Full text: Hessenland (1.1887)

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Kenntnisse im Baufache zu erwerben- bewarb er 
sich um eine Stelle im Baudepartement und er 
hielt vom Landgrafen Friedrich die Stelle eines 
Bau-Assistenten mit einem monatlichen Gehalt 
von 10 Thlr. Da seine Beschäftigung hierbei, 
lediglich im Expediren und Abschreiben bestehend, 
ihm nur sehr geringe Gelegenheit zu seiner Aus 
bildung bot, außerdem auch in Kassel die Ge 
legenheit fehlte, erfolgreichen Unterricht im Bau 
fach zu erhalten, so richtete er umsomehr sein 
ganzes Streben darauf, im Ausland seine Weiter 
bildung zu suchen, als ihn nach dem im Jahre 
1779 erfolgten Tod seiner Eltern nichts mehr an 
seine Vaterstadt fesselte. Da er das Glück hatte, 
in dem General Gohr, dem einflußreichen Günstling 
des Landgrafen Friedrich, einen Fürsprecher zu 
finden, so erhielt er schon im Anfang der 80. Jahre 
von dem kunstsinnigen Landgrafen die nöthigen 
Mittel angewiesen, sich zur Förderung seiner 
Studien längere Zeit in Paris und Rom und 
in den für sein Fach wichtigsten Städten Italiens 
aufzuhalten. Seine späteren Bauwerke gaben 
die beste Kunde davon, mit welchem Eifer und 
Erfolg er an diesen Orten einige Jahre hindurch 
seine Aufgabe erfüllt, und in wie reichem Maße 
er die Gnade seines Landesherrn vergolten hat. 
Als er sich auf der Rückreise noch einige Zeit 
in Wien aufhielt, erhielt er hier von dem in 
zwischen zur Regierung gelangten Landgrafen 
Wilhelm IX. die Weisung, nicht nach Kassel 
zurückzukehren, sondern alsbald nach England zu 
reisen, um auch dort noch die Baulichkeiten, 
namentlich die merkwürdigsten Landsitze zu studieren. 
Bei seiner im Jahre 1790 erfolgten Rückkehr 
nach Kassel wurde ihm alsbald von Wilhelm IX. 
eine Stelle im Wilhelmshöher Bau-Departement 
verliehen. Dieser große Kenner und Beförderer 
der Architektur hatte bald nach seinem Regierungs- 
Antritt im Jahre 1787 das alte Weißensteiner 
Schloß abbrechen und durch seinen Oberbaudirektor 
du Ry ein neues Schloßgebäude an dieser Stelle 
aufführen lassen. Es ist dieses das jetzt den 
linken, nach dem Weißenstein zu gelegenen Flügel 
des Wilhelmshöher Schlosses bildende Gebäude. 
Da es aber zu des Landgrafen beabsichtigtem 
Zweck einer fürstlichen Wohnung nicht genügte, 
ließ er diesem gegenüber noch ein entsprechendes 
Gebäude, den jetzigen rechten Flügel des Schlosses 
von du Ry erbauen. Der Bau wurde von du 
Ry begonnen und von Jussow vollendet. Nach 
dessen Vollendung genehmigte Wilhelm IX. den 
großartigten Plan Jussow's, die beiden Gebäude 
durch ein 220 Fuß langes, 66 Fuß tiefes und 
80 Fuß hohes Mittelgebäude zu verbinden. Die 
Ausführung dieses Prachtbaues ist das unsterb 
liche Verdienst Jussow's, welches durch seine Er 
nennung zum Oberkammer-Rath und Oberbau- 
Direktor von seinem Landesherrn anerkannt wurde. 
In dem Nachlaß des im vorigen Jahre ver 
storbenen Baurath Regenbogen hat sich ein vom 
31. December 1796 datirter Bericht Jussows, 
über die bis dahin entstandenen und noch weiter 
entstehenden Kosten dieses Baues, sowie des 
gleichzeitig unternommenen Baues der Löwenburg 
vorgefunden. Nach diesem bis in das geringste 
Detail gehenden Bericht berechnen sich die Ge- 
sammtkosten für das Hauptgebäude des Schlosses 
auf 418,026 Thaler. Der im Jahre 1793 be 
gonnene Bau der Löwenburg, sollte nach dem 
ursprünglichen Plane nur in der Nachahmung 
einer kleinen verfallenen Burg, wie des Löwen 
steins im Löwensteiner Grunde bestehen. Die 
Ausführung in dem großartigen Maßstabe, wie 
sie jetzt die Bewunderung Aller erregt, ist wesent 
lich Jussow zu verdanken. Rach dessen Bericht 
stellten sich die Kosten des Baues auf 172,509 
Thaler. 
Ein Vergleich des Ansatzes der damaligen 
Preise für die Bauhandwerker und der Löhne 
mit den jetzt üblichen läßt erkennen, in wie 
hohem Grade die Kosten beider Bauten sich 
steigern würden, wenn diese jetzt unternommen 
würden. Wesentlich kommen dabei die damaligen 
Frohndienste in Betracht. So wurde der Fuhr- 
lohn für ein vierspänniges Fuder Steine mit 
zwei und für ein einspänniges Fuder mit einem 
Glas Bier vergütet. 
Der Bericht Jussows schließt mit den Worten: 
In drei Jahren hoffe ich die Löwenburg und 
das Hauptgebäude des Schlosses zu vollenden; 
Bauten,, welche ein ewiges Denkmal des 
großen Geschmacks und der erhabenen 
Idee des unsterblichen Fürsten, der 
sie anordnete, bei der Nachwelt bleiben 
werden. 
Außer der Ausführung des Baues des Haupt 
gebäudes des Schlosses und der Löwenburg ver 
danken wir auf Wilhelmshöhe Jussow noch den 
nach seinem Plane ausgeführten Aquädukt, so 
wie in Kassel die unter seiner Leitung, von dem 
Werkmeister Wolf in den Jahren 1788 bis 1794 
erbaute Fuldabrücke. 
Einen nicht minder unvergänglichen Ruhm 
würde sich Jussow erworben haben, wenn sein 
großartiger Plan zur Erbauung der Katlenburg 
zur Vollendung gekommen wäre. Sein Verdienst 
wurde vom Kurfürst Wilhelm I. dadurch aner 
kannt, daß er ihm am Tage der Grundsteinleg 
ung, am 27. Juni 1820, das Kommandeurkreuz 
des Löwenordens verlieh.
	        

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