Full text: Hessenland (1.1887)

lös 
träumt hatte, so radikal zu sein, wie er hier 
geschildert wurde. Heise's Rede schloß dann 
ganz so polemisch, wie sie begonnen hatte. Ihr 
Ende war nämlich die Aufforderung an die Hörer, 
dem verehrten Todten in dem Herzen das An 
denken zu bewahren, das er verdient habe. Sei 
doch dies Andenken das Einzige, was noch fort- 
daure über das Grab hin.*) 
Wie diese ganze Grabrede, so erklärte sich auch 
ihr Schluß aus der Zeit, in welcher sie ge 
sprochen wurde. Der Junghegelianismus hatte 
damals zu einer Weltanschauung geführt, die 
jeden auslachte, der es noch wagte, an einen Gott 
zu glauben. 
Etwa ein Jahr nach dieser Rede bewarb sich 
Heise, — ich weiß nicht, war es um die Zu 
lassung zum juristischen Vorbereitungsdienste oder 
um die zur Ablegung des Staatsexamens,**) das 
dieser Zulassung vorauszugehen hatte. Justiz 
minister war damals Bickell, der Vater des 
katholisch gewordenen Innsbrucker Orientalisten 
gleichen Namens, ein Mann von hervorragendem 
Geiste, dabei aber entschieden von konservativer 
Gesinnung. Der Minister, der von der 
Grabrede Heise's Kenntniß erhalten hatte, fand 
es angemessen, dem jungen Manne, bevor er 
dessen Zulassung gewähre oder ablehne, erst per 
sönlich aus den Zahn zu fühlen. Es entstand 
so zwischen dem Minister und dem Kandidaten, 
den Ersterer zu sich geladen hatte, ein sehr um 
fassendes Zwiegespräch, das sich eingehend über 
alle Fragen der Zeit verbreitete und den be 
sonderen Zweck hatte, zu konstatiren, ob es für 
Heise überhaupt noch Autoritäten gebe. Der 
Dialog endigte damit, daß der Minister unum 
wunden erklärte, das Resultat der Unterhaltung 
liege für ihn, den Minister, in der gewonnenen 
Ueberzeugung, daß Heise alles und alles „nur 
aus sich heraus entwickele, wie die Spinne ihren 
Faden"; daß also Heise ein Mann sei. für den 
es eine Autorität irgend welcher Art nicht mehr 
gebe und daß er, der Minister, Männer dieses 
Schlages im Staatsdienste nicht brauchen könne. 
Als dann die Märztage kamen, trat Heise 
als Volksredner auf, erst in kleinen, aber dann 
in immer mehr wachsenden Kreisen. Zu gleicher 
Zeit war auch Gottlieb Kellner nach Kassel ge 
*) Wortgetreu lautete der Schluß von Heises Rede: 
„Denn das ist ja die wahre Unsterblichkeit, im Andenken seiner 
Mitmenschen fortzuleben." (D. R.) 
**) Das Erstere war der Fall. Heinrich Heise bestand im November 
1846 das Staatsexamen. (D. R.) 
eilt und auch er stürzte sich dort in die allge 
meine Bewegung der Geister. 
Wie diese Beiden gesprochen haben? Kellners 
Organ war volltönig und unmuthig. Seine 
Stimme klang ungemein sympathisch. Es gibt 
Männer, die schon durch den Klang des Wortes 
den Hörer zu bestricken vermögen und Kellner 
gehörte zu diesen Männern. Seine Stimme 
war trotz dieser Anmuth so kräftig, daß er auch 
die zahlreichste Versammlung, mochte diese in ge 
schlossenem Raume oder im Freien tagen, voll 
kommen beherrschte. Kellner sprach, auch wenn 
er improvisirte, in stets wohlgebauten, streng ge 
ordneten, immer klaren, durchsichtigen Perioden 
mit bestechender Eleganz. Selbst wenn er in 
dem, was er sprach, vernichtend scharf war, be 
wahrte er eine stolze- vornehme Ruhe, steigerte 
sich aber, wo es ihm nothwendig schien, zu 
donnerndem Pathos. Seine Rede glich dem 
breiten und tiefen Strome, der sich nur auf 
bäumt und wie die lärmende Brandung aufbraust 
und aufschäumt, wo er auf Hindernisse stößt, 
aber mächtiger als der Felsblock, der sich ihm 
entgegenstellt, das Hinderniß hinwegreißt und 
zertrümmert. 
Heise sprach nicht mit der kunstgerechten Ele 
ganz Kellners, aber immer schön, in raschem, 
lebendigem Fluß, geistsprühend, hinreißend. Seine 
schneidige Stimme glich der von klüftigem Arm 
geschwungenen Senke aus einer steyerischen Werk 
stätte, vor welcher die Gräser selbst dann fallen 
müßten, wenn sie von Eisen wären. In der 
Rede Heises folgte Gedanke auf Gedanke, aber 
bei keinem verweilte er länger, als es nöthig war, 
um ihn kurz und scharf anzudeuten. Die Ge 
danken wurden nur so herausgeschleudert, wie 
ein reicher Verschwender seine Scheidemünze mit 
vollen Händen unter das Volk streut. Nehmt, 
da habt Ihr alle! Ich habe das Zeug da im 
Ueberfluß. Redekünstler war aber auch Heise 
insofern, als er es liebte, sich, ehe er schloß, zu 
steigern. Da wurde denn seine Rede zur glüh 
enden Wetterwolke, aus der nicht mehr einzelne 
Blitze zucken, sondern Feuer strömt; ein Aetna, 
der alles, was widerstrebt, mit glühender Lava 
überschüttet. 
Wer beide Redner, Kellner und Heise, gehört 
hat, wird mir gern zugeben, daß ich nicht über 
treibe. Sie waren, wie ich sie hier schildere. 
(Fortsetzung folgt.)
        

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