Full text: Hessenland (1.1887)

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Die Uilgerfahrten 
der Landgrafen Ludwig I. «ud Wilhelm I. von Kessen noch dem heilige« Grabe. 
Von C. v. Stamford. 
(Fortsetzung.) 
jeder traten traurige Zeiten für Hessen 
ein, als Ludwig die Augen geschlossen 
hatte. Erst sein Enkel Wilhelm I. durfte 
den Gedanken fassen, seinem Lande für 
längere Zeit den Rücken zu kehren. Aber die 
60 Jahre, welche seit der Pilgerfahrt des Ahnen 
verflossen waren, hatten in der Welt gewaltige 
Aenderungen vorbereitet. Ein Flüstern ging dem 
nahenden Sturme voran, schon lebten die Männer, 
deren kühner Geist vor Allem Mächtiges wirken 
sollte, Eolumbus, Eopern cns, Luther, in ihrem 
Gefolge zahlreich Solche, welche das Errungene 
zu wahren strebten. Das Wichtigste für alle 
edleren Geister war die Herstellung der Kirche 
in ihrer alten Reinheit, die Abstellung der Miß 
bräuche in derselben. Die hessischen Fürsten 
suchten nach Kräften die Schäden zu heilen, wir 
lesen, daß sie in den Klöstern vielfach reformirten. 
Damals herrschten drei Landgrafen, alle Wilhelm 
genannt, im Lande; die Brüder Wilhelm der 
Aeltere und Wilhelm der Mittlere regierten in 
dem zwischen ihnen getheilten Niederfürstenthum, 
dem jetzigen Niederhesscn, ihr Vetter Wilhelm 
der Jüngere saß in Marburg, hatte das Ober 
fürstenthum nebst der 1479 heimgefallenen Ober 
und Niedergrafschast Katzenelnbogen unter sich 
und war s-inen Bettern von der älteren Linie 
an Besitz weit überlegen. Wilhelm I. zu Kassel 
war mit 17 Jahren zur selbständigen Regierung 
gelangt und bewies von Anfang an milden Ge 
müthes das ernste Streben, die in den Zuständen 
seines Volkes noch vorhandenen Härten zu lin 
dern. Von Person wird er schön, schlank, eben 
mäßig gebaut, gewandt in ritterlichen Uebungen 
geschildert. Allein der Hang zu geheimen Wissen 
schaften, jenem Zeitalter eigen und noch lange 
hin herrschend, zog Wilhelm wohl mehr, als 
einem Landesherrn dienlich war, vom Leben ab, 
seine Einbildungskraft entführte sein Sinnen und 
Trachten den Nächstliegenden Pflichten. Gewiß 
war frommer Glaube eine starke Triebfeder zu 
seinem Entschlüsse nach dem gelobten Lande zu 
pilgern, aber in wie weit auch der Wunsch, 
Neues kennen zu lernen, mitwirkte, ist nicht zu 
ermessen. Der Landgraf hatte sich im Jahre 
1488 zu Münden mit Anna, Tochter Herzog 
Heinrichs von Brauuschweig - Wolfcnbüttel. ver- 
mält. Dennoch reifte bald darauf sein Plan. 
Die Mutter, Mechtildis von Würtemberg, 
Schwester Eberhard's im Barte, die Räthe, alle 
ihm Nahestehenden, die Bürger Kassels und wer 
sich nur aussprechen konnte, suchten dem Fürsten 
seine Absicht auszureden. Die junge Gemahlin 
wird nicht die Letzte mit ihren Vorstellungen 
gewesen sein. Die großen Mühsale der Reise, 
ihre ernsten Gefahren, die voraussichtlich lange 
Abwesenheit von seinem Lande, auch die für 
Letzteres schwer aufzubringenden sehr großen 
Kosten wurden eindringlich geltend gemacht. 
Der mehr träumerische als thatkräftige Sinn 
Wilhelms war nicht von dem Vorhaben ab 
zubringen. Die Vorbereitungen wurden ge 
troffen, die Begleiter ausgewählt und am Sonn 
tage nach Ostern, den 10. April 1491, zog die 
kleine Pilgerkarawane zum Zwerenthore Kassels 
hinaus, welches noch heute als Durchgang des 
Thurmes am Museum erhalten ist. Seit einiger 
Zeit bereits hatten die Pilger den Bart wachsen 
lassen, in duukelemunscheinbaremPilgergewandemit 
Muschelhut und Stab, auf die Brust das rothe 
Kreuz, Zeichen ihres Vorhabens, geheftet, zogen 
sie dahin, umgeben von einer großen Volksmenge, 
Hoch und Niedrig. Das Tagebuch, welches einer 
der Begleiter Wilhelms über die Reise führte, 
ist erhalten und wird für das Folgende zu Grunde 
gelegt. Sein Verfasser ist Dietrich von Schach 
ten, welcher sich im Jahre 1487 als Amtmann 
zu Trendelburg und Schonenberg bei Hofgeis 
mar findet und nach seiner Rückkehr Amtmann 
zu Grebenstein wurde. Seine Familie blüht
        

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