Full text: Hessenland (1.1887)

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Wie ein Blitz sprangen dir Grenadiere, an 
diesem wie den benachbarten Feuern, beim Klange 
dieser Stimme empor und standen die Beine aus 
gespreizt, kerzengrade. 
„Rührt Euch!" Die Grenadiere nahmen eine 
ungezwungene Haltung ein. 
Vor ihnen stand die schlanke Gestalt des jugend 
lichen Prinzen aus Hessens altem Fürstcnstamm, 
mit dem freundlichen Angesicht und dem blitzenden 
blauen Augcnpaar — Prinz Friedrich. 
Der war im langen Soldatenmantel durchs 
Lager gegangen, daß seine blauen Jungen ihn 
nicht auf den ersten Blick erkennen sollten. 
„Nun Kerls was giebts hier ? sprech Er Hermes!" 
der Prinz nannte ihn auch nur immer so. 
„Zu Befehl Fürstliche Gnaden. Der Grewe 
sprach, he hedde Schotten gesehn und se hedden 
Kiddel ahne und nackichde Beine." 
Der Prinz lachte. „Wie, fürchtet Ihr Euch 
etwa vor den Ohnehosen?" 
Die Grenadiere grinsten bei der komischen 
Frage; als ob sie einen Feind fürchteten. 
„Ne!" klang es einstimmig von ihren Lippen. 
„Me wunn s'n wiesen," setzt der Kasselanerhinzu. 
„Ich denke auch," ' lachte der Prinz. „Was 
hat er denn für eine visage Sergeant ? Was sieht 
er denn so malcoutent drein?" 
„Zu Befehl Fürstliche Gnaden — morgen 
giebts Bataille." 
„Und deshalb macht er ein solches Jammer 
gesicht ?" 
„Nicht deswegen, das glauben Fürstliche Gnaden 
nicht. Aber morgen muß ich dran glauben." 
„Ach schwätz Er kein dummes Zeug. Wir wollen 
noch Alle ins Hessenland zurück. Und woher weiß 
Er denn, daß es morgen Bataille giebt?" 
Der Sergeant zögerte einen Augenblick und 
sagte dann langsam: 
„Fürstliche Gnaden werden lachen, aber es 
hat sich seit 20 Jahren bewährt, wenn mein 
Gewehrhahn knackt ohne Veranlassung, so giebts 
am andern Tage zu thun. Heute hat er dreimal 
sich leise hören lassen und morgen muß ich dran. 
„Mach er keine Flausen. Aberglauben. Wenn 
ich nicht wüßte, daß er ein kouragirter Kerl mit 
guten Meriten wär, glaubt ich er hätte Kanonen 
fieber. Munter Kerls! Und wenn die Nacktbeine 
kommen, spießt sie auf." 
„Me wuns'n wiesen," brummte der Kasselaner. 
Der Prinz ging weiter und ein donnerndes 
„vivat Prinz Friedrich!" der Grenadiere folgte 
ihm nach und begleitete ihn durchs Lager, als 
die Truppen auf ihn aufmerksam wurden. 
Die Feuer brannten allgemach niedriger, Ge 
sang und wildes Johlen verstummten und bald 
schnarchten des Landgrafen Grenadiere im 
fernen Schottland so ruhig, als in ihren Heimath- 
lande. Still war's im Lager, nur der Ruf der 
Schildwachen oder der Gang einer Ronde klang 
durch die rauhe Nacht. Der Hennes schlief an 
Bartels Seite, aber der Sergeant saß noch lange 
auf und stierte ernsthaft in die Gluth des Nacht 
feuers, bis auch er entschlief. 
Grauer Nebel lag ans den Bergen, als die 
Sonne ihre ersten Strahlen herniedersandte, grauer 
Nebel deckte die hügeligen Gelände, die sich nach 
den Bergen hin ausdehnten. Plötzlich horchten 
die Wachen hoch auf — von den Bergen her, 
da wo der Paß in's Hochland führte, klang, durch 
die Entfernung und den Nebel gedämpft, heftiges 
Schießen. 
Nach rascher Meldung an den Prinzen, der 
sein Nachtquartier in einem einsamen Farmhause 
genommen hatte, rasselten die Töne der Allarm 
trommel durch das Lager und nach kurzer Frist 
standen die Bataillone auf ihren Sammelplätzen, 
erschien der Prinz mit seinem Stabe zu Pferde 
zwischen ihnen. Augenblicks flogen Ordonnanzen 
nach Perth zu, um die weiter rückwärts lagernden 
hessischen Truppen,, die Regimenter Donop und 
Mansbach herbeizurufen, kleine Piquet's bewegten 
sich noch vorn, um die vorgeschobenen Feldwachen 
zu verstärken, Adjutanten flogen auf eilenden 
Rossen nach dem Passe zu, wo die Engländer 
standen. 
„Hab ich's nicht gesagt" brummte der Sergeant 
halblaut vor sich hin. 
Die Truppen standen schweigend und abwartend 
unter Gewehr, in den Nebel starrend. 
Von der See her aber fuhr jetzt lustig der 
Ostwind herbei und jagte die Schwaden in langen 
Streifen vor sich her, so daß bald der Ausblick 
weit wurde. Jetzt erschienen einige englische 
Rvthröcke im Gesichtskreis, die in wilder Flucht 
auf die Hessen zustürzten. 
(Schluß folgt.)
	        

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