Full text: Hessenland (1.1887)

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verschiedenen Kenntnissen der Mann auf diese Art in 
seinem Kopf zusammengebracht hätte." Der blinde 
Jakob starb im Jahre 1775. 
Als Pendant zu dieser den Münchener „Neuesten 
Nachrichten" entnommenen Geschichte vom „blinden 
Jakob" können wir eine seltsame Mittheilung über den aus 
Kassel gebürtigen, in Hannover am 3. April 1784 ge- 
storbenenRoßarzt Kersting hinzufügen. Kersting war 
durch den Schlag eines Pferdes blind und taub geworden. 
Da soll er nun während dieses mehrere Jahre lang 
dauernden Zustandes sich aus folgende Weise der 
menschlichen Rede zugänglich gemacht haben: er legte 
einen Metallstab an seinen Körper (z. B. an den 
Einbogen) und ließ auf diesem sprechen: die Schwan 
kungen desselben sollen ihm die Worte vollständig 
zugetragen haben. So zu lesen in Vilmar's „Hessische 
Chronik". 
Aus Heirnattz und Fremde. 
Kassel. Am 11. d. M. wurde dahier der acht 
zigste Geburtstag des seit dem Jahre 1870 in Ruhe 
stand versetzten Gymnasialprofessors Dr. Flügel 
von seinen dankbaren Schülern, deren Schulzeit zum 
Theil schon mehr als 50 Jahre zurückliegt, in der 
festlichsten Weise begangen. Ueber den glänzenden 
Verlauf dieses Festes, welches von dem in allen 
Kreisen so hochgeschätzten Geburtstagskind in wahr 
haft staunenerregender geistigen und körperlichen Frische 
begangen wurde, wird in der nächsten Nummer unseres 
Blattes ausführlicher Bericht von einem Festtheil- 
nehmer folgen. 
— Am 9. Juni, dem Frohnleichnamstage, feierte 
zu Fulda der Generalvikar und Domdechant Karl 
Kalb das seltene Fest des fünfzigjährigen Priester- 
jubiläums. Der hochwürdige Herr steht gegenwärtig 
in seinem 75ten Lebensjahre und erfreut sich noch der 
vollen Fnsche des Geistes und Rüstigkeit des Körpers. 
Geboren zu Fulda, besuchte er das Gymnasium und 
Lyceum seiner Vaterstadt, studirte vom Herbst 1832 
an an dem Priesterseminare zu Fulda Theologie, be 
kleidete mehrere Jahre die Stelle eines Stadtkaplans 
und war als solcher ein sehr beliebter Prediger, 
fungirte dann längere Zeit als Dompräbendat und 
Secretär des Kapitels, bis er im Jahre 1868 zum 
Domkapitular gewählt und als solcher bestätigt wurde. 
Nach dem am 3. November 1880 erfolgten Tod des 
Bisthumsverwesers Konrad Hahne, war er das einzige 
noch vorhandene Glied des Kapitels, welches letztere 
in Folge des Kulturkampfes nicht wieder hatte besetzt 
werden können. Nach Wiederbesetzung des bischöflichen 
Stuhles zu Fulda im December 1881 und nach 
Wiedererrichtung des Domkapitels wurde Karl Kalb 
zum Generalvikar und Domdechant ernannt. Die 
Theilnahme an der Sekuudizfeier war eine allgemeine, 
die sich ebenso auf die Laien, wie auf die Priester 
erstreckte, und reiche Gaben, welche sich meist auf 
seine priesterliche Würde bezogen, wurden ihm verehrt, 
multos annos 
Todesfälle. Am 5. Juni verschied im fast 
vollendeten fünfzigsten Lebensjahre, in Folge eines 
Hirnschlags zu Birstein die Prinzessin Sophie 
Charlotte Adelheid Victoria Agnese zu Idenburg und 
Büdingen-Birstein, Schwester des regierenden Fürsten 
Karl. 
Am 11. Juni starb dahier in Kassel, 65 Jahre alt, 
der Rechtsanwalt Justizrath Karl Peters, nach 
langen und schweren Leiden an Rippenfellentzündung. 
Der Verblichene ist rasch seinem ihm vor wenigen 
Wochen im Tode vorausgegangenen langjährigen 
Freunde und Mitarbeiter Justizrath Dr. Weigel ge 
folgt. Karl Peters, geboren zu Kassel, besuchte das 
Gymnasium seiner Vaterstadt, studirte von 1844 bis 
1847 in Marburg Rechtswissenschaft, war nach abge 
legtem Staatsexamen bis 1853 Referendar bei dem 
Obergerichte zu Kassel, in welchem Jahre er zum Ober 
gerichtsanwalt ernannt wurde. Als Rechtsanwalt hat 
er bis zu deinem Tode, sonach 34 Jahre, fungirt und 
sich den Ruf eines vorzüglichen Juristen erworben. 
Nannte man die besten Namen unter den hessischen 
Rechtsanwälten, so wurde in erster Linie der seine ge 
nannt. Einfach und schlicht in seinem Leben, zeichnete 
er sich noch besonders durch Uneigennützigkeit und wahren 
Biedersinn aus. Seine zahlreichen Freunde, sowie alle 
die ihn kannten, werden ihm ein treues ehrenvolles An 
denken bewahren. Friede seiner Asche. 
4- * 
* 
Marburg. Die Zahl der in diesem Sommer- 
semester in Marburg Studirenden beträgt nach dem 
vor einigen Tagen veröffentlichten Verzeichniß 1009, 
zu denen noch 42 nicht immatrikulirte Hörer kommen, 
denen die Erlaubniß zum Besuche von Vorlesungen 
vom Rektor ertheilt ist. Die theologische Facuktät 
zählt 256, die juristische 114, die medizinische 303 
und die philosophische 336 immatrikulirte Zuhörer. 
Der Provinz Hessen-Nassau gehören 372 Studirende, 
den anderen preußischen Provinzen 469, den übrigen 
Reichsländern 132, europäischen Staaten 28, außer 
europäischen Staaten 8 (Afrika 2, Amerika 5, 
Australien einer) an. 
* * 
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B a d N e n n d o r f. Am 3. Juni wurde ein hundert 
jähriger Erinnerungstag des hessischen Heilbades 
Nenndorf feierlichst begangen. Schon der Arzt 
und Naturforscher Georg Agrieola, geb. zu Glauchau 
am 24. März 1490 und gest. in Chemnitz am 
21. November 1555, muß die Quelle Nenndorf ge 
kannt haben, denn er erwähnt in seinem Werke: de 
natura eorum, quae effluunt e terra, Basil 1546 
tom. I p. 538 eine Quelle, die südwestlich von Hannover 
am Fuße des Deister gelegen sei .und auf deren klarem 
Wasser schwarzes Erdharz schwimme. Später scheint 
man jedoch dreselbe weniger beachtet zu haben. Erst 
zwei Jahrhunderte nachher, im Jahre 1763, machte 
ein Arzt des benachbarten Städtchens Sachsenhagen, 
Dr. Ernsting, wieder ans die Quelle aufmerksam. 
1783 drückte Botaniker Eckhart sein gerechtes Er 
staunen darüber aus, daß für die Benutzung der Quelle 
in sanitätlicher Beziehung noch nichts geschehen sei
	        

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