Full text: Hessenland (1.1887)

nicht verkleideter Gensdarmen vor dem Kloster, 
um den darin Versteckten auszuheben. 
Fräulein Bertha aber gewann noch Zeit, diesen 
zu verständigen, der sich beeilte, auf den Kirchen 
boden zu entkommen. Dort war für alle Fälle 
ein geheimer Schlupfwinkel hinter der Dachver 
kleidung angebracht und sogar vorsorglich mit 
Lebensmitteln versehen. Der Schlupfwinkel war 
eng und unbequem, aber sicher. 
Als Fräulein Bertha den Gesuchten geborgen 
wußte, raffte sie geschwind noch einige Bücher 
fort, die Kellner in dem Zimmer der Aebtissin, 
das er zu bewohnen pflegte, auf dem Tische zu 
rückgelassen hatte, und beeilte sich, die unge 
betenen Gäste zu begrüßen. 
Sie selbst mußte dann die Führerin zur 
Durchsuchung aller Räumlichkeiten des weit 
läufigen Klostergebäudes abgeben. Auf der Zelle 
der Aebtissin fand man eine verdächtige Kiste 
vor und in dieser noch verdächtigere Bücher, die 
Fräulein Bertha nicht hatte beseitigen können 
und jetzt für ihr persönliches Eigenthum erklärte. 
Als der Landrath zweifelte, bot sie ihm die 
Bücher zum Geschenk an, um dadurch ihr Ver 
fügungsrecht nachzuweisen; die Häscher aber 
suchten sorgsam weiter. 
Jetzt mußte Fräulein Bertha mit ihnen auf 
den Kirchenboden klettern. Ein paar Minuten 
später steht sie mit den Häschern unmittelbar 
vor dem Schlupfwinkel Kellner's und ihr Herz 
schlägt hörbar, denn dort, dort, durch die schmale 
Spalte, nach der jetzt alle Blicke der Gensdarmen 
gerichtet sind, sieht sie Eines von den dunklen 
Augen Kellner's blitzen. 
Die Gensdarmen sind mit Blindheit geschlagen 
und wenden sich zur Umkehr. „Gerettet!" jubelt 
in ihrem Innern Fräulein Blomeyer. 
Die Häscher begaben sich mit ihrer Begleiterin 
hinab in die Kirche und durchsuchen auch diese. 
Da begeht Kellner die Thorheit, seinen unbe 
haglichen Schlupfwinkel, ehe er ein erlösendes 
Zeichen bekommen hatte, zu verlassen. In der 
Meinung, daß die Häscher, die bei ihrem gar 
zu gründlichen Suchen ungewöhnlich viel Zeit 
brauchten, ihre Arbeit längst beendet haben 
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müßten und schon wieder abgezogen seien, durch 
schreitet er den langen Klostergang. Noch ein 
mal ist ihm das Glück günstig. Er stößt näm 
lich in dem langen Klostergang auf zwei Gens 
darmen, diese aber verwechseln ihn mit einem 
Blomeyerischen Oekonomiebeamten und lassen ihn 
ungehindert passtren. Ihre Nähe aber hat ihn 
ängstlich gemacht und als er den Klostergarten 
erreicht hat, der sich im Innern des Klosters 
befindet, fängt er zu laufen an. Diese Eile 
wird bemerkt und macht ihn verdächtig und in 
dem Augenblicke, da er über die Gartenmauer 
klettern will, wird er verhaftet und dann nach 
Marburg in preußisches Gefängniß gebracht. 
Letzteres liegt auf der äußersten Spitze des 
die Stadt überragenden Felsens und von dort 
zu entkommen, war schwer. Dennoch sollte, 
während zwischen Preußen und Kurhessen über 
Kellner's Auslieferung verhandelt wird, der Ver 
such gemacht werden. 
Frauenlist geht über Alles. Fräulein Bertha 
brachte es fertig, Feilen und eine Strickleiter in 
Kellner's Gefängniß zu schaffen. Für das, was 
sonst noch nothwendig war, sorgte von Kassel 
aus die Partei. Den bis in die kleinsten Einzel 
heiten ausgearbeiteten Plan der Flucht erhielt 
der Verhaftete durch die schon erwähnte Cousine 
Bertha's, die jetzige Frau E. Walther in Hanau. 
Diese hatte sich als „Verwandte des Dr. Kellner" 
die Erlaubniß erwirkt, ihm in sein Gefängniß 
eine Flasche Wein bringen zu dürfen und steckte 
ihm unbemerkt ihr heimliches Schriftstück zu. 
Acht Tage lang waren Relais bis über die 
Grenze gelegt. Aber Kellner muß doch auf un 
vorhergesehene Schwierigketten gestoßen sei», 
Oder hatte ihn die Haft schon zaghaft gemacht? 
Zum Versuche, den Plan der Flucht aus dem 
Gefängnisse zu Marburg durchzuführen, kam es 
nicht und als endlich die Auslieferuugsverhand- 
lungen, die wahrscheinlich auch mit dem Fürsten 
thum Waldeck hatten geführt werden müssen, 
ihren Abschluß gefunden, brachten preußische 
Gensdarmen den Gefangenen bis an die Grenze. 
Dort stand eine hessische Militärescorte, die ihn 
in Empfang nahm und in einer Extrapostkutsche 
durch sürstlich-waldeckisches Gebiet, über Arolsen, 
an die hessische Grenze und bis Kassel brachte. 
(Schluß folgt.)
        

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