Full text: Hessenland (1.1887)

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Im Mai ergeht allerhöchster Befehl, wonach die 
Polizei dafür zu sorgen hat, daß am Himmelfahrts 
tage und am zweite« Pfingsttage am Wilhelmshöher 
Thore Wagen bereit stehen, welche für weniges Geld 
Personen nach Wilhelmshöhe fahren. 
Am 12. Jum wird der erste Viehmarkt auf dem 
Forste abgehalten und mit Musik eröffnet. 
Am 7. November stürzt sich die Gouvernante der 
gräflich Reichenbach'schen Kinder aus dem 2. Stock 
des Palais in den Hof und bleibt todt. 
Am S. November 1828 wird bekannt gemacht, 
daß vom Zeughause an eine neue Straße (die Ar- 
tilleriestraßch angelegt werden soll. Die Verschöne- 
rungSkomission erhält von jetzt an den Namen Ver- 
größerungskomission. 
Am 13. December ergeht Befehl, die Lindenbäume 
auf dem Friedrichsplatz auszuroden und neue zu 
pflanzen. * 
* $ 
Etwas von ISröme. In einer, der hessischen 
Geschichte gewidmeten Zeitschrift kann auch des Hiero 
nymus Bonaparte, weiland Königs von Westfalen, 
gedacht werden. Ich war, so erzählte mir vor fünf 
zig Jahren der, im Jahre 1856 auf seinem Schlosse 
Bodenstein auf dem Eichsfeld verstorbene, vormalige 
Württembergische Minister, Graf Winzingerode im 
Jahre 1815 Gesandter des Königs Friedrich von 
Württemberg im Hauptquartier der Verbündeten. 
Ich hatte vom König auch den Auftrag erhalten, da 
für zu sorge«, daß man seinen Schwiegersohn 
Jörüme, der bekanntlich in der Schlacht bei Waterloo 
ein Kommando gehabt, unangefochten nach Württem 
berg entkommen laste. Meine, selbstverständlich vor 
sichtigen Erkundigungen nach dem Aufenthalt 
JärSmes hatten keinen Erfolg. Eines Morgens, es 
war, wenigstens für Paris, noch recht früh» weckte 
mich mein Diener, mit der Meldung, es sei ein Herr 
da. welcher mich baldigst zu sprechen wünsche, und 
sich nicht habe abweisen lassen, seinen Name» jedoch 
nicht nennen wolle. Etwas besonderes vermuthend, 
stand ich auf, kleidete mich an, und ließ den Fremden 
eintreten. Es war der vormalige König von West 
falen, in der einen Hand einen ziemlich großen Kasten 
tragend. Anfangs wollte er sich mir gegenüber, wie 
man zu sage» pflegt, noch auf den König spielen. 
Ich bemerkte ihm jedoch sehr kühl, er möge daS lasten; 
das Stück habe ausgespielt, und ich würde froh sein, 
wen» ich ihn, den Schwiegersohn meines Königs, 
dessen Auftrag gemäß, durch die alliirte» Armeen «n- 
! gefährdet nach Württemberg dirigirt hätte. Wir be- 
prachen hierauf die zu ergreifenden Maßregel». Ich 
besorgte die nöthigen Päffe, und Jöröme konnte noch 
an demselben Tage Paris verlassen. JörSme bat 
mich de« Kasten zu bewahren, er enthalte die West 
fälischen Kronjuwele». Endlich, und das ist der 
Humor der Geschichte, mußte ich ihm noch einen 
Kamm und ein Hemd leihen. Den Kasten habe ich 
getreulich abgeliefert, Kamm und Hemd aber nie 
wieder gesehen, was freilich nichts schadete, da ich 
doch kernen Gebrauch mehr davon machen konnte. 
Sic transit gloria mundi! v , qx. 
Aus Aeirrraty und Fremde. 
Kassel. Flügel-Feier. Die in der 
vorigen Nummer kurz erwähnte Feier deS acht 
zigsten Geburtstages deS Professors Dr. 
Flügel gestaltete sich durch die vielfachen Beweise 
der Liebe und Verehrung, welche dem hochgeschätzten 
Lehrer von einer überaus großen Anzahl seiner ehe 
maligen Schüler dargebracht wurden, zu einem wahr 
haft seltenen Feste. Diese Liebe und Verehrung zeigte 
sich namentlich bei dem am Abend des Tages in den 
Räumen des Lese-Museums veranstalteten Festessen, 
bei welchem der älteste der anwesenden ehemaligen 
Schüler, Geh. Regierungsrath Fritsch, den Gefühlen 
aller Anwesenden m folgenden Worten Ausdruck ver 
lieh : „Wir feiern heute ein ebenso seltenes, als frohes 
Fest, einen achtzigsten Geburtstag» welchen in geistiger 
Frische und körperlicher Rüstigkeit zu erleben, dem 
Geburtstagskind durch GötteS Gnade vergönnt ist. 
Unwillkürlich richten sich da unsere Blicke in die 
ferne Vergangenheit. Im Jahre 1835 geschah rS, 
daß an Stelle des alten Lyceum Fridericianum hier 
ein staatliches Gymnasium errichtet wurde. Tüchtige 
Lehrer wurden an dasselbe berufen, darunter Dr. 
Flügel, welcher damals in der Blüthe deS Lebens 
stand. Bald gehörte er zu den tüchtigsten Lehrern 
der Anstalt und gewann sich rasch die Liebe und Ver 
ehrung seiner Schüler durch die Art, wie er dieselben 
behandelte, und durch seine anziehende Lehrwrise. 
Weit entfernt vnn lässiger Handhabung der Schul 
zucht übte er solche auch keineswegs in pedantischer 
Weise. Kleinigkeiten übersehend, wußte er durch 
einen Blick oder ein Wort de» sich vergessende« 
Schüler zu seiner Pflicht zurückzuführen. Bei dem 
anregenden und fesselnden Vortrag Dr. Flügel's, 
welchem die Schüler von selbst stets aufmerksam 
folgten, war solches nur höchst selten nöthig. 
Lange Jahre, mehrere Generationen hindurch hat 
er an obengedachtem Gymnasium gewirkt, zahlreiche 
Schüler kamen und gingen; keiner aber hat die 
Schule verlassen und ist in' die Welt hinausgegangen, 
ohne ihm Zeit seines Lebens Dankbarkeit und Liebe 
zu bewahren. Davon geben die vielen Glückwünsche, 
welche heute aus der Ferne hier eingelaüfen sind und 
auch der große Kreis Zeugniß, welcher sich heute «m 
den geliebten Lehrer versammelt hat. Besitzt derselbe 
auch nicht Weib und Kind, so fehlt ihm doch nicht 
die Familie. Denn diese Hilden wir, seine ihm mit 
Dankbarkeit und Liebe verehrenden Schüler , deren 
Herze» von den wärmsten Wünschen füx das fernere 
Wohlergebe» unseres vorhinnigen Lehrers erfüllt sind. 
Möge es ihm beschicken fein, noch viele Jahre in 
Gesundheit und Frohsinn unter uns" zu weilen! 
Bevor ich Sie, meine Herrn, nun auffordere, diese 
Wünsche durch ein lautes Hoch auf Herrn Professor 
Flügel zu bekräftigen, überreiche ich demselben hier 
mit einen Becher, welcher- s. Z. einem Lehrer von 
seine« dankbaren Schülern gewidmet ist. Er wurde 
dem letzte» Rektor des I-yovnms, Professor Dr. 
Caesar zu seinem 50jährigen Jubiläum von diesen 
verrehrt, und ging dann in den Besitz seines Neffen,
	        

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