Full text: Hessenland (1.1887)

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Die Glocke 
s tönt die Harter Glocke 
Fn's Hessenland hinein — 
Die Glocke die lang vergraben 
Fm Wald lag, im Gestein. 
Zum letzten Male rief ste 
Zn bittrer Clual und Noth. — 
Die Hand, die ste geläutet, 
Verfiel dem schwarzen Tod. 
And andre Zeiten zogen 
Herauf im Deutschen Land 
And viel Geschlechter sanken, 
Dis man ste wiederfand. 
oon Harle. ^ 
So tönet keine zweite, 
Ringsum im Chattengau — 
Wie Stimmen toter Ahnen, 
Aus Fernen ernst und grau. 
So mächtig und so mistend, 
Vergangner Schmerzen voll. 
Wie lang verhalt'ne Liebe, 
Und langverhalt'ner Groll. 
Charfreitagsleid und Ostern — 
Den Frieden und die Pein — 
Tönt laut die Harter Glocke 
Fn's Hessenland hinein. 
Die Pilgerfahrten 
der Landgrafen Ludwig I. und Wilhelm I. van Hessen «ach dem heilige« Grube. 
Von C. v. Stamford. 
online der gewaltigsten Erscheinungen der 
Hw» Weltgeschichte sind die Kreuzzüge. Zwei 
J&Ä Jahrhunderte hindurch haben sie große 
v Heere, in deren Gefolge zahlreiche nicht 
streitende Menschenmassen mitzogen, aus dem 
Abendlande in das Morgenland geführt, eine 
umgekehrte -Völkerwanderung. Es war die erste 
Einigung der Christenheit zu einem erhabenen 
Gedanken, zu dessen großartiger Verwirklichung. 
Das Land, auf dessen Boden der Stifter der 
segenbringenden Religion gewandelt hatte, war 
in die Gewalt der Anhänger des Islam gefallen, 
fanatischer Feinde des Christenthums; die christliche 
Welt empfand tief das Unwürdige solchen 
Zustandes. Ein kluger scharfblickender Papst, 
Urban II., wußte die Klagen über die Entweihung 
der heiligen Stätten, die dadurch allerorten her 
vorgerufene Erregung auf das das Beste zu 
nützen. In hehrer Begeisterung gelobten unge 
zählte Tausende, hoch und niedrig, sich dem 
Kampfe gegen die Ungläubigen, als Sinnbild 
dessen das geheiligte Kreuz ihre Brust schmückte. 
Viele Millionen, darunter die Blüte der Völker 
Europa's, ließen das Leben unter dem Saracenen 
schwerte, oder verloren es durch das ihnen ge- 
ä'Hrliche Klima des Orients, letztere die weit 
überwiegende Zahl. Aber derjenige Erfolg, für 
welchen die ungeheure Anstrengungen gemacht, 
die Opfer gebracht wurden, war dauernd nicht 
zu erringen, Alles Eroberte ging wieder ver 
loren, die heiligen Stätten sind noch heute im 
Besitze eines islamitischen Herrschers, wir sehen 
die wunderbare Erscheinung, daß das Christen 
thum das Land, in welchem seine Wiege stand, 
sich nicht anzueignen vermochte. Doch hat die lange 
energische Berührung der jüngeren europäischen 
Völker mit denen der alten Kulturländer des 
Orients viele und nachhaltige günstige Folgen 
gehabt. Die Kreuzzüge wurden von den Päpsten 
als ein sehr geeignetes Mittel zur Stärkung 
ihrer ins Ungemessene wachsenden Macht ge 
braucht. Als die gebrachten Opfer den Zu 
sammensturz der christlichen Herrschaft in Syrien 
nicht aufzuhalten vermochten und die Erschöpfung 
der europäischen Staaten alle Kräfte für die 
zunehmenden inneren Aufgaben zusammenzuhalten 
nöthigte — blieb doch der tiefinnerliche Zug nach 
dem heiligen Wunderlande in den Menschen der 
Christenheit zurück. Er wurde von der Kirche 
klüglich als ein Mittel der Zucht verwendet; 
sie legte Pilgerfahrten nach dem Grabe des Er 
lösers als Sühne, wie als fromme Werke den
        

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