Full text: Hessenland (1.1887)

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Rest auf allen Seiten vertheilt, so ging es unter 
der Sonne glühendem Strahle durch das steinige 
wüste Land fürbaß „hübsch in der ordnunge" 
fügt Schachten humoristisch hinzu. Bor Ort 
schaften eilte ein Reitertrupp voraus, um zu 
hindern, daß „die heidnischen Weiber undt kiendter 
die Pilger beschimpften undt mit steinen würffen." 
Dennoch geschah dieses oft genug, Pilger, welche 
außer Bereich des Geleites geriethen, waren in 
Lebensgefahr. Stellt man sich in dieser so über 
aus unwürdigen Lage die deutschen Reichsfürsten 
vor, so erscheint gewiß der Muth der Seele wie 
des Leibes bewundernswerth, welcher zum Aus 
harren um des idealen Zieles willen stärkte. 
Und diese Großen der Erde hatten Namen wie 
Alles ablegen müssen, was ihren hohen Stand 
hätte verrathen können, da sie sonst in die Ge 
fahr geriethen um Lösegeldes willen gefangen 
gemacht zu werden. Die Habgier der Mosle 
min spähte stets nach Solchen, aus denen sie 
mehr zu erpressen hoffen durften. Daher suchte 
man vorher die Galeoten (Schiffsleute) durch 
reiche Trinkgelder vom Verrathe abzuhalten, 
ohne dadurch demselben im gelobten Lande stets 
zu entgehen. Wie leicht mochte das an Ehrfurcht 
gewöhnte Gefolge, selbst wenn es auf seiner 
Hut war, solche Männer bloßstellen! Der Patron 
einigte sich mit der Behörde über den Zoll für 
seine Pilgertrupp:, welcher stets sehr hoch ge 
trieben wurde. Zu Ramla, dem Haltepunkte 
zwischen Jaffa und Jerusalem, hielt man die 
Karawane drei Tage durch die Bestimmung des 
Tributs an die Behörden auf „wir lebtenn mit 
Essenn und Trinckenn übel" hören wir da. In 
furchtbarer Hitze ging es weiter, ein Brunnen 
lockte zu gieriger Benutzung, bald starb ein alter 
Pilger auf seinem Esel, sofort von den „Heiden" 
ausgeplündert. Durch wildes, elendes Aussehen 
fallen die umherschweifenden Arabi (Beduinen) 
auf, von deren Bestialität wir abschreckende Züge 
erfahren und gegen welche die Mamalucken und 
Türken vortheilhaft hervorgehoben werden. Die 
übermäßige Hitze wurde vielen gefährlich, doch 
trat Abends Kühle ein, sie erholten sich „Gott 
schickett es zum besten»" tröstet Schachten. Es 
kam vor, daß beim Aufbruche die, welche den 
Namen ihres Eselführers vergessen hatten, zu 
Fuße gehen mußten, ein Mühsal, dem sich nicht 
einmal die Eingeborenen unterzogen. Jedes 
Auf- und Absitzen mußte mit einem Bakschisch 
vergolten werden, dabei thaten die Treiber auch 
„sonsten viel buberey, stahlen» u. s. w." Die 
bergigen, steinigen Wege verursachten nicht selten 
Straucheln der Thiere, besonders in der Nacht, 
dann war ein Sturz fast unausbleiblich, der aber 
dann noch ein Geldopfer zur Folge hatte. Doch 
der schmachvolle Ritt hat auck ein Ende. 
Am Morgen des 15. August erblicken die 
vordersten Pilger das lo heiß ersehnte Ziel — 
vor ihnen erglänzen die Zinnen der heiligen Stadt, 
ein Anblick, der alle ausgestandenen Leiden ver 
gessen macht. Thränen der Rührung brechen 
aus manchem Auge, Alle drängen nach vorn, 
springen von den Thieren, umarmen einander, 
fallen nieder zu inbrünstigem Gebete. Bor der 
Stadt erwarten Mönche den Zug, welche für die 
Unterkunft gesorgt haben. Den Landgrafen, 
Philipp von Hanau und die übrigen Deutschen 
nahm ein Haus auf, in dem sie auf tem kahlen 
Erdboden lagen, dessen Wirth keinerlei Speise 
oder Trank für sie hatte. Da ziehen sic selbst 
aus. kaufen sich Nahrung, Holz u. A. Der 
Guardian sendet ihnen Teppiche und Aehnliches, 
so richten sie sich nothdürftig ein. Vorschriften 
für ihr Verhalten werden ihnen eingeschärft, Ver 
stöße können schlimme Folgen, ja Gefahr für 
das Leben bringen. Gleich am folgenden Tage 
beginnen die Pilger unter Führung der Mönche 
den Besuch der hxiligen Stätten, die Verehrung 
der Reliquien. Zahlreich sind diese Orte in der 
Stadt, wie in deren Umgegend, in beständiger 
Aufregung und Entzückung bringen die frommen 
Männer ihre Gebete, ihre Opfergabcn dar. Eine 
erste Nacht wird im Tempel über des Heilands 
Grabe in stiller Andacht ausgeharrt, später liegen 
die Pilger noch eine Nacht zur Vorbereitung im 
Gebete auf des Tempels Fußboden, um dann 
gegen Morgen zum Anblicke des höchsten Heilig- 
thnmes zugelassen zu werden. Ampeln erleuchteten 
den unterirdischen Raum, durch eine schmale 
Oeffnung geht man ein zu dem Grabe des 
Heilandes, von Schauern der Andacht durchbebt. 
Nach diesem ritt die ganze Schar der Pilger gen 
Betlehem, eine Anzahl ehrwürdiger oder heiliger 
Stätten zu besuchen, und dann lagen sie eine 
dritte Nacht betend im Tempel. Nun »gelten sie 
für würdig zur Aufnahme als Ritter vom heiligen 
Grabe, der dafür vom Papste Bevollmächtigte 
ertheilt dem knieenden L. Wilhelm den Ritter 
schlag mit der Fähigkeit, die übrigen Geprüften 
aufzunehmen. Der neue Ritter vollzieht die 
Ceremonie an dem Grafen von Hanau, ihren 
Begleitern und allen noch Anwesenden. Alle 
diese Anstrengungen, bei elender Lebensweise, zur 
Höhezeit des syrischen Sommers, wurden in 8 
Tagen vollbracht, während sonst meist 14 Tage 
dafür verwendet wurden. 
(Fortsetzung folgt),
        

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