Full text: Hessenland (1.1887)

Dev Kinde Trost. 
Frühlingsmilde Lüfte weh'n 
Und die Blüthen sprossen. 
Doch, vom Lenzes-Auferstehen 
Traurig ausgeschossen 
Bleibt, an enger, düstrer Schlucht, 
Eine junge Linde; 
Wetterstrahl und Sturmeswucht 
Höhlt sie bis zur Rinde. — 
Und ein knisternd' Stöhnen geht 
Durch die kahlen Reste, 
Denn — die arme Linde steht 
Krank, im Frühlingsfeste. 
Trauernd, daß die Sängerschaar, 
Nicht im Laub ihr wohne 
Neigt sie, jeden Schmuckes bar 
Ihre welke Krone. 
Aber — mit dem Schmerzenssaft, 
Giebt die Blätterlose, 
Noch dem Epheu keine Kraft, 
Welches schläft im Moose; 
Und — vom Frühlingskuß geweckt, 
Sprießen ihm die Ranken; 
Seine zarten Triebe streckt 
Er, zum Stamm, zum kranken; 
Tröstlich breitet er sich aus 
Ueber alte Wunden, 
Hat dafür im Sturmgebraus 
Sich'ren Halt gefunden. 
Neues Leben blüht empor 
An dem Lindenbaume; 
Lockt zu ihm der Böglein Chor, 
Her vom Waldessäume. — 
Freilich, mancher Frühlingsglanz 
Wird vergehen und kommen, 
Vis des Epheus dunkler Kranz 
Ist empor geklommen. 
Einst ledoch im Frühlingsfest, 
Schlingt er seine Triebe 
Wohl zum Wipfel; im Geäst 
Klingt ein Lied der Liebe. 
Von den Vöglein wird es hell. 
Wie zum Trost gesungen, 
Und der Linde Leidensquell 
Ist im Lied verklungen. 
Und wenn rauher Nordwind fegt 
Ueber Winterhaidc, 
Steht die Linde dicht umhegt 
Don dem Epheukleide. 
M. Frledvirhstetrr. 
Aus alter «ud neuer Jett. 
Ein Stückchen Kasseler Stadtchronik. 
(Aus einem in den Jahren 1825—1828 geführten 
Tagebuche). Am 26. September 1825 ergeht aller 
höchster Befehl, daß alle Treppen vor den Häusern 
der Ober-Neustadt zu entfernen seien. 
Zu derselben Zeit ergeht Befehl, die im Museum 
aufgestellten Wachsfiguren der hessischen Landgrafen 
einzuschmelzen und deren Kleidungsstücke an das Hof- 
theater abzugeben. 
Am 15. Februar 1826 wird die neue Wache am 
Auethor zuerst bezogen und spielt von da an die 
Musik nach der Parade dort und nicht mehr mehr 
im Bellevuehof; der alte Zapfenstreich und Reveille 
werden wieder eingeführt. 
Im Frühjahre 1826 werden zwei Löcher in die an 
der Westseite der Stadt befindliche Stadtmauer ge 
brochen, das eine hinter der Strubberg'schen Fabrik 
(jetzt Haus des Kaufmann Müller am Friedrichsplatz) 
das andere am Ende der Wilhelmsstraße, und vorerst 
mit Thüren versehen. Am 12. August erscheint 
allerhöchster Befehl zur Bildung einer neuen 200 
Fuß breiten Straße, welche vom Nahl'schen (jetzt 
vom Griesheim'schen Hause am Friedrichsplatz) nach 
der Kölnischen Allee führen soll. 
Gleichfalls im Frühjahre 1826 wird allerhöchsten Orts 
angeordnet, daß an der Stelle des zwischen der katho 
lischen Kirche und der Straße an dem Museum ge 
legenen Pfarrgartens ein Hofverwaltungsgebäude 
(jetzt Kriegsschule) erbaut werden soll. 
Zu gleicher Zeit wird dem Stadtmagistrat befohlen, 
die Thore der Stadt auf deren Kosten vollständig 
restauriren, bezw. neu aufbauen zu lassen. Der Kur 
fürst besucht die Wildpretsschirne und wird gleich 
darauf der Wildpretsmeister seines Dienstes entlassen, 
weil sich ergeben, daß er auch Ziegen als Wildpret 
verkauft hat. 
Am Sonntag, den 24. September, reiste Se. Hoheit 
der Kurprinz in einem mit 6 Rappen bespannten 
Wagen schleunigst von Kassel nach Münden ab; sein 
Adjutant, v. Buttlar, und der wachthabende Offizier 
am Leipziger Thor, Lieutenant v. Marschall, kommen 
in Arrest. 
Im Jahre 1827 wird auf allerhöchsten Befehl auf 
das sämmtliche Silberzeug der Frau Kurfürstin, 
welche ebenwohl die Stadt verlassen hat, das kur 
fürstliche Wappen von dem Münz-Graveur Körner 
eingravirt. 
Es wird ein Zoll auf die vom Auslande ein 
gehenden Gewehre eingeführt. 27 Thaler auf eine 
eingelegte und 7 Thaler auf eine gewöhnliche Flinte. 
Die Arkaden am alten Schloß werden nolens volens 
niedergerissen, wodurch der Buchhändler Luckhardt in 
großen Schaden kommt. 
Der Förster Schulz in der Ane, der Hofsänger 
Berthold und der Hofmundkoch Schuchardt kommen 
in Arrest, weil sie im Leibgehege einen Fuchs verfolgt 
haben. 
Am 2. März 1828 wird im Hoftheater „Figaros 
Hochzeit" aufgeführt; der Sänger Pistor, welcher in 
dem ersten Akte den Bartolo gesungen hat, schneidet 
sich sm Zwischenakte in der Garderobe den Hals ab, 
der Sänger Gerber übernimmt alsbald dessen Rolle.
        

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