Full text: Hessenland (1.1887)

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So finden wir unser Brüderpaar, hoch oben 
in Schottland wieder. Nicht gar zu weit von 
der Stadt Perth sollten die Hessen die Pässe, 
die in's Hochland führten, überwachen, um den 
aufrührerischen Bergschotten ein Hervorbrechen 
in's Niederland unmöglich zu machen. 
Unweit des engen Passes Killikrankie lagen die 
vorgeschobenen Truppen der Hessen, des Regiment 
Maximilian und einige Compagnien von Mans 
bach, während im Felde zwei englische Compag 
nien den Eingang selbst besetzt hielten. 
Es war ein unfreundlicher Abend im April 
des Jahres 1746 und um die Beiwachtsfeuer 
lagerten die Grenadiere und Musketiere und 
unter ihnen, dort, bei den lodernden Scheiten, 
der Hermes und der Barthel. Der Letztere lag 
ausgestreckt aus einem Bund Haferstroh, neben 
ihm saß der lange Bruder und im Kreise die 
jungen aus dem fernen Hessenland, zwischen 
ihnen der Sergeant, rauchend aus kurzen Kalk 
pfeifen, plaudernd, und eine dickbauchige Kruke 
Usquebaugh zwischen sich kreisen lassende 
„Morgen giebts was", ließ sich während einer 
Pause im Wechselgespräch, der Sergeant, ein narbiger 
kriegserfahrener Mann, der sich bisher auffallend 
schweigend verhalten hatte, plötzlich vernehmen. 
„Und das weiß Er so gewiß Sergeant?" 
fragte Barthel, sich von seinem Lager etwas 
aufrichtend und ihn anstarrend. 
„Wenn ich Alles so gewiß wüßte." 
„Aber woher weiß Er's denn? bis jetzt hat 
sich vom Feinde nichts spüren lassen." 
„Seht Jungen, fuhr der Sergeant mit ge 
dämpfter Stimme fort, wenn man so 21 Jahre 
mitläuft wie ich, und in so viel blutigen Affairen 
gewesen ist,-so hat man seine Zeichen, die Nie 
mand versteht, als man ganz allein." Die Gre 
nadiere horchten schweigend auf. „Ehe ich's 
erste Mal in's Feuer kam, und mir ahnte es so 
wenig, wie heute, da knackte mir Abends, leise 
der Hahn an der Muskete, Obgleich er in Ruh 
war, 's hörte es auch Niemand als ich. Ich 
achtete nicht drauf, aber am anderen Tage waren 
die Franzosen da. Seitdem, jedes Mal, wenn's 
was Ernstliches am anderen Tage gab, hört ich 
leise den Hahn knacken, — und heute —" 
„Heute?" Die Grenadiere hingen athcmlos an 
seinem Munde. 
„Heute knackte er dreimal. Morgen gehts heiß 
her, das ist so sicher, wie das Amen in der 
Kirche. Denkt an mich." 
„Na, meinetwegen", rief ein Grenadier, „immer 
besser, als vor langer Weile in dem verwünsch 
ten Lande umkommen." 
„Das meine ich au!" ließ sich ein Anderer 
vernehmen. 
,,S' ist richtig," sprach ein alter Grenadier, 
„'s hat jeder seine Zeichen, wann's was Ernstliches 
giebt. Da war der Weiland aus Ziegenhain, 
der Unteroffizier bei Donop, der voriges Jahr 
bei Roeremonde in's Gras biß, der sah immer 
vor der Schlacht 'n kleines, graues Männchen; 
vor Roeremonde hatte er's auch gesehen, und da 
winkte es ihm. als ob er zu ihm kommen sollte, 
er erzählte es auch Abends am Feuer, und am 
anderen Tage war er weg. Ja, ja, Ihr seid 
noch jung, aber jeder Alte, der hat so seine 
Zeichen." 
„Morgen giebts was," wiederholte der Ser 
geant nachdrücklich. 
„Loßt se kummen — me wunn's ’n wiesen, 
rief der Grenadier Grewe, der aus Kassel stammte, 
vom Brinke. „Die Kerle midde ehren nackichden 
Beinen, sunn schun laufen lernen." 
Hast Du denn schon welche gesehn? fragte 
ein Anderer neugierig. 
„De Englänner hon jo zwei gefangen Heide 
Morgen. — Die hon Uch so Kiddel ahne uß 
gewirfelden Zigg — un nackichde Beine — 
bloß Strimpe dröhne — un ne Schirze uß Fell. 
Godd verbumm mich ich hon mich halb dod gelacht 
— ewer de Kerle — un dann hon so se blaue 
blaue Betzeln uff mit Federn drahne." 
„Wie sind sie denn bewaffnet?" 
„Jo was ich do gesehn hon, do hon se so 'en 
breiden korzen Säbel — un dann so Ding wie 
'n Deckel uff'n isernes Kochdibben, daß äß'n 
Schild, un dodermidde wunn se de Bagonettstiche 
ufffangen. Hahaha! "und derGrenadier lachte herzlich. 
„Wo hast Du sie denn gesehen?" 
„Bih den Englännern. ich sprochs jo schun, 
Heide Morgen als ich midd n Prinz do ahn den 
Bergen war. Se wurden gerahde ingebracht un 
de Englänner wullden se glich kapenniren un daß se 
noch lewen, honn se nurd den Prinz ß verdanken, 
der sprach: Das ging net, das weren Kriegs 
gefangene, un wo he wer, do wirden keine Ge 
fangenen abgemurkst. Der englische Oberst, der 
wullde noch was, aber der Prinz drehde emme 
den Buckel zu un ging wecken. Do honn se se 
dann lewen lassen. Se honn Üch ne hellische Wuth 
uff de Schotten, de Rindfleischfresser, unse Prinz 
«wer, das sprech ich Uch" und er neigte sich zu 
den Anderen „der hodd de Englänner im Magen 
— das kunnd de glauwen." 
„Kerls was steckt Ihr die Köpfe zusammen? 
ließ sich plötzlich eine jugendliche Stimme vernehmen.
	        

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