Full text: Hessenland (1.1887)

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portfähiger zu machen. Das war aber für Hauff, 
den deutschen Patrioten, wenn er auch kein Preuße 
war, ein Stich ins Herz. Er verlangte und er 
hielt Aufschub. Er ersann und konstruirte binnen 
wenigen Stunden ein Hebewerk, mit welchem die 
Freimachung ohne Beschädigung gelang. 
Ich entnehme das Vorstehende Aufzeichnungen, 
die ein damals in Marburg studireNder Augen 
zeuge in seinen alten Tagen niederschrieb und 
mir hinterließ. 
In der 15ten Erzählung gibt Münscher 
nähere Nachrichten über den bekannten, wenn 
auch abenteuerlichen, doch als tapferen und ver 
wegenen Soldaten des Andenken werthen Obersten 
Emmerich und den von ihm im Jahre 1809 ge-' 
leiteten Aufstand. Bei der Departementalgarde, 
einem kleinen, ans Halb- und Ganz-Invaliden 
bestehenden Corps, welches polizeilichen Zwecken 
diente, und zur Disposition des Präfekten stand, 
befand sich nur ein Offizier, ebenfalls Invalide. 
Dieser soll nun, als Emmerich Marburg über 
fiel, und es trotz des darin liegenden Bergischen 
Militärs mit seinem Bauernhaufen nahm, sich 
vor das Elisabethenthor zurückgezogen haben, und 
von da, nachdem er von seinem, ihm den Mantel 
nachbringenden Diener die geringe Zahl der 
Aufständischen erfahren hatte, wieder in die Stadt 
marschirt sein, und die Bauern nach kurzem Ge 
fecht auf dem Marktplatz aus derselben verjagt 
haben. Das habe ich nun anders erzählen hören. 
Als die Departementalgarde, den Kommandeur 
an der Spitze, über die Elisabethenbrücke nach 
Kölbe zu marschirte, trat der schließende Feld 
webel, Lauer, von Wittelsberg gebürtig, mit den 
Worten an feindn Vorgesetzten heran: „Herr 
Oberst darf ich fragen, wohin wir marschiren?" 
„Nun nach Kassel!" „Was sollen wir denn dort 
sagen, weshalb wir unsere Garnison verlassen 
hätten? Wir können doch nicht sagen, daß wir 
vor dem Haufen Bauern ausgerissen sind." „Halt 
er's —. Geh' er an seinen Platz!" „Zu Befehl 
Herr Oberst." Es wurde weiter marschirt. An 
der Knutzbach, wo die vier Linden an der kleinen 
Brücke stehen, ries der Oberst den Feldwebel 
herbei und fragte: „Lauer, was sollen wir thun?" 
„Herr Oberst kommandiren Sie Halt! Kehrt! 
Marschiren Sie wieder in die Stadt. Wir feuern 
ein- zweimal und die Aufständischen laufen auf- 
und davon!" So geschah's. Am Steinweg, am 
Hause, welches vormals dem Landgerichtsrath 
Hille gehörte, hatte sich ein Haufen Bauern fest 
gesetzt, der als die Departementalgarde feuerte, 
davon lief. Dasselbe wiederholte sich an der 
Ecke der Wetter- und Marktgasse bei der vor 
mals Lückschen Apotheke. Die Aufständischen 
liefen zur Stadt hinaus. — Man wird mich nun 
fragen, woher ist Ihnen das Vorstehende bekannt 
gewdrden? Der ehemalige Feldwebel hat bis 
zum Jahre 1849 in Marburg ein zwar unter 
geordnetes, aber doch sehr verantwortliches Amt 
bekleidet.. Er hat den erzählten Hergang, viel 
leicht nur ein einzigesmal, seinem Freunde, dem 
Gastwirth Philipp Weiß, mitgetheilt, der mir 
ihn wieder erzählte. Die ansehnliche Körpergröße 
Lauer's, seine intelligenten Gesichtszüge, der 
offene Blick heischten Achtung, welche Forderung 
durch Rühe und Schweigsanikest unterstützt wurde. 
Ich fürchte zu ermüde», sonst könnte ich noch 
einiges von Lauer, dem Franzosenschneider von 
Roth u. s. w. erzählen. Einiges auf den Aufstand 
Bezügliches mag noch folgen: 
Der, wenigstens bei den Jägern, als Schrift 
steller noch in gutem Andenken stehende Ober 
forstmeister von Wildungen, wohnte zu jener Zeit 
als Königlich Westfälischer conservateur des 
eaux et forets in dem Hause am Heumarkt zu 
Marburg, in dessen unterem Stock später Falk 
Erlanger und danach Konrad Klappert ein Laden 
geschäft betrieb. Aus den Eckfenstern des Hauses 
sieht man die Barfüßerstraße hinab. Als nun 
die Bauern diese Straße herauf nach dem Markte 
zogen, schoß Wildungen aus einem seiner Fenster, 
so wurde behauptet, unter sie. Schwerlich ent 
spricht dies der Wahrheit. Wildunyen wird nicht 
unter die Bauern geschossen, sondern nur über 
sie weg gefeuert haben, um sie zu schrecken. Die 
von ihm abgeschossene Kugel schlug in die Fenster- 
bekleidung eines damals und noch länge Jahre 
nachher zum Gasthaus zum König von Preußen 
gehörenden Nebenhauses, das später der Eisen 
händler Arcularius erwarb. Die Kugel steckte 
da noch nach mehr als dreißig Jahren. Wil 
dungen muß demnach schräg über die Bürfüßer- 
gasse geschossen haben. Ein Jäger wie er würde 
sein Ziel nicht verfehlt haben, wenn er in den 
Haufen hätte schießen wollen. Es war zwar 
Nacht, aber, wie sich aus dem Späteren ergibt, 
eine mondhelle. Aber warum scharf geladen, 
wenn er nur schrecken wollte? Ein Jäger wie 
Wildungen hat keine mit bloßen Platzpatronen 
geladenen Gewehre. Wollte er seinen Zweck er 
reichen, so hatte er keine Zeit, die Kugel aus 
dem Laus zu ziehen, oder ein ungeladenes Ge 
wehr nur mit Pulver und einem Papierpfropsen 
zu laden. Das Laden nahm damals mehr Zeit 
in Anspruch als heute. Die Bauern waren schon 
bis zum Bärenbrunnen gelangt, also keine Zeit 
zu verlieren, wenn Wildungen sie schrecken wollte. 
Die Volksmeinung stand aber einmal fest: Wil 
dungen hatte unter die Bauern geschossen, und
        

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