Full text: Hessenland (1.1887)

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deS Professor- Caesar in Marburg über. welcher ihn 
dem hiesigen Gymnasium krickerieiunum mit der Be 
stimmung» ihn bei frohen Schulfesten zu benutzen, 
geschenkt hat. Der unter uns weilende Direktor 
dieses Gymnasiums, Dr. Bogt, glaubt nun, daß der 
heutige Tag eine passende Gelegenheit biete, ihn zu 
solchem Zwecke einzuweihen. So reiche ich ihn nun 
Ihren, Herr Profeffor, mit der Bitte, «ns daraus 
nunmehr Bescheid zu thun. Meine Herrn, unser ver 
ehrter Lehrer, Herr Profeffor Dr. Flügel lebe Hoch, 
— Hoch und nochmals Hoch! 
Nachdem das ausgebrachte Hoch den lebhaftesten 
Anklang bei den Festgenoffen gefunden hatte, sprach 
der Gefeierte, sichtlich bewegt und ergriffen, in fol 
gender Weise seinen Dank aus, für die ihm an diesem 
Tage bezeigte Liebt und Anhänglichkeit seiner ehe 
maligen Schüler: 
Nehmen Sie vor allen Dingen meinen herzlichsten, 
innigsten Dank für die Beweise von Liebe und An 
hänglichkeit, mit denen Sie mich, wie schon früher 
bei mehreren Gelegenheiten, so auch heute wieder in 
so hohem Grade beehren. In dieser Ihrer Liebe 
sind« ich, deffen seien Sie versichert, eines der köst 
lichsten Güter, die mir zu Theil geworden sind, ein 
Gut, dem ich kaum ein anderes zur Seite setzen 
möchte, so sehr auch mein Leben von Glück reichlichst 
begünstigt worden ist. 
Als achtjähriger Knabe, ein Kind unbemittelter 
Eltern, die ihre gesammte Habe in der Schlacht bei 
t anau verloren hatten, als die Franzosen, um ihren 
ückzug zu decken, die Borstadt in Brand schaffen, 
trat ich in das sog. reformirte große Chor ein, als 
Chorschüler, oder wie man in Thüringen sagte, als 
Currendschüler oder um mit Luther zu sprechen» der 
bekanntlich in Eisenach in gleicher Lage war, wie ich, 
als Parthekenhengst. Im Sommer und Winter, bei 
Hitze und Kälte, Wind und Wetter, bei Regen und 
Schnee, im Winter nur durch ein kurzes Mäntelchen 
nothdürftiq gegen die rauhe Witterung geschützt, zogen 
wir Chorschüler durch die Straßen und sangen vor 
einzelnen Häusern Choräle und geistliche Lieder und 
ich als der Jüngste mußte nach vollendetem Gesang 
in die Häuser, mit der Büchse in rer Hand gehen, 
um dir paar Kreuzer einzusammeln, die wir am Ende 
der Woche unter uns theilten. Wenn mir in dieser, 
für daS zarte Knabenalter traurigen Stellung Jemand 
gesagt hätte, „sei guten Muthes, mein Junge, es 
wird dir später besser gehen, du wirst dereinst in 
eine Lage kommen, die mir der jetzigen in stärkstem 
Gegensatz steht," so würde er keinen Glauben ge 
funden haben. Doch es kam so. In meinem 13te« 
Lebensjahr — ich war Tertianer und noch Parthekenhengst 
— wurde ich gewürdigt Unterricht zu ertheilen und 
zwar im — Griechischen. Der damalige Lehrer am 
Gymnasium, Profeffor Hupfeld, der nachmals be 
rühmte Orientalist an der Universität Halle, rief 
mich eines Tages zu sich und sagte: Da sitzen zwei 
Jungen, die im Griechischen nicht mit fortkommen» 
gib ihnen Privatstunden, damit sie nicht zurückbleiben. 
Ich erschrak fast zu Tode und sagte weinend: ach 
Herr Profeffor, ich kann ja selber noch Nichts. Er 
aber sagte ermuthigend, so viel Du brauchst, kannst 
Du." Ich folgte dem Befehl. WaS ich dem Herrn 
Profeffor gesagt hatte, war vollständig richtig. Aber 
Pflicht- und Ehrgefühl trieben mich zum angestreng 
testen Fleiß an. Ich lernte tüchtig, was ich nach 
einigen Stunden zu lehren hatte. Ich trieb cs also 
noch ärger, als die Herren, welche Schiller so scharf 
geißelt, wenn er in dem Reime in derber Weise sagt: 
„was sie gestern gelernt, das wollen sie heute schon 
lehren: Ach! was haben die Herrn doch für ein kurzes 
Gedärm!" Ich hatte nun weniger Bergnügen am 
Unterrichten, als an der Entgegennahme des Honorar-. 
So schlecht auch mein Unterricht gewesen sein muß, 
ich wurde bald für die sog. „Präparationsstunden" 
ein — ich möchte fast sagen — begehrter Lehrer, so 
daß ich im 15ten Lebensjahr die Kosten der Beklei 
dung und des Schuhwerkes auS meinem Erwerb be 
streiten konnte. Als ich in die Prima gekommen war, 
mußte ich nicht selten schon als Gymnasiallehrer auf 
treten. Wenn nämlich ei« Lehrer erkrankte, wurde 
der Lehrer der Quarta — die Zahl der Lehrer war 
eine sehr beschränkte — an Stelle des Erkrankten in 
die oberen Klassen beordert und ich wurde nach 
Quarta geschickt, wo ich Lateinisch lehrte. Zu Ostern 
1826 verließ ich das Gymnasium, galt aber seltsamer 
Weise immir noch als Schüler, und als im Herbst 
1826 Dr. Münscher der Aeltere nach Hanau kam, 
fand er mich zwar auf der Liste der Prima, mich 
selbst aber nicht. Auf seine Frage nach mir, ant 
worteten die Primaner: „der kommt nicht" und als 
er verwundert den Direktor Dr. SchuppiuS darüber 
fragte, erhielt er zur Antwort: der wendet feine Zeit 
zu Hause gut an, kaffen Sie ihn in Ruhe! Nach 
dem ich durch vermehrten Unterricht und erhöhtes 
Honorar so viel erworben hatte» daß ich glaubte ein 
Jahr auf der Universität aushalten zu können, machte 
ich Ostern 1827 mein Maturitätsexamen, das ich 
mit dem Prädikat: „vorzüglich" bestand und ging 
nach Heidelberg. Auch hier begünstigte mich das 
Glück. Es gelang mir, was nur Wenigen geglückt 
sein mag. Ich erhielt keinen Zuschuß von Haus, 
bezog kein Stipendium, weder vom Staat noch von 
einer Behörde, erhielt vdn keinem Privatmann irgend 
welche Unterstützung und trotzdem hatte ich nie emen 
Heller Schulden, war nie ohne Geld, mußte meinen 
Landsleuten nicht selten, wenn ihnen der Wechsel aus 
geblieben war, pumpen und als ich Ostern 1830 
Heidelberg verließ, geschah dies mit ziemlich gefüllter 
Geldbörse. Doch ich merke, daß ich in's Schwatzen 
gekommen bin und mancher von Ihnen mag schon 
s tacht haben: der alte Cicero hat Recht, wenn er 
agt: genectus est loquacior. Nach 2'/,jährigen sehr 
angenehmen Aufenthalt in Frankfurt, ging ich mit 
eimgem Widerstreben — ich hatte nicht die Aussicht 
in hessischen Staatsdienst zu treten — nach Hanau, 
wo ich an Stelle des als Direktor nach Hersfeld 
versetzten Münscher deffen Unterrichtsstunden über 
nehmen mußte. Ich bekam demnach in Prima mit 
Ausnahme des Horaz den ganzen lateinische« und 
S iechischen, in der Secunda den gesammten lateini» 
en und griechischen Unterricht und in der Tertia
        

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