie sämmtliche Mitglieder 
des Theaters und Orchesters. Unter Trauer 
gesang wurde der Leichnam aus dem Hause ge 
tragen und mit Trauermusik eingesenkt. Am 
Grabe widmete Hofrath Niemeyer dem Andenken 
des Künstlers Worte der Feier und der Wehmuth. 
Die Kasseler Zeitung zeigte seinen Tod mit 
folgenden Worten an: 
„Eine der anmmhigsten Stimmen ist hiernieden 
auf immer verstummt. Friedrich Gerstäcker, gleich 
liebenswürdig als Mensch, wie als Künstler, ist 
diesen Morgen nach einem langwierigen Kranken 
lager im Kreise einer trostlosen Familie und tief 
betrübter Freunde in den besten Altersjahren 
verschieden. Unsere Oper verliert in ihm den 
seltensten Schmuck und Reiz und Deutschland 
gewiß einen seiner ersten Tenoristen." 
Gleich in dem ersten Jahre seiner Bühnenthärigkeit 
am Kasseler Hoftheater hatte Gerstäcker auch 
Gelegenheit gehabt, Anerkennung seiner Leistungen 
von der berühmtesten Sängerin ihrer Zeit, zu 
finden. Es war die am 23. Februar 1749 als 
Gertrud Elisabeth Schmehling in Kassel geborene 
und zu einem Weltruf gelangte Mara. Sie 
hatte Kassel schon in ihrem sechsten Lebensjahre 
verlassen und in ihrem langen Leben ihre Vater 
stadt nur zweimal auf wenige Tage wieder auf 
gesucht, zum letzten Mal im Oktober 1821. 
Die Kasseler Kunstfreunde hatten damals ihre 
berühmte Landsmännin außerordentlich gefeiert, 
vor Allen aber die Kurfmstin Auguste, welche 
sie gleich nach ihrer Ankunft zu einer musikali 
schen Abendunterhaltung zu sich einlud. Die 
72jährige Sängerin hatte hier durch den Vor 
trag der Arie aus Händels Messias „Ich weiß, 
daß mein Erlöser lebt," allgemeines Entzücken 
und Erstaunen erregte. Bei einem am 11. Ok 
tober ihr zu Ehren im Stadtbau gegebenen Kon 
zert war auch die Kurfürstin erschienen, und der 
Künstlerin, als diese den Saal betreten, entgegen 
gegangen und hatte sie auf den Platz neben sich 
geführt. In einem damals erschienenen Bericht 
über dieses Konzert wird gesagt: „Der Gesang 
der Madame Arnold, geborene Reuter, uunseres 
Lieblings Gerstäcker und das Violinspiel des 
Herrn Wiele boten einen großen Kunstgenuß. 
Nach Beendigung des Konzerts wurde Mara 
von dem Adjutanten des Kurprinzen, Hauptmann 
von Steuber in den Speisesäal geführt, wo Kunst 
freunde ihr zu Ehren ein Abendessen arrangirt 
hatten und wo sie unter Pauken- und Trompetey- 
schall begrüßt wurde. Nach der Mahlzeit bot 
sie der Gesellschaft durch den Vortrag einiger 
Kavatinen den herrlichsten Genuß, worauf ihr 
Gerstäcker, der allein dazu würdig befunden war, 
einen Lorbeerkranz aufsetzte. 
Der Enthusiasmus für die berühmte Lands 
männin war so groß, daß beschlossen wurde, ihr 
an der Stelle, wo sie im Konzert gesessen hatte, 
ein Denkmal zu errichten, welches in einer da 
selbst einzusetzenden erzenen Platte mit ihrem 
Namen und Geburtsort und den Tag des Kon 
zertes bestehen spllte."
        

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