Full text: Hessenland (1.1887)

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überliefert ist. Landgraf Ludwig zog mit Ge 
folge von Kassel ab, ihm schloß sich der Graf 
Johann der Starke von Zicgenhain an, Venedig 
war das nächste Ziel. Graf Johann fiel einem 
venet. Kaufmann in die Hände, welcher früher 
auf des Grafen Gebiete .von ihm beraubt worden 
war; Landgraf Ludwig erlöste Johann durch 
eine große Geldsumme und bereitete damit den 
Anfall des schönen Ziegenhainer Landes an 
Hessen vor. In Venedig erlangten die Pilger 
dle zu jeder Pilgerfahrt nach dein heiligen Grabe 
erforderliche päpstliche Erlaubniß und bestiegen 
ein Schiff. Fromme Weisen singend, knieten 
die Pilger auf dem Verdecke, die Messe wurde 
gelesen und der Segen Gottes ersteht, als das 
Schiff in See ging. Nach einer sechs 
Wochen währenden Fahrt mit vielen Aufenthalten 
in den von der Route berührten Orten landete 
das Schiff an der Küste Palästina's zu Jaffa. 
Die Seefahrt brachte Ludwig in höchste Lebens 
gefahr, ein Sturm wühlte das Meer auf, legte 
das Schiff auf die Seite, vier Stunden brausten 
die Wellen über das erkrachende Fahrzeug. Alle 
gaben sich verloren, doch legte sich der Sturm 
und die Pilger schrieben ihre Rettung ihrem 
frommen Vorhaben zu. Vielleicht besuchte Lud 
wig zunächst Aegypten, welches viele heilige 
Stätten einschloß, und den Berg Sinai. Dies 
war um jene Zeit eine von Vielen eingeschlagene 
Route, welche durch die Niederlassung der 
Venetianer in Aegypten begünstigt wurde. In 
Jaffa erwarben die Pilger Reitthiere, gewöhn 
lich Esel, und zogen unter dem Schutze der 
ägyptischen Befehlshaber von Jaffa, Rainla und 
Jerusalem nach der heiligen Stadt. Waffenlos, 
überall mit Zöllen, Schutzgeldern, vielerlei kaum 
glaublichen Ansprüchen ausgeplündert, auf er 
bärmliche Kost angewiesen, beständig an Gesund 
heit und Leben trotz der Escorte von der fanatischen 
muselmännischen Bevölkerung bedroht, erreichte 
der Zug das Ziel. Hier warteten allerorten 
neue Gefahren der Pilger, denen sie nur durch 
höchste Vorsicht, Geduld bei allem Schimpfe und 
vieles Geld entgehen konnten. Die sehr große 
Anzahl der heiligen Stätten in der Stadt und 
Umgegend erforderte zu ihrem Besuche einige 
Zeit, in der Regel 14 Tage. Die heiligste war 
natürlich das Grab Christi, über welchem sich 
ein Tempel erhob. In diesem brachten die Pilger 
mindestens eine Nacht im Gebete zu, meist noch 
eine. Sehr viele erlangten hier die Aufnahme 
als Ritter vom heiligen Grabe; nach der Prüfungs 
nacht ertheilte der in Vollmacht des Papstes 
handelnde Geistliche einem der Pilger, gewöhnlich 
dem Vornehmsten, den Ritterschlag. Dieser war 
damit befähigt, ihn allen Uebrigen zu ertheilen, 
wobei adelige Geburt durchaus nicht erforderlich 
war. Die Ritter übernahmen hierbei die Ver 
pflichtung, mit allen Kräften für die christliche 
Kirche einzutreten, wo es nöthig sei, gegen die 
Ungläubigen zu kämpfen. Der Landgraf wird 
nicht unterlassen haben, diese Würde zu erlangen. 
Von dem Kreuze, welches in derselben Kirche als 
das gezeigt wurde, an welchem der Heiland den 
Tod erlitt, erwarb Ludwig um eine bedeutende 
Geldsumme einen Splitter. Wohlverwahrt be 
festigte er diese hochheilige Reliquie auf seiner 
Achsel, daß sie nur mit seinem Leben verloren 
werden könne. Die Rückfahrt ging wie die Hin 
fahrt über Cypern und Rhodus, beide unter 
christlicher Herrschaft. Ueber Cypern herrschte 
noch das Haus Lusignan, nur einen kleinen 
Theil im Osten der schönen fruchtbaren Insel, 
hatten die Genuesen erobert. Schon streckte das 
eifersüchtige Venedig die Nimmersatte Hand nach 
dem wertbvollen Besitze aus, welcher ihm etwa 
40 Jahre später auch zu Theil wurde. Rhodus 
war Hauptsitz des Johannitervrdens, dessen Groß 
meister Fulko von Villaret. im Jahre 1310, die 
in schwachem Lehnsverhältnisse zum griechischen 
Kaiser stehende Insel erobert hatte. Noch stand 
der Orden in hoher Blüthe, glänzende Waffen- 
thaten gegen die Sultane der Türken und von 
Egypten mehrten seinen Ruhm, erhielten seine 
Macht. In Italien angelangt, zog Landgraf 
Ludwig nach Rom, stellte sich dem heiligen Vater, 
Martin V., vor und empfing von ihm zum 
Lohne für die Pilgerung und die Erwerbung des 
Splitters vom heiligen Kreuze einen Ablaß seiner 
Sünden auf 10 Jahre. Bei einem Fürsten wie 
Ludwig mochte eine so ausgedehnte Jndulgenz 
nicht bedenklich erscheinen. Nach einer langen 
Abwesenheit sah er sein Land wieder, 1.430, auf 
das Freudigste empfangen, da seine Klu gheit und 
milde Kraft doch recht gefehlt hatten. Ein silberner 
Schrein wurde gefertigt, in welchem der Splitter 
des Kreuzes, in der Kirche von St. Martin an 
gebracht, zum Troste der Gläubigen wirkte. 
Zwanzig Jahre nach dieser Zeit, als schon 
der größere Theil einer weisen und glücklichen 
Regierung hinter diesem ausgezeichneten Fürsten 
lag, als er die höchste Stellung dieser Welt, mit 
der deutschen Kaiserkrone, bescheiden abgelehnt 
hatte, pilgerte er noch einmal gen Rom, zu dem 
großen Gnaden- und Jubeljahre. Papst Nico 
laus V., nach langem Schisma als alle niges 
Oberhaupt der Kirche anerkannt, setzte zur Feier 
der wieder hergestellten Einheit der Kirche, dieses 
Jubeljahr für 1450 an, eine sehr große Zahl 
Fürsten, große Mengen des Volkes waren aus
        

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