Full text: Hessenland (1.1887)

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der Christenheit zusammengeströmt. Unerwartet 
verlieh der Papst die nach altem Gebrauche an 
einem Sonntage der Fasten dem Würdigsten zu 
erkannte goldene Rose dem hessischen Landgrafen. 
Ludwig machte sich in seinem einfachen Sinne so 
wenig geltend, daß die Abgesandten Mühe hatten, 
ihn aufzufinden. Ein noch höherer Lohn aber. 
als die vielbeneidete goldne Rose, war der zugleich 
von dem heiligen Vuter Ludwig beigelegte Titel 
eines prinosps pacis. Mit stolzer Freude em 
pfing den Heimkehrenden sein treues Volk, es 
nahm gerne den schönen Beinamen seines Fürsten 
auf; er ging in die Geschichte über. 
(Fortsetzung folgt.) 
Dr. Gottlied Kellner und Heinrich Heise. 
Geschildert von A. Trabert. 
reünd oder Feind — man muß die Menschen 
nehmen, wie sie sind, die Todten gelten 
lassen, was sie waren, für alles, was gut 
an ihnen gewesen ist, ein offenes Auge behalten 
und, wo man tiefe Schatten sieht, nicht allzu 
sehr erschrecken, nicht allzu hart verdammen. 
Was möchte aus uns selber werden, wenn die 
Welt anders verführe? Nur wo der Klotz, der 
sich uns in den Weg rollt, gar zu grob ist, da 
mag's nach uralter Regel auch der Keil sein. 
Indem ich von diesen Grundsätzen ausgehe, 
versuche ich es, Ihnen zwei kurhessische Männer 
zu schildern, die von den Einen fast vergöttert, 
von den Andern in die tiefste Hölle verflucht 
wurden und heute — es sind seitdem freilich 
vierzig, weniger ein Jahr verflossen! — fast 
ganz vergessen sind. Ich hoffe aber doch auf 
dankbare Leser rechnen zu dürfen, wenn ich 
meinem Schreibpulte die nachstehenden Blätter 
entnehme, in denen ich eine, wie ich überzeugt 
bin, möglichst objektive Schilderung der beiden 
Kasseler Demokraten Gottlieb Kellner und Heinrich 
Heise zu geben versucht habe. 
Ich habe diese Beiden schon kennen gelernt, 
als ich in Marburg unter dem ehrwürdigen 
Vicekanzler Löbell, unter dem berühmten Roma 
nisten Konrad Büchel die Rechte studirte. Als 
ich aber bei Gottlieb Kellner eingeführt wurde, 
stand dieser schon im Begriffe, Marburg zu ver 
lassen, so daß von einem persönlichen Umgänge 
zwischen ihm und mir in jenen Ta^en kaum die 
Rede sein konnte. Sein Bild aber steht mir 
noch von damals vor den Augen. Kellner war 
ein großer stattlicher Mann mit schön ge 
schnittenem und lebhaft gefärbtem Gesichte, in 
welchem zwei große schwarze Augen leuchteten. 
Denke Dir, lieber Leser, noch eine hohe Stirne 
unter dichtem schwarzen Haupthaar und einen 
Mund, bei dessen Anblick Du unwillkürlich denkst: 
Auf diesen Lippen thront die Beredtsamkeit; 
so weißt Dn nun schon, wie der Hann ausge 
sehen hat, als er just im Begriffe stand, unter 
seine Studentenzeit jenen dicken Strich zu machen, 
den man den Eintritt ins Philisterium nennt. 
Es war aber damals schon 1848 im Anzuge. 
Heinrich Heise war jünger als Kellner und 
blieb noch in Marburg, als dieser bereits ge 
schieden war. Er galt bei Allen, die mit ihm 
umgingen, als ganz ungewöhnlich geistreich, sehr 
radikal und leicht über die Schnur hauend. 
Meiner Einnerung nach sah ich ihn zum ersten 
mal von Angesicht zu Angesicht, als er auf dem 
Hügel des Grabes stand, in das wir einen 
unserer Lieblinge, den Professor Endemann, der 
einst über deutsches Privatrecht und Civilprozeß 
zu lesen pflegte, mit studentischem Pompe gesenkt 
hatten. Die Scene steht mir noch so lebhaft 
vor Augen, als wenn ich sie erst heute erlebt 
hätte. 
Einer der protestantischen Pastöre Marburg's 
hielt dem Todten die Grabrede und löste seine 
Aufgabe nicht ohne Würde, aber doch auch nicht 
zur vollen Zufriedenheit des allem Kirchenthum 
feindlich gesinnten Theils seiner studentischen 
Zuhörer. 
Da trat ein schlanker junger Mann, dessen 
scharfe und dabei feinen Gesichtszüge von langen 
braunen Locken umflattert waren, auf den Erd 
hügel und begann mit tief einschneidender Stimme: 
„Kennt Ihr nun den Mann? Wißt Ihr jetzt, 
Kommilitonen, wen Ihr da in die Grube ge 
senkt habt? Noch hat es Euch keiner gesagt, 
aber ich will es Euch jetzt zeigen und ich weiß: 
mein Schmerz wird mich beredt machen." 
Ueberrascht und verblüfft horchte man auf, 
und nun entwickelte Heise in der Fortsetzung 
dieser so seltsam begonnenen Grabrede in großen 
Zügen Endemanns Charakter und Thaten. 
Dieser Nachruf steigerte sich zur glühenden Lob 
rede, die nur den einen Fehler hatte, daß der 
Todte, der allerdings ein Mann der Freiheit 
und des Rechts gewesen war, doch niemals ge-
        

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