Full text: Hessenland (1.1887)

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„Kie sunn schun laufen lernen" brummte der 
Kasselaner. 
„Ich denke au!" setzte ein anderer hinzu. 
„Me spießen se uff wie Lattichvögel." 
Die Grenadiere grinsten vor Vergnügen bei 
diesen drastischen Äußerungen, welche die Witz 
bolde der Kompagnien hören ließen. 
„Na, Ruhe im Glied, Kerls!" rief der Prinz. 
Näher rückten die Schotten und aller Blicke 
hingen gespannt an ihren Reihen, die alsbald 
mit den Musketieren zusammentreffen mußten. 
Piff! Paff! Piff! Paff! 
Die ganze Reihe der Hochländer entlang ent 
luden sich in unregelmäßigem Feuern die Flinten 
und Pistolen. Hier und da stürzte ein Musketier, 
rechts und links tönte der Schmerzensschrei der 
Verwundeten oder zum Tode Getroffenen. 
Hell klang jetzt der scharfe Kommandornf des 
Majors, der die Musketiere führte, herüber: 
„Das ganze Bataillon macht Euch fertig!" 
„Schlagt an!" 
„Gebt Feuer!" 
Krach! Krach! hüllte sich die Linie der Musketiere 
in Feuer und Dampf. 
Regelmäßig wie auf dem Exerzierplatz rollte 
unter dem Schlagen der Tambours die Salve dahin. 
Die Reihen der Schotten zeigten Lücken, als 
der Pulvcrdampf von frischem Wind hinweg 
geführt war. 
„Claymore! Claymore!*) klang jetzt der gellende 
Ruf aus ihren Reihen. Die bunten Plaids flogen 
in die Luft, die Flinten wurden weggeworfen, 
und die breiten glänzenden Schwerter in der Faust, 
stürzten sich die Söhne der Berge wie eine 
Heerde Wölfe auf die Hessen. 
„Feuer!" und krachend entluden sich dieMus- 
keten des zweiten Gliedes. 
„Fällt das Gewehr! Marsch!" die Tambours 
schlugen nun „den Hessenmarsch trom trom" 
„Schürn!" da prallten auch schon die Hochländer 
ans die vordringende Reihe der Musketiere 
Die Zuschauer des wilden Zusammentreffens 
bebten in Aufregung, nur der alte Wuttginau 
saß wie aus Erz gehauen auf seinem Rosse, 
Mann und Pferd regten nicht eine Muskel, nur 
die scharfen grauen Augen lebten in dem Ange 
sicht des erprobten Kriegers, das Schlachtfei 
überschauend. 
Der Prinz rückte unruhig auf seinem Pferde 
hin und her, die Augen blitzten, und die Hand 
griff wiederholt nach dem Degen, er schien nicht 
übel Lust zu haben in die Gefechtslinie zu 
sprengen. 
*) Claymore, das Schwert der Schotten. Hier soviel als: Zu 
den Schwertern! 
Hart unter wildem Rufen, prallten jetzt die 
Schotten auf die tarnbour battant vorrückenden 
Musketiere. 
Claymore! King Charles! klang eS gellend 
und dazwischen ununterbrochen die wilden Weisen 
der hochländischen Pfeiffer, welche sich mit im 
Getümmel bewegten. Die Muskete mit dem 
spitzen Bayonnet, von starken und geübten 
Händen geführt, suchte den Anprall zu brechen, 
aber wenig that sie Wirkung, denn geschickt 
fingen die Hochländer die Stöße mit den Schil 
den auf. Die hessischen Männer, welche hier 
im Kampfe standen, hatten mehr als einmal mit 
tapferen und geübten Feinden, Brust an Brust 
gerungen, nie gegen einen, der wie dieser Gegner 
die Wildheit des Tigers mit seiner Gewandtheit 
verband. 
Ein riesenhafter Hochländerhäuptling, dem 
das lange graue Haar wild um das Haupt 
skalierte. brach in jähem Ansturm die Linie der 
Musketiere, rechts und links mit dem breiten 
Schwerte ensetzliche Wunden austheilend. Ihm 
folgten Andere. Es war ein schreckenvoller An 
blick, als so die Ordnung der tapferen Bursche 
gesprengt wurde. 
„Rechts und links aufschließen!" donnerte der 
Major. 
„Aufschließen !" wiederholten die Offiziere, die 
Spontons schwingend und unerschüttert, stramm, 
bogen die Musketiere, fest, Schulter an Schulter, 
über Verwundete und Todte hinweg die Lücken 
schließend rechts und links rückwärts und boten 
den Clansmännern trotzig die Stirn. Der 
Claymore sauste durch die Luft, gleich blitzenden 
Schlangen fuhren die Bayonnets vor, und am 
Boden wälzten sich verwundete Schotten und 
Hessen. 
Aus denReihen der rückwärts stehendenGrenadiere 
gellte ein wilder Aufschrei, und HenneS dessen 
funkelndes Auge den Kampf verfolgt und den 
Barthel, der da vorn im Treffen stand nicht 
einen Augenblick verlassen hatte, sprang plötzlich 
die Muskete schwingend auf daS Kampfgetümmel 
zu: er hatte den Bruder fallen sehen. 
Es geschah so rasch und jäh, daß ihm nicht 
einmal ein Zuruf der Offiziere folgte. 
Die Blicke Aller hingen an dem Grenadier, 
der in langen Sprüngen über das Feld eilte. 
Gerade auf die Lücke stürzte er zu, welche der 
Schottenhäuptling gebrochen, wo das Handge 
menge am wildesten war. 
Sein gellender Schlachtruf übertönte daS 
Kampfgeschrei, und donnernd wiederholten ihn die 
Grenadiere.
	        

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