Volltext: Hessenland (1.1887)

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riese Meinung konnte 1813 für ihn gefährlich 
-werden. Sobald,die Franzosen abgezogen waren, 
versammelte sich im Marburger Rathhaus unter 
dem Präsidium eines Bäckers Schott, der der 
Schwanapotheke etwa gegenüber wohnte, ein Volks 
gericht, vor das Mildungen geholt werden sollte. 
Er erhielt jedoch davon noch zeitig Nachricht, 
And entfernte sich für einige Zeit von Marburg. 
Mittlerweile hatten sich die Gemüther beruhigt. 
Münscher erzählt nun weiter, daß Emmerich, 
der Professor Stervberg und zwei althessische Sol 
daten Muth aus Ockershausen und Günther aus 
Sterzhansen zum Tode verurtheilt worden seien, 
welche Strafe durch Erschießen vollzogen wnrde. 
Münscher gibt dem Günther den Vornamen 
Mentel, Lyncker itt seiner Schrift über die In 
surrektionen im Königreich Westfalen nennt ihn 
Mendel, der Mann hieß Wendel (nach dem heil. 
Wendelin, dessen Tag der 20. Oktober). Mit 
diesem Günther, der seine Theilnahme mit dem 
Leben bezahlen mußte, kommen wir ans die Be 
theiligung der Sterzhäuser überhaupt. Durch 
Sterzhausen, nordwestlich von Marburg, geht 
jetzt die Eisenbahn von Marburg nach Bieden 
kopf und Laasphe. Fast alles, was ich über 
diese Betheiligung erzählen werde, habe ich aus 
dem Munde eines ganz unverwerflichen Autors, 
der zum' Theil Augen- und Ohrenzeuge war, 
grämlich des damaligen Pfarrers zu Goßfelden, 
Heinrich Christian Ludwig Bang, dem der jetzt 
in Darmstadt lebende vorhinnige Oberamtsrichter 
zu Bergen, Karl Hille, in den konservativen 
Monatsheften von Nathusius, jetzt von Oertzen 
redigirt, unter der Ueberschrift „die letzte huma 
nistische Lehranstalt" ein ebenso pietätsvolles wie 
unmuthendes Denkmal gesetzt hat. 
Die Sterzhäuser zogen also in der Johannis- 
nacht 1809 heran, angeführt von ihrem Ge 
meindeforstlauser Moog.. Zuzug aus anderen 
Orten scheinen sie nach dem, was sich in Goß 
felden ereignete, kaum gehabt zu haben. Emme 
rich, der Leiter des Ganzen, scheint nur an 
einzelne Vertraute die Aufforderung, sich an der 
Wegnahme Marburg's zu betheiligen, gesandt und 
darauf gerechnet zu haben, daß, wenn diese ge 
lungen, der Zuzug nicht ausbleiben werde. Die 
Goßfelder lagen, als die Sterzhäuser gegen 
Mitternacht heranzogen, in tiefem Schlaf. Moog 
ließ seinen Haufen an der Goßfelder Brücke Halt 
machen, eilte von Einigen begleitet, zum Schul 
haus, ließ sich den Schlüssel- zur Kirche geben 
und läutete. Die Goßfelder eilten auf den hoch 
gelegenen Kirchhof, und hier forderte sie Moog 
Lur Betheiligung aus. Sie bezeigten dazu keine 
besondere Lust, auch Moog's Drohung, wer nicht 
mitziehe, werde sofort in seiner eigenen Haus 
thüre aufgehängt, wollte nicht verfangen. Als 
Moog wiederholte, sie müßten dem Kurfürst zu 
Hülfe eilen, und die Goßfelder einwandten, 
sie wüßten ja garnicht, wo der Kurfürst sei, rief 
Moog: Was? da unten der an der Brücke auf 
dem Schimmel, das ist er. Ja! sagten bie Goß 
felder, wenn er selber da ist, dann ziehen wir 
mit, und so geschah es. Der auf dem Schimmel 
war ein ehemaliger Hessischer Leibdragoner, der 
geglaubt hatte, die Sache nur zu Pferd mit 
machen zu.dürfen. 
.Der vergrößerte Haufe zog nun über den 
Weißenstein Marburg zu. Als es den steilen 
Weg an dem westlichen Abhang des Berges hinab 
ging, sah einer auf dem rechtsgelegenen Wehrdaer 
Felde einen Menschey laufen. Er. wurde als 
eiy Exekutor aus Wetter erkannt, der sich durch 
seine Härte, zu der er noch, Hohn gesellte, ver 
haßt gemacht. Möglich, daß er nach Marburg 
die Nachricht von dem bevorstehenden Ausstand 
gebracht hatte. Einer aus dem Haufen erschoß 
ihn. Dies hab ich nicht vom Pfarrer Bang, 
wohl aber von Theilnehmern am Zuge gehört. 
Sollte damit Günthers Verurtheilung zusammen 
hängen? Die Bauern waren noch nicht bis an die 
Deutschhausmühle gelangt, als sie Nachricht von 
dem Mißlingen des Unternehmens erhielten, wo 
rauf sie sich auf Moogs Befehl zerstreuten; und 
durch den Wehrdaer und Michelbacher Wald nach 
Haus eilten. Daß darauf zahlreiche Verhaft, ngen 
erfolgten, versteht sich von selbst. Moog ließ 
sich aber nicht so leicht fangen. Er trieb sich in 
den Wäldern umher. Da es jedoch schwierig 
war, ihm Nahrungsmittel zukommen zu lassen, 
so verbarg er sich, als das Korn in Hügeln 
stand, in einem dieser, und so mochte Ende August 
oder Septemper herangekommen sein. Das Äora 
bleibt dort, wenn die Witterung es gestattet, 
ziemlich lange im Felde. Da geschah es denn, 
daß eines Nachts ein Mann von Großfclden, 
Namens Roth, bei dem auf der Großfelder 
Pfingstweide zum Bleichen aufgelegte« Leinen 
Wache hielt. Es gesellten sich ihm zwei west 
fälische Gendarmen zu, und Roth verrieth diesen, 
in welchem Kornhanfen Moog sich diese Nacht 
aufhielt. Die Gendarmen schlichen sich heran 
und fesselten den schlafenden Mann.' Ob Roth 
den Verrath um Judaslohn verübt, oder als 
einfältiger Schwätzer von den Gendarmen über 
listet wurde, ist nicht ausgemacht. Die allgemeine 
Meinung entschied für das-erstere. Moog wurde 
nach Marburg geführt und hier vor das ordentliche 
Gericht gestellt. Der Generalprokurator de» 
Werradepartements, der spätere kurhessische Minister
        

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