Full text: Hessenland (1.1887)

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noch heute auf ihrem alten, damals schon lange 
innegehabten Sitze. Die Beschreibung Schachtens, 
im Namen des allmächtigen Gottes begonnen, 
zeugt von offenem Sinne, guter Beobachtungs 
gabe, bei herzlichem Glauben an die Lehren der 
Kirche, wie an ihre Mysterien. Bei ihrer Aus 
führlichkeit und Vielseitigkeit ist sie zu dem besten 
über das Pilgerwesen des Mittelalters Erhaltenen 
zu rechnen und muß in erster Stelle berücksich 
tigt werden, wenn man dieses beurtheilen will. 
Ein Bild des patriarchalischen Verhältnisses 
zwischen einem guten Fürsten seiner Zeit und 
seinem Volke geben uns die Worte, in denen der 
Abschied Wilhelms beschrieben wird. Die Räthe, 
Hofgesinde und Diener des Fürsten, so mit 
Namen alle zu schreiben zu viel wären, ritten 
mit und gaben das Geleite. „Darnach als S. 
G. war iit Meinunge zu scheiden, gesegnett die 
selbe einen Jeden» ihnn sonderheitt mit fröh 
lichem munde, das mich doch wunder nahm, die 
weil Ich Ihrer viel under I. G. Räthenn sahe 
weinen», auch war der Rath von» Cassell mitt 
der gantzenn Gemeine, Mann undt Frawen, her- 
auß vor das thor gangen undt schancktenn S. 
G. undt deroselbenn Dienernn Sanct Johannis 
segenn undt sangen» das liebt „Ihnn Gottes 
Naiyenn fahren wir", das. mancher wie dann 
an ihm selbstenn biellich wahr, gar betruebtt undt 
leidig war." Nun trennte sich der Fürst von 
den Seinen, der Ritt des ersten Tages brachte 
die Reisenden bis Borken, wo sie der Amtmann 
des oberhessischen Landgrafen, Philipp von Wil 
dungen, wohl empfing und bewirthete. Außer 
Schachten selbst waren Hermann von Wertten- 
schlehen (Wartensleben) Cerstenn von Hanstein, 
dann ein Koch und einige geringere Diener zur 
Begleitung auf der Pilgerschaft erwählt, einige 
Hofbeamte mit Personal gingen bis Venedig mit, 
wegen der unterwegs zu treffenden Anordnungen 
und für die Pferde der Herren. Am zweiten 
Tage erreichte Wilhelm Marburg, wo er einige 
Tage bei seinem Vetter weilte. Auch dieser be 
mühte sich, dem angehenden Pilgrim sei» Vor 
haben auszureden. Am vierten Tage seines 
Aufenthaltes geleitete Wilhelm der Jüngere den 
Verwandten mit großem Gefolge zwei Meilen 
weit, bis dieser ihn bat, heimzukehren. Beide 
Herren gesegneten einander mit traurigem Herzen 
„dann sie sich, wie ich nichtt anders merckenn 
kundte, gantz lieb haben." In Butzbach über 
nachtete Wilhelm I. noch einmal auf des Vetters 
Gebiete, wobei Schachten in der Sorge für 
seinen Herrn anmerkt „die Küche war wohlbe 
stalt," eine Bemerkung, die er überhaupt nicht 
unterläßt, wo sie am Platze war. Frankfurt, 
Bensheim, Heidelberg, Maulbrunn waren die 
folgenden Etappen, letztere drei dem Pfalzgrafen 
gehörig; überall wurde der von Räthen und 
Rittern geleitete Landgraf mit Wildbrät und 
Fischen in den Herbergen versehen, vorab zu 
Maulbrunn „köstlichenn endtfangen." Zu „Stuck- 
gardt" waren weder Wilhelms Oheim Eberhard 
noch dessen Gemahlin anwesend, doch verweilte 
er daselbst drei Tage „von haushoffmeisternn 
ehrlichenn endtpfangen." Das schöne feste Schloß 
Urach beherbergte Wilhelm, dann rastete er zu 
Ulm zwei Nächte, wo der Rath ihm „ */, Fuder 
Weins und 1 Fuder Haffers verehrett." Auch 
in Augsburg blieb der Fürst zwei Nächte, vom 
Rathe mit „viel Wein undt Fischen»" beschenkt. 
Ueber Leeder, Ammergau, Mittenwald erreichte 
Wilhelm Innsbruck. Bis Leeder betrugen die 
täglich zurückgelegten Entfernungen meist etwa 
sechs Meilen, von da au kam man im Gebirge 
nicht so weit vorwärts. Erzherzog Sigismund 
von Tyrol, der einen glänzenden Hof hielt, be 
wog den Landgrafen zu einem achttägigen Aufent 
halte, schenkte ihm auch eine schöne seidene Schaube 
(Oberkleid der Männer). Wie das Ritterthum 
und alle Verhältnisse im löten Jahrhundert im 
Uebergange zu einer anderen Zeit begriffen waren, 
so zeigt auch die Kleidung eine Umwälzung. 
Die schöne wohlanständige Tracht der mittelalter 
lichen Stände war zum Zerrbilde und zwar mit 
dem Bewußtsein der eigenen Narrheit, verwandelt. 
Beide Geschlechter hatten die Gewänder in's 
Uebermaß verengt, Stutzer vermochten nur mit 
Hilfe von Dienern in ihre Beinkleider zu steigen; 
der Rock war oben und unten so verkürzt, daß 
nur noch eine Jacke übrig blieb, welche Hals, 
Brust und Schultern frei ließ, sodaß die Männer 
wirklich decolletirt gingen. Und zwar unterwarfen 
sich die Höchsten, wie die durch Alter und Stell 
ung Ehrwürdigsten dem unsinnigen Modezwang, 
voran der ritterliche Max, des Reiches Ober 
haupt. Diese luftige Gewandung außer dem 
Hause zu einer Kleidung zu machen, diente die 
Schaube. Das Zusammenschrumpfen der Kleider 
führte zur Unterstützung durch den Schnürleib; 
der ältere Bruder Wilhelms von Oberheffen, 
Ludwig, büste die Eitelkeit zu starken Schnüren- 
mit dem Tode im 18ten Jahre. Selbst die 
Rüstungen dieser Periode zeigen den Einfluß der 
Mode, indem man bei den Brustpanzern auf 
fällig geringe Taillenmaße bemerkt. Durch Tyrol 
ging Wilhelms Zug über Trient, wo man das 
„von denen» schenndlichen Juden gemarterte ohn- 
schuldige Kindlein," gewiß nur eine böswillige 
Anschuldigung dieses verfolgten und gehaßten 
Volkes, in Augenschein nahm, zur venetianischen
        

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