Full text: Hessenland (1.1887)

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gütig gewesen waren, die sachkundige Führung zu über 
nehmen, hielt aus dem Baustil und namentlich aus 
dem eigenthümlichen bei dem Bau verwendeten sog. 
römischen (mit Ziegelmehl vermischten) Mörtel, die 
Annahme, auf deren nähere Begründung hier nicht 
eingegangen werden kann, für gerechtfertigt, daß der 
Bau schon aus der Zeit der Karolinger herrühre. 
Wenn nun auch der Beweis, daß diese Kirche be 
reits zu einem dort befindlichen Kloster gehört habe, 
nicht zu erbringen steht, so ist doch aus dem Vor 
handensein einer solchen Kirche zu folgern, daß Kau 
fungen schon zu dieser Zeit ein bedeutenderer Ort 
gewesen sein muß. Diese Annahme findet auch da 
rin Bestätigung, daß Major v. Roques eine von 
dem Sohne Karls des Großen, Ludwig dem Frommen, 
in Kaufungen aufgestellte Urkunde aufgefunden hat. 
Von dieser Kirche begab man sich alsdann nach etwa 
300 Schritt davon entfernt auf gleicher Höhe, aber 
durch eine Thalschicht getrennt liegenden Mauerresten, 
welche deutlich erkennen lassen, daß hier einst ein 
stattliches burgähnliches Gebäude gestanden hatte. 
Am Ende des sehr steil zur Höhe führenden Weges 
befindet sich nämlich rechts desselben der Rest einer- 
festen, noch jetzt der Zerstörung trotzenden Mauer 
und dieser entsprechend auf der anderen Seite eine 
als Grundmauer zn einem dort später aufgeführten 
Gebäude benutzte mehrere Fuß hohe Mauerwand. 
An dieser Stelle ist unzweifelhaft der Eingang zu 
dem Gebäude zu finden, dessen Größe sich nach den 
auf den gegenüberstehenden Seiten in einer Höhe von 
15 und 20 Fuß noch wohlerhaltenen festen, zu Rück 
wänden dort später aufgebauten Häusern verwendeten 
Mauern genau bestimmen läßt. 
Das in einem regelmäßigen Viereck erbaut gewesene 
Haus hatte nach vorgenommener Messung eine Länge 
und Breite von 150 Fuß. Da sonstige Ueberreste 
eines größeren so alten Baues am Orte nicht zu 
finden find, so hielt man, wenn auch der Beweis aus 
der Bauart selbst nicht entnommen werden kann, doch 
die Annahme für begründet, daß an diesem Platze 
das Gebäude gestanden habe, welches einst Ludwig dem 
Fromme« und Heinrich II. mit seiner Gemahlin vor 
Gründung des Klosters zum Aufenthalt gedient hat. 
Nachdem der Vorsitzende des Vereins Major a. D. 
v. Stamford den Führern für ihre sachkundige vor 
treffliche Leitung den Dank ausgesprochen hatte, wurden 
noch einige Stunden in der recht guten in der Nähe des 
Bahnhofs gelegenen Riemannschen Restauration in ge 
müthlichem Zusammensein verbracht, worauf die Theil- 
nehmer in hohem Grade von dem in jeder Beziehung sehr- 
gelungenen Ausflug befriedigt den Rückweg in die 
Heimath antraten. * § R.-F. 
* 
Kassel. Die Wittwe des Altmeisters Louis 
Spohr's, Marianne, geb. Pfeiffer (Tochter des 
am 4. Octbr. 1852 verstorbenen Oberappellations- 
gerichtsraths Dr. Burchard Wilhelm Pfeiffer), 
beging am 17. Juni in vollcr Rüstigkeit ihren 
achtzigsten Geburtstag. Schon am frühen 
Morgen dieses Tages fanden sich zahlreiche Gratulanten 
in ihrer Billa ein, um die Matrone zu beglückwünschen, 
darunter eine Deputation der Mitglieder des königl. 
Theaterorchesters, welche eine schön ausgestattete Adresse 
überreichte. Unser Theaterorchester verdankt Louis Spohr 
bekanntlich in's Besondere die Begründung seines 
Pensionsfonds. Bemerkenswerth ist. daß die Frau 
General-Musikdirektor noch heute in ihrem hohen 
Alter alle Kunstangelegenheiten mit dem lebhaftesten 
Interesse verfolgt, ja auch den Erzeugnissen der 
modernen Musikrichtnng freundliche Beachtung schenkt. 
* . * 
* 
Kassel. Unser „K önigliche s Th eater" be 
schloß mit der am 27. Juni erfolgten Aufführung 
des Bauerfeld'schen Charaktergemäldes „Krisen" die 
Saison. Diese Vorstellung bildete einen bedeutsamen 
Moment in der Geschichte des Kasseler Theaters, 
schied doch hierin ein Künstler aus seinem Mitglieder 
verband, der dreißig Jahre hindurch ihm als besondere 
Zierde angehörte. War Friedrich Hesse auch 
kein Kind unserer engeren Heimath, so verdient er 
dennoch in dieser, hessischen Interessen gewidmeten 
Zeitschrift eine Würdigung zn erfahren, weil er in 
einer solchen langen Zeit seine Künstlerkraft in den 
Dienst eines der vornehmsten Institute Hessens stellte. 
Er gehört zu jenen Darstellern, welchen die Kunst 
allein Endzweck, nicht wie es jetzt leider so häufig 
geschieht, Mittel zu Selbstgefälligkeitszwecken ist. 
Selten dürften Künstler anzutreffen sein, die durch 
solch' liebenswürdigen Humor ausgezeichnet sind, wie 
gerade „unser alter Hesse", wie- er allgemein genannt 
wird. Voller Lebenswahrheit waren alle Schöpfungen, 
welche er vor uns erstehen ließ, und sein Talent über 
haupt von einer außerordentlichen Vielseitigkeit. 
Meister war er aber vor allen Dingen in der originellen 
Wiedergabe älterer humoristischer Charakterrollen. 
Und in diesem Fache gerade wird er in unserem En 
semble eine schwer auszufüllende Lücke hinterlassen. 
Wer ihn nur einmal in einer Shakespeare'schen Auf 
gabe, beispielsweise als „Ambrosius", „Zettel" rc. 
gesehen, oder als „Piepenbrink" (Journalisten), 
„Adam" (Zerbrochene Krug), „Griesinger" , (Dr. 
Klaus), der wird jo leicht die Erinnerung daran 
nicht verlieren. Im Schau- und Lustspiel, wie in 
der Posse gleich groß, hat Hesse in der langen 
Spanne Zeit Tausende von Menschen durch seine 
Kunst entzückt. Jetzt, obgleich schon achtund siebzig 
Jahre alt, ist er noch im Vollbesitz der Frische 
des Körpers und des Geistes. Als „Lämmchen" in 
„Krisen-, ebenfalls eine seiner Glanzleistungen, hat er uns 
das Scheiden nur noch schwerer gemacht, denn noch um 
nichts von der Last der Jahre beeinträchtigt, erschien diese 
Darstellung des Künstlers. Das in allen seinen Räumen 
dicht besetzte Haus überschüttete den greisen Kunst 
veteranen bei jeder nur schicklichen Gelegenheit mit 
Applaus, Blumen- und Kranzspenden. Kurz und 
herzlich, wie sein ganzes Wesen, waren die Worte 
des Dankes und des Abschiedes, welche er an das 
Publikum richtete, als es ihn am Ende der Auf 
führung immer wieder stürmisch herausrief. Mit 
Recht hob der Intendant Herr Baron v. Gilsa bei 
der internen Feier auf der Bühne hervor, daß Herr 
Hesse nie zu denjenigen Künstlern gehört habe, welche
        

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