Full text: Hessenland (1.1887)

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Ufer legt er die Soldatenkleider ab und nun geht's 
in einem bereitstehenden Wagen flugs zum Thore 
hinaus. Gleichzeitig pafsiren andere Wagen alle 
anderen Thore Kassels. Zinn bleibt noch bis 
gegen Morgen im Kastell und erbittet sich dann 
die Erlaubniß, zu Hause seinen Kaffe trinken zu 
dürfen, kommt aber selbstverständlich nicht zurück. 
Um 8 Uhr begibt sich Aufseher Wagner auf 
Kellners Zelle und als er daS Nest leer sieht, 
wird er ohnmächtig. Die allgemeine Bestürzung, 
die dann folgte, spottet jeder Beschreibung. In 
Kassel war der Jubel der Demokraten ganz ohne 
Gleichen; ja ich glaube, daß selbst Feinde Kellners 
froh mit einstimmten. Einen köstlichen Witz, in 
welchem darauf angespielt wird, daß Demjenigen, 
der den Flüchtling Zinn einliefere, eine Belohnung 
von 300 Thlr. zugesagt war, machte Komiker 
Birnbaum im Hoftheater. Er hatte in der Rolle 
eines Gastwirths aufzutreten. Die Bedienung 
ist schlecht und bleibt trotz allem Rufen der Gäste 
durch längere Zeit unsichtbar. Endlich erscheint 
-der Gastwirth (man muß sich Birnbaums Grimasse 
denken!) und bittet kläglich um Entschuldigung: 
„„Verzeihen Sie! Mein Kellner ist mir durch 
gegangen und hat mir für 300 Thlr. Zinn mit 
genommen."" Du kannst Dir denken, daß das 
HauS vor lauter Beifall fast zusammengestürzt ist." 
Endlich wurde mir noch in einem vierten ge 
heimen Briefe mitgetheilt, der Strick am Eirenen- 
dusch sei nur zum Schein angebracht gewesen 
und Kellner sei durch das Kasteüthor entkommen. 
Auch erzählt dieser Brief von der Verhaltung 
eines Kasseler Posamentiers der in Betreff Kellners 
von einem Fluchtplane Kenntniß erhalten hatte 
und sie mittelst einer Denunziation verwerthen 
wollte, aber damals, als er diesen Versuch machte, 
nicht angehört wurde. Jetzt aber lvurde diese 
schöne Seele am Kragen gefaßt und in eine 
Untersuchung gezogen. 
Dr. Kellner blieb nicht in Lopdon, sondern 
ging nach Nordamerika. Anfangs soll er dort 
mit schwerer Noth gerungen hohen. Nachher 
wurde er Redakteur in einem der Südstaaten der 
Union. Gehört und gesehen habe ich leider nichts 
mehr von ihm, aber ich denke, er lebt noch"). 
Und was. ist aus seinem Commilito geworden, 
der, den Bitten der Braut folgend, nach England 
flüchtete? 
„Ach, der Tod» er raubt uns Alles; 
Wie ein Habicht raubt er uns." 
Schon bald nach Ausführung seiner Flucht eines 
frühen Todes verblichen, ruht Heise längst in 
fremder Erde*) **). Der Vulkan ist ausgebrannt. 
Nicht eine Handvoll Asche mehr ist sichtbar, die 
uns noch Zeugniß gäbe von dem Feuer, das da 
geglüht und gesprüht hat. 
Wer aber von den Zeitgenossen noch im Stande 
ist, die Lücken des von mir Erzählten zu ergänzen, 
oder mich da, wo ich vielleicht geirrt habe, zu 
berichtigen, den bitte ich, uns sein Wissen mitzu 
theilen. Ich lade ihn dazu ein im Namen der 
Geschichte. 
*) Dr. Golllieb Kellner lebt heute noch in Philadelphia als 
Herausgeber des „Philadelphiaer-Demokrat". Dr. Gottlieb Kellner, 
geb. .1820 zu Kassel, steht gegenwärtig in seinem 67. Jahre. Kellner 
hatte in Heidelberg und Marburg von 1840—1845 Rechtswissenschaft 
studirt, hatte sich dann als Privatdozent in der philosophischen Fakultät 
zu Göttingen habilitirt, von wo ihn das Jahr 1848 nach seiner Vater 
stadt Kassel zurückführte. D. Red. 
**) Heinrich Heise ist am 26. Januar 1860 zu Liverpool 
in seinem 40. Lebensjahre gestorben. Geboren war derselbe am 
29. Septbr.1820 in Hofgiismar, wo sein Vater, der nachmalige Steuer- 
Jnspekiör M. E. Heise, damals Steuerkommissar war. Heinrich 
Heise hatte sich erst spät zum Studium entschlossen, er brachte es 
vermöge seiner außergewöhnlichen Begabung in kürzester Zeit so weit, 
daß er im Herbst 1842 zu Hersfeld seine Maturitätsprüfung glänzend 
bestehen konnte und studirte dann von da bis 1846 in Marburg und 
Göttingen Rechtswissenschaft. D. Red. 
3n» .y 4. »4— 
Hin Gang über den Me« Kasseler Friedhof?) 
von W. vogge-Ludwig. 
II. Karl Friedrich Gerstäcker. 
Einige Wochen vor Jussow's Ableben wurde 
der gefeiertste Sänger an dem Kasseler Hoftheater, 
Karl Friedrich Gerstäcker, zu Grabe getragen. 
Auch ihm haben Freunde und Kunstgenossen auf 
dem alten Friedhofe ein Denkmal errichtet. Ein 
kunstvoll bearbeiteter, etwa 6 Fuß hoher Gedenk 
stein zeigt uns die Stätte seiner Ruhe. Die auf 
demselben angebrachte, jetzt auch schon ziemlich 
verwitterte Inschrift lautet: 
Karl Friedrich Gerstäcker 
geb. 15. November 1788, gestorben I. Juni 1825. 
*) Sieh Hessenland Nr. 12. 
Darüber stehen die Berje: 
Was seine Lippen uns gesungen, 
Was so von Herz zu Herz gedrungen, 
Es lebt zu unvergcßner Lust 
Unsterblich fort in jeder Brust. 
Unter den jetzt Lebenden finden sich nur noch gar 
wenige, denen der Gesang des berühmtesten 
Tenoristen feiner Zeit unvergessen geblieben ist, 
noch aber giebt es viele, welche bekunden können, 
mit welcher Begeisterung dessen Zeitgenossen noch 
in späten Jahren sich seiner erinnert haben. 
Eine derselben, die vom Jahre 1812 bis 1872 
am Kasseler Theater thätig gewesene Hofschau
        

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