Full text: Hessenland (1.1887)

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Der Lange Hermes. 
Eine Geschichte ans -em vorigem 
er Johannes Krug aus Besse war im Jahre 
des Herrn Eintausend siebenhundertvierzig 
und sechs der schönste und' längste Grena 
dier in unseres gnädigen - Herren Landgrafen 
Friderici I. Regiment „Maximilian", welches 
früher „von Haustein" hieß. Sechs Fuß und vier 
Zoll rheinländisch Maaß stand er in Strümpfen 
da, und sein Zopf war wohl armesdick. 
Der Krug war gleichzeitig der stärkste Mann, 
nicht nur im Regiments, sondern in alle« hessi 
schen Truppen, die dazumül in den Niederlanden 
mit Engländern und Holländern zusammen gegen 
die Franzosen fochten, und fand auch, was Körper 
kraft aypetraf, weit und breit seines Gleichen 
nicht in deutschen Landen; einen wüthenden Stier 
mit seiner Arme Kraft zu bändigen, war ihm 
rin Leichtes. Dabei war er gewandt und thats 
auch im Laufen Und Springen Allen zuvor. 
Sie kannten ihn auch All« bei der Armee de» 
hübschen, baumlangen Burschen, und allgemein 
hieß er bei Engländern und Holländern: der 
„lange Hesse", beim Regimente aber nannte mau 
ihn nur den „langen Hennes". 
Aber auch beliebt war der Johannes bei all 
dem wilden Kricgsvolk, denn seiner Stärke und 
seiner Courage vor dem Feinde, kam eine fast 
kindliche Gutmüthigkeit gleich; auch unseres gnä 
digen Herrn Landgrafen Sohn, Prinz Friedrich, 
der die Hessen kommandirte, war dem Burschen 
wohlgesinnt. 
Nicht zum mindesten waren dem hübschen, 
reckenhaften Grenadier die Weibsen zugethan 
und liefen wie toll hinter ihm her. Aber der 
Hennes. schielte nicht nach den Mäderchen, denn 
«r hatte seine« Schatz in Kasfel>das Kathrinließ, 
auch aus Besse, und dem wär er treu wie Gold, 
gar nicht nach sonstiger Soldatenart, welche heißt: 
„Ein ander Städtchen, ein ander Mädchen". Das 
Kathriyließ aber diente beim Geheimen Rath von 
Schimmelpfennig, auf der Schloßfreiheit iw der 
Residenz und war ein ächtes, treuherzig, Hessen 
dlut, und dem Hennes unmenschlich gut. 
Wenn die Kathrinließ Ursache hatte eifersüchtig 
zu sein, so war es auf einen Menschen in. der 
Welt, und zwar auf des Hennes Bruder, den 
Barthel, Ich glaube, den hatte der HenneS 
noch lieber, als das Kathrinließ, und das ging 
so zu. 
^ DeS Hennes Vater war Forstlaufer gewesen, 
wie dessen Vater und Großvater auch, und hattm 
am Langenberge gehaust; die-Krugs unweit, des 
Jahrhundert von Franz- Treller. 
Bilsteins waren redliche Männer gewesen, die den 
Wald und das Wild kannten und beides vor 
Schaden behüteten. In der Hütte um Bilstein 
war auch der.Hennes geboren, und später sein 
Bruder- Barthel. 
Der Aeltere war gerade zehn Jahre alt, als 
ein großes Sterben in's Land kam, und den 
Forstlaufer und sein Weib ergriff's auch und 
nahm sie mit weg von dieser Erde. 
Die beiden Knaben blieben allein auf der 
Welt. Der Barthel aber war erst drei Jahre 
alt und ein kränklich Kind, blaß und mager und 
schwach aus den Beinen. 
Der- kräftige Hennes,.- der einer jungen Tanne 
gleich emporschoß, hatte das Brüderlein von 
Jugend auf fleißig umherschleppeg müssen, und 
stand nun da als sein einziger Beschützer und 
Freund. 
Die klugen Leute in Besse überlegten, als es 
die Forstlaufersleute so plötzlich fortriß, daß man 
die Kinder nicht verhungern lassen könnte, und 
wollten sie austhun, bei Bauern, hie nnd da. 
Da aber zeigte der Hennes, daß ihm auch 
der Kamm schwellen konnte, gleich einem Kampf- 
hahn, und er erklärte in heller Wuth: ehe er 
sich vom Barthel trennen ließe, oder diesen von 
ihm, eher wolle er mit dem Kinde in den Wald 
laufen und sich vom Wolfe fressen lasten oder 
sich vom Bilstein herunterstürzen, der Barthel 
komme nimmer von seiner Seite. Das verdutzte 
die Bauern maßlos, denn dem gereizten Jungen, 
der im Wald aufgewachsen war, konnte man's 
zutrauen. Schließlich wollte« sie Gewalt an 
wenden, aber da kam der Oberjägermeister, der 
Herr v. Eschwrge, dazwischen, und als der er 
fuhr, um was es sich handelte, streichelte er oem 
HenNes den buschigen Kopf und ordnete an: 
Die Kinder sollten beieinander bleiben, die Forst- 
kaste würde etwas Kostgeld zahlen, und der 
Hennes könne sich nützlich machen als Hirte und 
Treiber zur Jagdzeit. Und so geschah's. 
Der Bauer Ehler nahm die Beiden zu sich, 
steckte, ein, was die Forstkasse zahlte, und die 
Gemeinde ließ den Hennes die Gänse hüten. 
Der aber war seelenfroh, daß der Barthel bei 
ihm blieb. Er versah treulich seinen Dienst als 
Hirte, aber den Barthel schleppte er mit sich in 
Feld und Wald, Tag für Tag. Von den kärg 
lichen Mahlzeiten erhielt der kränkliche, launische 
Junge die besten Bissen und im mit Stroh ge- 
Mten Bettkasten den wärmsten Platz.
        

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