Full text: Hessenland (1.1887)

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er selbst erschien auch nachher mit 15000 Mann. 
Jene 1500 Vorausgehenden wurden als Besatzung 
der Stadt Neuß verwendet, um deren Besitz sich der 
Kampf hauptsächlich drehte. Sie wurden durch Karl 
den Kühnen belagert, welcher 60000 Mann der besten 
Truppen jener Zeit herbeigeführt hatte. Der Land 
graf konnte, als er mit 15000 Mann herankam, 
nicht mehr in die Stadt gelangen; er schlug aber 
auf einer der nahen Höhe sein Lager auf und leistete 
von dort aus nach Möglichkeit Hilfe. Mit den Be 
lagerten korrespendirte er durch Briefe, die in hohlen 
Pfeilen abgeschossen wurden. Er konnte jedoch den 
Ring, welchen die Burgunder gebildet hatten, nicht 
durchbrechen. Die Letzteren boten vergebens alles 
auf, um die in Neuß eingeschlossenen 1500 Hessen 
zur Uebergabe zu zwingen; doch diese zeigten sich 
unüberwindlich. Sie vertheidigten sich, trotz der un 
geheuern Ueberzahl des Feindes, heldenmüthig fast 
ein ganzes Jahr lang, vom 29. Juli 1474 bis zum 
17. Juni 1475, obgleich sie zuletzt alle Lebensmittel, 
sogar ihren ganzen Salzvorrath aufgezehrt und nichts 
mehr als Pferdefleisch zu essen hatten. Sie schlugen 
während jener 11 Monate nicht weniger als 56 Stürme 
ab. Die Belagerung war zuletzt in eine Btokade 
verwandelt worden, um die Stadt auszuhungern; 
siebenzehn Festungsthürme waren niedergeschossen, 
dreihundert Häuser eingeäschert, ein Arm des Rheins 
abgedämmt, eine Insel derselben vom Feinde erobert, 
die kleineren Flüsse abgeleitet, und dennoch war der 
Muth der Hessen nicht gebrochen, ihre ausdauernde 
Kraft nicht gelähmt. Karl der Kühne that alles 
Mögliche, mit seinen 60000 Mann die 1500 Hessen 
zu überwinden. Er selbst war unausgesetzt so thätig, 
daß er mehr als 10 Monate lang seine Kleider gar 
nicht gewechselt haben soll. Er hat laut verkündet: 
ehe er von Neuß abziehe, müsse von vier Dingen 
eins geschehen sein: entweder müsse er die Stadt er 
obert, oder dieselbe sich ihm freiwillig übergeben haben, 
oder das erscheinende Reichsheer müsse ihn vertreiben, 
oder er selbst den Tod gefunden haben. Erst nachdem 
das aus 43000 Mann bestehende Reichsheer ange 
kommen war und Karl von der Blokade wieder zur 
Belagerung übergehend, an einem einzigen Tage 
neunmal hatte vergebens stürmen lassen, verstand er 
sich zum Abzüge. Er hatte vor Neuß nicht weniger 
als 15000 Mann verloren." 
Es erübrigt noch, die Namen der siegreich aus 
ziehenden hessischen Ritter anzuführen. Es waren 
Konrad von Wallenstein, Neidhard von Buchenau, 
Johann Hück, Henne von Biedenfeld, Appel von 
Griffen, Ludwig Diede, Geise Hund, Konrad und 
Heinz von Eschwege Gebrüder, Kurt Noding, Diemar 
und Philipp von Wildnngen Gebrüder, Henne Milch 
ling v. Schönstädt, Henne'Windolt, Hermann v. Rom 
rod, Erard Hake, Valentin von Dernbach, Harterad 
Eilshausen, Hermann von Hundelshausen. Ebenso 
wenig dürfen die zwölf Helden vergessen werden, 
„welche Leid mit Landgraf Hermann litten, todt und 
lebendig bei ihm haben ausharren wollen und bei 
ihrem Herrn zu Neuß mit Ehren todt geblieben sind." 
Es waren Thilo von Falkenberg, Friedrich von Urff, 
Dietrich von Elben, Claus Trott zu Solz, Dietrich 
und Friedrich Scheurnschloß Gevettern, Georg von 
Grrfte, Johann Blieber, Johann von Eschwege, Adolf 
von Biedenfeld, Strebkatz und Spiegel von Deserberg. 
Der blinde Jakob war in der zweiten Hälfte 
des vorigen Jahrhunderts in der ganzen Gegend des 
Ringgaues in Hessen bekännt. Geboren war er in 
Netra, einem Dorfe dieses Bezirks, und hatte 
schon im Alter von iy 2 Jahr durch die Blattern 
das Augenlicht gänzlich verloren. Man ließ den 
armen Knaben mit sehr geringer Beachtung her 
anwachsen. Als er das schulpflichtige Alter erreicht 
hatte, schickte man ihn nur in die Religionsstunde und 
verwendete ihn außer dieser Zeit zum Gänsehüten (?). 
Aber gerade der Umstand, daß der kleine Jakob nur 
die Religionslehren mitanhören, nicht aber an dem 
übrigen Unterrichte theilnehmen durste, erregte seine 
Wißbegierde und Lernlust. Er befrug Altersgenossen, 
was sie sonst noch lernten, und erfuhr da für ihn 
ganz merkwürdige Dinge. Wie gerne mochte er das 
Alles lernen und wissen, aber er konnte ja nicht 
lesen. Gab es denn keine andere Art und Weise, 
um sich diese Kenntnisse anzueignen! Und nnn be 
gann der blinde Gänsehirte über eine solche Möglich 
keit nachzudenken und zu grübeln. Wie lange er 
brauchte, ist nicht gesagt, aber er erreichte seinen 
Zweck, er fand, was er gesucht. Mit seinem Taschen 
messer schnitt er sich Stäbe und begann in die Seiten 
derselben für gewisse Gedanken und Worte bestimmte 
Zeichen einzuschneiden. Erst wurde der Versuch ge 
macht, auf diese Weise Theile eines Gespräches fest 
zuhalten und als sich der Versuch bewährte, da bat 
der blinde Knabe seine Kameraden, ihm beim Gänse 
hüten aus ihren Unterrichtsbüchern vorzulesen, er 
aber war eifrigst bemüht, den Inhalt solcher Vor 
lesungen durch Kerbschnitte der verschiedensten Art in 
seinen bereitgehaltenen Stäben zu seinem Eigenthum 
zu machen. War erst ein Lesestück oder später ein 
ganzes Buch zu Ende, wurden die Stäbe, deren 
Reihenfolge durch ein besonderes Zeichen oben am 
Kopf vermerkt war, in ein Bündel zusammengebunden, 
diesem dann noch ein besonderes Stäbchen mit In 
haltsangabe beigefügt und das Ganze sorgfältig auf 
gehoben. Auf diese Weise seine Studien fortsetzend 
und sich bis zum Ende seines Lebens vorlesen lassend, 
gelangte der blinde Jakob zu einer großen Sammlung 
von solchen Bündeln, aber auch zu einem außerordent 
lichen und umfangreichen Schatze des.Wissens. Wollte 
er sich den Inhalt eines Werkes wiederholen, griff er 
nach dem betreffenden Bündel und fingerte dann die 
einzelnen Stäbe der Reihe nach auf beiden Seiten ab, 
so seine eigene Kerbschrift mit staunenswerther Geläu 
figkeit selbstlesend. Im Rechnen wurde Jakob sogar 
als Lehrer angestellt. Auch auf das medizinische Ge 
biet erstreckten sich seine Kenntnisse und bezeichnete er 
auch die von ihm aufbewahrten Heilmittel durch einge 
kerbte Stäbchen. „Ueberhaupt — jagt der Bericht 
erstatter — haben mir alle Personen, die ihn gekannt, 
versichert, es sei zum Erstaunen, welche Menge von
	        

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