Full text: Hessenland (1.1887)

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Meiner Mutier pt achtzigsten Geburtstag. 
9. Mai 1887.*) 
Kommet, kommet all' herbei! 
Kommt, heut ist der neunte Mai. 
Blumenspender, Kranzeswinder, 
Kinder, Kinds- und Kindeskinder, 
Kommt in einer großen Schaar, 
Heute wird sie achzig Jahr. 
Achtzig Jahr, die gute Alte! 
Und die Stirn noch ohne Falte, 
Braun das Aug' und schwarz das Haar, 
Freudig, wie sie immer war. 
Froh des Tags, den Gott gegeben, 
Keine Müh' noch Arbeit scheuend, 
Und mit jedem sich erneuend 
Im erneuten Vorwärtsstreben. 
Ihrer Seele blieb der Schwung, 
Der sie frühe schon erhöhte, 
Leuchtend von Begeisterung; 
Und ihr Jugenddichter Goethe 
Blieb des Alters Morgenröthe, 
Und so blieb sie selber jung. 
Ihrem Blicke blieb die Klarheit, 
Die von Kraft des Willens zeugt. 
Eine Mahnung uns zur Wahrheit, 
Die sich keinem Götzen beugt; 
Uns ein Beispiel der Belehrung, 
Einst wohl strenger, heute mild; 
Heut der liebenden Verehrung 
Schönen Lebens schönes Bild. 
Und ein leiser Duft kommt wieder, 
Lieblich füllend das Gemüth; 
Und ich glaub', es ist der Flieder, 
Der am neunten Mai geblüht. 
Und mich grüßt — was ist's? — Ich glaube. 
Rückwärts schauend manches Jahr, 
Daß es die Syringenlaube, 
Die in unserm Garten war. 
O wie prangt in Frühlingsfrische 
Junges Grün und Blüthenschnee; 
Und wie dampft schon auf dem Tische 
Bei dem Kuchen der Kaffee! 
Welche Lust und Augenweide, 
Deiner Sechse bunte Reih', 
Und Du selbst im weißen Kleide, 
Strahlend wie der junge Mai. 
*) Da das seltene Fest, welchem obige Berse gelten, von Hessen 
und auf Hessischem Boden, in dem alten, lieben Fulda gefeiert worden 
ist, habe :ch geglaubt, auch außerhalb des engeren Familienkreises, 
dieselben weiterhin guten Freunden und Bekannten im „Hessenland" 
mittheilen zu dürfen. Und wenn mein Gedicht auf diesem Weg unsere 
Schaumburger Heimath erreicht, dann soll es dort zumal, zwischen 
Terster und Weser, den ehemaligen Nachbarn und Jugendgenossen 
einen frohen Gruß bringen! Der Berf. 
Strahlend wie der junge Morgen, 
Und mit stolzem Kindersinn 
Blicken wir, von ihr geborgen, 
Zu der schönen Mutter hin. 
Und der Vater, längst geschieden, 
Lächelnd kehrt auch er zurück — 
O Du Heimath, voll von Frieden, 
O Du Jugend, voll von Glück.... 
Und der traute Hügel winket, 
Und das Bächlein murmelt sacht 
Unter Weiden, und es blinket 
Am Rondeel der Tulpen Pracht. 
Ach, wohl ist es lange, lange. 
Doch vergessen werd' ich's nie. 
Was auf unserm Erdengange 
Du uns gabst an Poesie. 
Was in Deiner Lieder Fülle 
Meine junge Seele fand, 
Als sie zag' noch in der Hülle 
Und sich selber nicht verstand. 
Als sie, flüchtend vor der Menge, 
Dir vertraut ihr erstes Leid, 
Und den ersten der Gesänge, 
Theure Mutter, Dir geweiht. 
Habe Dank! Was tief empfunden 
Und auch tief verschwiegen war. 
In der heiligsten der Stunden 
Werd' es laut und offenbar. 
Und wiewohl nach allen vieren 
Richtungen der Welt zerstreut, 
Kommen wir und gratuliren 
Dir, geliebte Mutter, heut. 
Die vom Meer, aus Süd und Norden, 
Bringen ihren Glückwunsch Dir — 
Aelter wohl, nicht alt geworden, 
Sind all' Deine Kinder hier. 
Und Du selber, gute Alte, 
Blühst noch frisch am neunten Mai, 
Und der liebe Gott erhalte, 
Schütze, segne Dich und walte. 
Daß es lang noch, lang so sei! 
Viele wurden alt und greiser. 
Von der Jahre Last beschwert; 
Doch Du machst es wie der Kaiser, 
Den Du stets so treu verehrt. 
Und nach abermals zehn Jahren, 
Kommen in noch größer« Schaaren 
Kind und Kindeskind herbei — 
O, das wird ein schöner Mai! 
Und wie heute beim Beginn 
Eines festtäglichen Schmauses, 
Feiern wir alsdann des Hauses 
Neunzigjähr'ge Kaiserin. K«i.
	        

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