Full text: Hessenland (1.1887)

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Grenze. Schachten begab sich nach Venedig vor 
aus, einen Geleitsbrief zu erwirken, der Land 
graf lag bis zu dessen Rückkehr still. Zu Tre- 
viso ließ er die Pferde stehen, Carl von Krumbs 
dorff, Bastian der Harnischmeister und Eberhard 
der fürstliche Marschalk hatten mit selbigen nach 
Hessen zurückzureiten. In der Regel verkauften 
die Pilger ihre Pferde zu Treviso, (Torins) aus 
yaheliegenden Gründen. Venedig wurde zu 
schiffe erreicht, am 22. Mai. Hier erwartete 
Philipp, Graf von Hanau-Lichtenberg, mit einer 
großen Anzahl Pilger aus verschiedenen Landen 
den hessischen Fürsten, um unter seiner Aegide 
sich dem Meere anzuvertrauen. Wilhelm und 
alle übrigen Pilger schlossen mit einem Schiffs 
patrone, welches nur ein venetianischer Edelmann 
sein durfte, einen Vertrag ab. Demgemäß hatte 
er sie von Venedig bis Jaffa zu transportiren, 
auf dem Schiffe zu verköstigen und gleicherweise 
wieder zurückzuführen, wofür ein Jeder 44 
Ducaten oder 60 römische Gulden zu erlegen 
hatte. Ausbedungen war, daß an Orten, wo 
ein Aufenthalt gewacht wurde, dieser nicht über 
2—3 Tage dauern dürfe und daß das Schiff 
am 3. Juni absegeln solle. Diese Vertrüge mit 
eingehenden genauen Bestimmungen wurden von 
der Regierung überwacht und von ihren Proto- 
notaren ratificirt. Wie häufig dennoch die Patrone 
ihren Verpflichtungen nicht nachkamen, lehrt auch 
unsere Reise; Schachten klagt, daß der Patron 
sie gleich Anfangs 14 Tage länger hingehalten 
auch an den Orten 4—5 Tage geblieben sei, 
„wilchcs denen Bielgeren eine sehr große be- 
schwärung ist, dann so sie am landte siendt, 
muessenn sie kosten« und zehrunge für ihr geltt 
thuen«, deß gleichen« viel andere stücke, so Er 
verschriebenn hatt, nicht eines gehalten«." Geld 
nahmen die Pilger nur wenig mit, dagegen 
Wechselbriefe auf Alexandria, Aleppo u. a. O. 
Landgraf Wilhelm nützte den Aufenthalt in 
der glänzenden Stadt, welche damals alle übrigen 
europäischen Hauptstädte, außer Rom, an Größe 
und Reichthum weit übertraf, auf das Beste. 
Der Reisebericht gibt in seiner treuherzigen Weise 
offen Zeugniß. Staunen und Bewunderung 
weckten der Schatz und die Kleinodien, welche die 
Regierung allen Pilgern zur Ansicht gestattete. 
Die Frohnleichnamsprocession ging in einer Pracht 
und Ausdehnung vor sich, wie die Fremden sie 
nie gesehen. Der Landgraf wurde zu derselben 
eingeladen und ihm „große Ehre angethan." 
Manche Merkwürdigkeiten werden beschrieben, da 
runter die Einrichtungen für die Vollstreckung 
der Todesurtheile. Auf einem Platze am Meere 
stehen „zwei hübsche hohe Säulen, zwischen denen 
justitia exequiret wird, als Henckenn, kopfab- 
schlagen, brennen, viertheilen, wie das einer ver 
schuldet." Im Dogenpalaste befinden sich zwei 
rothe Marmorsäulen, zwischen denen Edelleute 
gehängt werden „so sie es verdienen." Und 
zwischen dem Dogenpalaste und der Kirche von 
St. Marco, stehen zwei weiße Marmorsäulen, 
„solches ist der Herzogen galgen, so deroselben 
einer wieder seinen standt und der Venediger 
thut, als dann einen oder zweien vor Zeitten 
geschehen ist." Wohl einzig in der Welt dürfte 
diese finstere Warnung an das Staatsoberhaupt 
dagestanden haben, Nichts kann eindringlicher 
von dem merkwürdigen Staatswesen reden, 
welches durch Mißtrauen und Furcht sich hielt. 
Der Reichthum der Bewohner Venedigs in Klei 
dung und Schmuck werden bewundernd erwähnt, 
von der Tracht heißt es „Frawenn gehen« ihnn 
köstlichenn Sammelt undt seidenenn Röcken« mit 
Ihrem köstlichen gülden« Brust undt Ermelnn 
gestickett undt belegett mit Perlen undt anderen 
Evelgestein; auch auf dem köpf fein geschmückett, 
seltten findt man Eine, die ihr haar natürlichen« 
schönen und lang habe, sie tragen als gemachtte 
undt dodten haare, das machen« sie schön gelb 
undt krauß undt bindten es aufs dein kopff zu 
Hauff, wie man in Deutschen landten einem 
pferdte denn Schwantze aüffbiendet und das 
krause haar lasten über die ohrenn abhangenn 
wie die Männer anzusehen». Vorne sind die 
haar schöne, hindten zu kohlschwarz. Auch mag 
ich sagen, daß Ich zwar an Weibern keine 
schenndlichere kleidunge gesehen habe undt aus- 
geschnietten, das man hinten» bis anst halben 
Rückenn hinab, deß gleichen forne bis unter die 
Brust sehen kann. Tragen dann Holzern schuhe, 
die findt hoch, erliche einer, etliche zweier spannen 
hoch, daß sie nicht drauf gehen können, findt mit 
sammt oder schachlachen Duch überzogen. Hatt 
jede ihr magtt daran sie sich haltten, wäre 
sonstenn nicht möglichen«, daß sie darauff gehen 
könnten undt welcher die höchsten haben' mag, die 
dünket sich am bestenn . . . Auch ist ihr Artt, 
daß sie sich anstreicheun undt ihre Angesichte 
mahlen, doch findt sie viel lieblichere davon ich 
nicht ferner sagen» will." Diese Kritik der 
Veuetianerinnen legt den Rückschluß nahe, daß 
die Deutschen Frauen jener Zeit sich vortheilhaft 
dagegen abhoben. 
(Fortsetzung folgt).
        

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