Full text: Hessenland (1.1887)

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den Ovid. Ostern 1833 wurde ich an das neuzu 
gründende Gymnasium in Marburg versetzt und Ostern 
1835 an das neuzugründende Gymnasium in Kassel. 
Sie sehen aus diesem kurzen Abriß meines Lebens, 
daß mich das Glück in seltener Weise begünstigt 
hat, aber ich wiederhole: von allen Geschenken des 
Glücks ist mir keins werthvoller, als daß es mir 
gelungen ist, bk Achtung, das Vertrauen, die Liebe 
und dankbare Anhänglichkeit meiner Schüler zu er 
werben. Und wenn ich sehe und höre, wie diese zu 
hohen Würd.m und einflußreichen Stellungen empor 
gestiegen sind, so erfüllt dies mich mit Frende und 
'wohl anch mit — einigem Stolze, weil ich, vielleicht 
unberechtigter Weise, mir schmeicheln zu dürfen glaube, 
daß ich ein ganz klein wenig dazu beigetragen haben 
könnte. Auf das fernere Wohlergehen meiner Schüler, 
aus deren Kreise leider schon vrele, recht viele vor 
mir dahin gegangen sind, erlaube ich mir ein Glas 
zu leeren. 
Alle Anwesenden dankten, von dieser Rede tief be 
wegt, dem Geburtstagskind durch Anstoßen mit 
ihren Gläsern, worauf Reg.-Rath Dr. Falckenheiner 
in einer häufig durch Beifall unterbrochenen Rede 
die Verdienste des sich ewiger Jugend erfreuenden 
Gefeierten als Lehrer hervorhob. 
Groß war die Anzahl der an dem Abend noch 
eingehenden telegraphischen Glückwünsche, es waren 
deren den Tag über mehr als 100 eingegangen, darunter 
einige in Versen, so ein Gedicht von dem Landgerichts 
rath Reul in Hanau in dithyrambischer Form, 
welches von dessen erfolgreichen klassischen Studien 
Kunde gab, und folgendes, mit großem Beifall auf 
genommenes Gedicht des Chef-Redakteurs der 
Münchener „Allgemeinen Zeitung", Otto Braun: 
eißen Glückwunsch Dir zu Füßen, 
litz ich, theurer Flügelmann, 
Daß ich Dich nur s o begrüßen, 
Dir die Hand nicht drücken kann! 
Fehl ich auch beim Liebesmahle, 
Das die Freunde Dir gedeckt, 
Denk ich Dein bei einer Schale 
Doch vom allerbesten Sect! 
Hessen- Dankbarkeit und Treue 
Löscht nicht ans der Jahre Schwamm, 
Dies bekunde Dir auf's Neue 
Eines Schülers Telegramm. 
Zuletzt kam auch noch der Humor zur Geltung, 
indem Amtsrichter Büff in einer mit wahrem und 
ächtem Humor gewürzten Rede die Leiden und Freuden 
eines Gymnasiasten schilderte. 
Nicht wenig trug es zum Gelingen des Festes bei, 
daß es dem 80jährigen Geburtstagskinde vergömit 
war, demselben trotz aller Aufregungen, welche der 
Tag für ihn gebracht hatte, in voller geistigen und 
körperlichen Frische bis zu ziemlich später Stunde 
beizuwohnen. Daß ihm diese seltene Rüstügkeit noch 
lange erhalten bleiben möge, ist nicht nur der Wunsch 
seiner ehemaligen ihm so "dankbaren Schüler, sondern 
Aller, welche dem hochverdienten Manne je im Leben 
mähe getreten sind. R.^L. 
Ka u fun gen. Zwei von dem Herrn Major a. D. 
v. Roques in dem Verein für hessische Ge 
schichte undLandeskunde zu Kassel gehaltene, 
auf den gründlichsten und umfassendsten Studien be^ 
ruhende Borträge über die heilige Kunigunde, 
Gemahlin Kaiser Heinrich II., und das von ihr im 
Jahre 1019 zu Kaufungen gestiftete Klo ster, 
hatte Veranlassung gegeben, daß eine größere Anzahl 
der Mitglieder dieses Vereins auf Einladung des 
Vorstandes desselben, am 18. Juni d. I. einen Aus 
flug nach Kaufungeu zur Besichtigung und Erforschung 
der dort aus jener Zeit noch vorhandenen und für 
die Geschichte dieses Ortes großes Interesse bietenden 
Gebäudereste unternahm. Zunächst galt es am Morgen 
dieses Tages der Aufsuchung und Besichtigung einiger 
nach Angabe des leider an der Theilnahme verhinderten 
Herrn Vortragenden im Kaufunger Stiftswald noch 
auffindbaren Mauerreste von drei zum Kloster ge 
hörig gewesenen Klosterkapellen. Solche waren aber 
nur noch von der bei dem Dorfe St. Ottilien gelegen 
gewesenen Kapelle St. Juliane in einem den Namen 
„Stadtkirche," führenden Tannendickicht aufzufinden 
und an sieben Meter langen und' 1V 2 Meter breiten 
Mauerresten, als von einer Kapelle herrührend erkenn 
bar. Für den geringen Erfolg der Aufsuchung, welche 
mehrere Stunden in Anspruch genommen hatte, wurden 
die Theilnehmer dadurch entschädigt, daß der Weg 
bei dem herrlichsten Wetter durch den prächtigen, oft 
die wundervollste Aussicht nach Kassel und Umgegend 
bietenden Wald führte, dessen Besuch nicht genug 
empfohlen werden kann. Da ferner in den Borträgen 
die Vermuthung ausgesprochen war, daß schon vor 
der Klostergründung durch die heilige Kunigunde 
in Kaufungen ein Kloster bestanden habe, jeden 
falls aber die Annahme gerechtfertigt sei, daß schon 
vorher in dem schon bedeutenderen Ort ein Gebäude 
vorhanden gewesen sei, welches dem Kaiserpaare bei 
seinem mehrmaligen urkundlich nachweisbaren Besuche 
dieses Ortes vor der Klostergründung zum geeigneten 
Aufenthalt habe dienen können, so wurden diese beiden 
Fragen neben eingehender Besichtigung der in ihrem 
Äußern und Innern im Laufe der Jahre durch Brand 
und dergleichen vollständig veränderten und daher 
weniger historisches Interesse bietenden Stiftskirche, 
hauptsächlich einer näheren Prüfung unterworfen. 
In erster Beziehung gründet sich die Annahme von 
dem früheren Vorhandensein eines Klosters oder einer 
klosterähnlichen Stiftung zumeist auf die neben der 
Stiftskirche noch vorfindlichen Ueberreste einer einst 
bedeutend gewesenen Kirche, von welcher aber nur noch 
der nach Osten gelegene, für Chor und Altar bestimmt 
gewesene Rundbau (die Aspis), gut crhaltcn, den Baustil 
und die einstige Bedeutung erkennen läßt, während 
dies bei dem übrigen, später zur Brauerei und jetzt 
zum Speicher dienenden Theile derselben nicht der 
Fall ist. 
Herr Professor Schneider, Lehrer der Architektur 
an der Kasseler Akademie, welcher nebst dem 
Herrn Stiftssyndikus Wiskemann und dem mehrere 
Jahre in Oberkaufungen als Amtsrichter in Thätig 
keit gewesenen Herrn Amtsgerichtsrath Knatz, die so
        

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