Full text: Hessenland (1.1887)

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Am Abend, wenn die Kinder am Heerdfeuer 
sitzen durften, schnitzte ihm der Hennes aus Holz 
Mensch und Thier, so gut er's vermochte, baute ihm 
Häuschen und ließ sich recht quälen von dem 
kleinen Kerl. Für ihn existirte auf der Welt 
nur dieser eine kleine Mensch. 
Gutmüthig wie ein junges Lamm, konnte den 
Hennes aber Berserkerwuth ergreifen, wenn man 
das kränkliche Kind verspottete oder gar schlug. 
Nachdem der emporschießende Riese mehrmals 
seine Körperkräfte gezeigt hatte, hütete sich auch 
Jedermann dem Klemm zu nahe zu treten. 
So vergingen die Jahre und aus dem schwachen 
Barthel wurde ein gesunder starker Bursche, der 
dem Bruder bald in seinen Beschäftigungen zu 
helfen vermochte. Die Jagd »or die Leiden 
schaft Beider und. glücklich waren sie, wenn'S 
zum Treiben ging, wenn Einer oder der Andere 
einen vornehjnen Herrn auf einem Pirschgang 
führen durfte. 
Der Herr v. Eschwege aber hatte die Forst 
laufersjungen im Auge behalten und freute sich, 
daß sie so kräftig emporwuchsen und so gute 
Jagdbursche waren. Hatten sich auch sonst noch 
Gönner erworben. Da war der Lieutenant von 
Donop vom Regimente Maximilian, der gar oft 
am Langcnberg und Burgberg jagte — der wußte 
die Jungen zu schätzen, denn Keiner kannte Wild, 
Standort und Wechsel besser. 
Auch unser junger Prinz Friedrich war oft 
draußen zur Jagd, und wurde,auf das unzer 
trennliche Brüderpaar aufmerksam und besonders 
auf den jungen Riesen, den Hennes. Fand auch 
Gefallen an ihm, seiner Geschicklichkeit, seinem 
ehrlichen offenen Wesen. Fast immer sah man 
die Brüder zusammen, d. h. wo der Barthel war, 
weilte, wenn'S nUr irgend anging, auch der 
Hennes, eine Mutter konnte über einen ver 
zogenen Liebling nicht sorgfältiger wachen, als 
der lange Bursche über den Bruder. Der Barthel 
aber, wenn auch im Ganzen ein guter Junge, 
war verzogen und eigenwillig worden durch die 
große Nachsicht und Anhänglichkeit des Bruders. 
Auf Anordnung des Herrn v. Eschwege waren 
die Brüder zum Förster gethan, der am Burg 
berge wohnte und sollten da richtige Jäger wer 
den. Waren auch bald weit und breit bekannt 
als gar geschickte Weidmänner und treffliche 
Schützen, besonders der Hennes. 
So waren die Jahre hingegangen und die 
Knaben waren unter Mühsal und Entbehrung 
emporgewachsen zu stattlichen jungen Männern, 
der Hennes wär nun 26 Jahr alt und der 
Barthel 19. Der Aeltere hatte auch seinen 
Schatz, die Kathrinließ, aber als die nach Kassel 
zog, um dort zu dienen, 's war auch nur armer 
Leute Kind, ging der Hennes doch gewöhnlich 
nur nach der Stadt, wenn der Barthel ging. 
Weit und breit war das Brüderpaar bekannt, 
und besonders die riesenhafte Kraft des Hennes, 
von der er vor hohen Herren oft Proben ab 
legen mußte, wie seine unversiegbare Zärtlichkeit 
gegen den Bruder. . 
Eines Tages war der Barthel nach Kassel ge 
gangen, und der Bruder hatte ihn sehr ungern 
allein ziehen lassen; doch konnte er nicht an 
seiner Seite sein, was nebenher bemerkt dem 
Barthel oft sehr lieb war, weil sein Dienst ihn 
fesselte. 
Spät in der Nacht kam der Jüngere von der 
Landgrafenstädt zurück und zwar stark berauscht. 
Voll Unruhe hatte der Bruder seiner gewartet.. 
„'S ist aus, Hermes", lallte ihm der entgegen, 
„sie haben mich — Schürn! Unser gnädiger 
Herr soll leben!" Und dann sang er aus einem 
alten Soldatenliede: 
„Wisch ab liebe Liese, wisch ab Dein Gesicht, 
Eine jede Kugel die trifft ja nicht". Den 
Aelteren beschlich eine furchtbare Ahnung. „Was 
hat's gegeben, Barthel?" 
„Nichts hat's gegeben — Handgeld hab ich, 
Donnerstag muß ich schwören — das hat's ge 
geben." 
Der Hennes wurde so blaß wir die Wand, 
sagte aber kein Wort, sondern brachte den trunkenen 
Burschen sorgsam zu Bette. - 
Am anderen Morgen, nach einer schlaflosen 
Nacht, erfuhr er denn von dem ganz kleinlauten 
Barthel, daß er gestern in einem Wirthshause 
in Kassel, in einem Streit mit einem Diener der 
Gerechtigkeit, sich an diesem thätlich vergriffen 
habe. Nachdem er diese Thatsache, welche er 
möglichst beschönigte, gebeichtet hatte, fuhr er 
fort: Während der nun Hülfe holte, denn allein 
traute er sich nicht an mich, sprach der Sergeant 
zu mir, der Weiland, weißt Du, aus Großen 
ritte, der dabei war: Nimm Handgeld Junge, 
• sonst legen sie dich auf ein Jahr in Eisen; als 
Soldat können sie dir nichts anhaben." In 
meiner Angst hab ich's genommen.- Als sie 
kamen, mich in's Prison zu führen, lachte der 
Sergeant sie aus, und sagte: ich sei Soldat Im 
Regimente Maximilian und stände unter Mili 
tärgesetz — ich hätte Handgeld!" Da mußten 
sie mit langer Nase abziehe», der Sergeant hat 
mich hergehen kaffen, weil er weiß, ich bin ein 
redlicher Bursche, und morgen muß ich schwören- 
Das ist es, und nun weißt Du Alles, Hennes." 
Der Letztere hörte schweigend zu und schaute 
nur mit den ehrlichen Augen den Barthel traurig.
	        

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