Full text: Hessenland (1.1887)

— m 
Dr. GotMell Kellner mb Heinrich Heise. 
Geschildert von A. Trabers. 
(Fortsetzung.) 
•äf^chon früh in 1848 ließ Heise ein kleines 
•♦ft' Blatt erscheinen und ich glaube, er nannte 
Ay es schon damals die „Hornisse". Als 
' w ' sich dann Gottlieb Kellner mit ihm. wie 
das für Beide so nahe lag, vereinigte, wurde 
ein regelmäßig erscheinendes Blatt daraus ge 
macht, daS sich allmälig zu einer täglich er 
scheinenden Zeitung erweiterte. Damit kamen 
diese beiden Bolkstribunen an die Spitze der de 
mokratischen Bewegung nicht blos Kassels sondern 
ganz Kurhessen-, bis auch für sie da- Verhäng- 
niß ka«, das sie wegfegte. 
Zunächst aber gab es schwere Stürme. Sie 
wurden eingeleitet durch den Sturz der März 
minister, denen das Ministerium Hassenpflug 
folgte. Dann jene unselige Steuerverweigerung, 
herbeigeführt durch die Liberalen, die im Land 
tage zur Minderheit geworden waren, in der 
Stenerverweigerungsfrage aber über die demo 
kratische Mehrheit siegten, indem Gottlieb Kellner 
und acht andere Demokraten das Vorgehen der 
Liberalen unterstützten. Der größte und ver- 
hängnißvollste Fehler, der je im kurhessischen 
Landtage gemacht wurde! Wir aber, die Thoren 
im Lande, erkannten das so wenig, wie Kellner 
selbst, und jubelten. Die unmittelbare Folge 
aber waren die bekannten Septemberordonnanzen, 
in denen die Forterhebung der Steuern einseitig 
verfügt wurde, das permanente Kriegsgericht und 
die Bundesexecution. 
Der Kampf gegen die Septemberordonnanzen 
wurde ein allgemeiner, Niemand aber war mit 
solcher Erbitterung, ja man darf sagen: mit solch 
rücksichtsloser Waghalsigkeit und Wildheit in den 
selben hineingesprungen, wie die beiden Redac 
teure der Hornisse, die noch fortkämpften, als die 
Execution schon gegen Kassel heranrückte. 
Und nun, lieber Leser, gestatte mir. Dir ein 
anderes Bild zu zeigen. Ich lade Dich ein zu 
einem kleinen Abstecher nach Westphalen in's 
Kloster Wormeln bei Marburg. 
Ein recht düsterer Abend breitet seine Flügel 
über das Land; da pochen zwei eilige Wanderer 
an der Klosterpforte. Aber nicht Mönche waren's, 
die Einlaß verlangen. Drinnen wurden auch 
nicht mehr die horae gebetet oder Psalmen ge 
sungen. Anstatt der Nonnen, die einst im Kloster 
als Bräute des Himmels gewohnt, hauste darin 
jetzt der würdige- Herr Blomeyer als Besitzer 
des Klosterguts und durch die langen Kreuz 
gänge eilte geschäftig Fräulein Bertha, des wük- 
digen Herrn schöne Tochter. Wenigstens denke 
ich mir so, daß sie sehr schön war. Ich habe 
sie zwar nie gesehen, aber in meinen Gedanken 
leihe ich ihr Gestalt und Aussehen ihrer mir 
wohlbekannten Vatersbruderstvchter und wage 
es darum, sie zu beschreiben. Sie war groß, 
blond, blauäugig. Ein herrliches Modell für 
einen Maler, der auf die Leinwand eine bräut 
liche Thusnelde zu zaubern gedächte. 
Die späten Gäste waren die aus Kassel ge 
flüchteten Demokratenführer Kellner und Heise. 
Hier bei Blomeher wurden sie gut aufgenommen 
und Niemand ahnte ihr Versteck. 
Nur Eine fürchtete trotzdem: Heise's Braut 
nämlich, eine Kasselanerin, die in ihn drängte, 
weiter zu flüchten. Nach einigen im Kloster 
Wormeln zugebrachten Wochen gehorchte Heise, 
setzte seinen Fuß weiter und entkam nach England. 
Kellner blieb noch. Für ihn war die weitere 
Flucht schwerer, denn er hatte ein junges Weib 
in Kassel und sein Kind. Zwei Stunden ent 
fernt von Wormeln, liegt das kurhessische Städt 
chen Volkmarsen. Dorthin kam von Zeit zu 
Zeit, allen, die sie sahen, eine vollständig Un 
bekannte, Kellner's Frau. Der Gatte derselben 
schlüpfte dann in dunkler Nacht, aus der Pforte 
des Klvstergartens und kehrte, ehe der Tag kam, 
durch dieselbe Pforte in sein Versteck zurück. 
Allmälig aber erregten die Fahrten der Fran 
Dr. Kellner doch, wie daS in dem kleinen Städt 
chen begreiflich war, erst Aufsehen, dann Ver 
dacht, der auch hinüber nach Preußen drang, 
und eS wurde heimlich nachgeforscht. Bei dem 
Gärtner, der das Pförtchen des Klostergartens 
zu schließen hatte, wurden Versuche gemacht, ihn 
zum Reden zu bringen und gegen gute Bezah 
lung ward er mittheilsam. Ein Gensdarm ver 
kleidete sich dann als Bettler, um im Kloster 
selbst zu spioniren. Kein Anderer als Kellner 
selbst war es, der dem Bettler im Klosterhvfe 
ein Almosen reichte. Ob der Spion bei dieser 
Gelegenheit wohl auch das rothe Mal gesehen, 
das an der Einen Hand Kellners, auf der inneren 
Fläche derselben bemerkbar war? Möglich ist 
das schon. Genug, der Bettler ging mit der 
Ueberzeugung, daß er den entdeckt habe, den er 
suche. Schon am folgenden Tage erschien Land 
rath von Spiegel mit einer Abtheilung diesmal
        

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