Volltext: Hessenland (1.1887)

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Unter diesen Umstünden wurde sofort ein neuer 
Fluchtplan entworfen, der, unsere Einwilligung 
vorausgesetzt, auch Hvrnfcck und mich umfassen 
sollte. Wir beide aber lehnten ab, und zwar be 
stimmte unS hierzu die Einrede der Verjährung, 
die uns zur Seite stand, und die Erwägung, daß 
wir im schlimmsten Falle doch wohl nur eine 
solche Strafe zu gewärtigen haben möchten, die 
man immer noch lieber trägt, als daß man sein 
Vaterland aufgibt. 
Anders stand, die Sache bei Kellner, bei dem 
die Einrede der Verjährung höchst fraglich war 
und welcher nach meiner Kalkulation immerhin 
von Seite des Kriegsgerichtes, dessen verfassungs 
widrige Einsetzung und Kompetenz wir vergeblich 
anfochten, auf eine Gefängnißstrafe von 20 Jahren 
zu rechnen hatte. Eine solche Strafe wäre für 
Kellner gleich dem Tode gewesen. Er also mußte 
fliehen. 
Der Fluchtplan war schon im Herbste 1851 
fertig. Die Ausführung verzögerte sich aber 
durch die Jnhaftirung eines Militärarztes, der 
nicht in's Vertrauen gezogen werden durfte und 
leicht in der Lage gewesen wäre, den Plan zu 
vereiteln. So kam es, daß Hornfeck und ich 
trotz der Verjährung standrechtlich verurtheilt, 
unser Prozeß auch in der Revisivnsinstanz durch 
geführt und wir beide nach Spangenberg abge 
führt wurden, Kellner aber immer noch seinem 
Schicksal im Kastell zu Kassel entgegenharrte. 
Sein dortiger Aufenthalt hatte sich auch gleich 
in den ersten.Wochen arg verschlimmert. Der 
Kastell-Kommandant Willius hatte die von mir 
geschilderte Begrüßungsscene so gut bemerkt wie 
ich und Kellners Frau wiederholte den Gruß auch 
an den folgenden Tagen. Sie hatte dann um 
die Erlaubniß gebeten, ihren Mann sprechen zu 
dürfen, was ihr, wenigstens in den ersten Wochen 
der Untersuchung, abgeschlagen wurde. Nicht ohne 
stolzen Trotz kam sie dann, ihr Kind auf dem 
Arme, in den Kastellhof. Allgemeine Bestürzung! 
Die unglückliche Frau stand mitten im Hofe, der 
Zelle ihre» Gatten gegenüber, und der kleine 
Knabe winkte mit den Händchen und rief: Papa! 
Papa! Man forderte sie auf, zu gehen, aber sie 
blieb und wurdb schließlich mit Gewalt weggeführt. 
Die Folge davon war, daß Kellners Fenster 
tnit Blenden versehen wurde. Alles das wüßte 
Ich, hatte es mit angesehen, und nun die fort 
währende Verzögerung der Flucht! Kann sie 
Noch gelingen? Wird sie gelingen? 
Da endlich kommt die erste Botschaft zu mir 
Auf die Festung. Der Gefreite Linz, der bei 
Meinem Spaziergang auf dem Wall als mein 
Wächter hinter mir her zu trotteln hatte, raunt: 
sie mir am 15. Februar 1852.mit den leise gt* 
flüsterten Worten zu: „Wissen Sie schon? Der 
Kellner ist durchgegangen." 
Einen oder zwei Tage später erhielt ich dann 
auch einen Brief meiner Braut, den ich hier 
wörtlich mittheilen will: 
„Freuen wir uns! Dr. Kellner ist frei. In 
der Nacht vom 13. auf den 14. Febr. ist er 
mitsammt der Schildwache, mit dem Gardisten 
Zinn, geflüchtet. Die Flucht war mit großer 
Umsicht vorbereitet und wurde ebenso durchgeführt. 
Sämmtliche Telegrapheulinien waren durchschnitten 
und es dauerte bis 10 Uhr Vormittags, ehe das 
erste Telegramm zu Kellners Verfolgung abgehe» 
konnte. Das Abschneiden der Leitungen war 
eine schwere Arbeit gewesen. Nach dem unter 
irdischen Draht z. B., der nach Berlin geht, war 
sieben Nächte lang vergeblich gesucht worden. Ich 
hoffe, die Geflüchteten sind bereits in Sicherheit. 
Aber trotz dieser Freudenbotschaft, die mir meinen 
Geburtstag verherrlicht, sieht's in der Welt gar 
schrecklich aus" 
Ei» späterer Brief meiner Braut (natürlich 
kamen alle diese Briefe nur auf verbotenem Wege 
zu mir) erzählt weiter: „Das kriegsgerichtliche 
Erkenntniß gegen Keller lautet auf 35 Jahre. 
Warum nicht gleich auf 50, nicht gleich auf 100 
Jahre? Die Anklage beschMdigt ihn der Ver 
gehen schwerer Majestätsbeleidigung und des ver 
suchten Hochverraths." 
Ueber die Flucht wurde mir dann weiter be 
richtet : „Kellner hat mit seinem Retter Zinn und 
seinem Schwager glücklich das gastliche England 
erreicht. Zur Ausführung der Flucht war eine 
Nacht gewählt, in welcher sich Kommandant 
WilliuS außerhalb des Kastells auf einem Offizicrs- 
kränzchen befand. Gardist Zinn hatte damals 
die Wache am Frankfurter Thor beziehen sollen, 
war aber durch Tausch in's Kastell gekommen. 
Dort zeigt er seinen Kameraden einen großen 
Thaler, sagt, es sei sein Geburtstag heute und 
er wolle Etwas drauf gehn lassen. Er läßt dann 
Verschiedene- zum Essen holen und schafft einen 
Krug voll Schnaps herbei, der mit einem starken 
Schlaftrunk vermischt war. Es wird dann macker 
drauf losgezecht. Bei der Ablösung um 10 Uhr 
Abends kommt Zinn vor Kellner- Thüre. Diese 
wird geöffnet, dem Gefangenen ein Soldaten 
mantel angezogen und eine Pickelhaube aufgesetzt. 
So führt ihn Zinn dem schlaftrunkenen Posten 
vorbei, der im Kastellhof steht. Von da gehen 
Beide auf den Wall. Dort wird an einem 
Cirenenbusch ein Strick befestigt. An diesem 
läßt sich Kellner in einen Kahn hinab, der hier 
seiner auf der Fulda wartet. Am jenseitigen
        

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