Full text: Hessenland (1.1887)

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Muß im dunklem Kerker schmachten, tragen schwerer Ketten 
Last. 
Und das Leben däucht ihm Elend und die Welt ist ihm 
verhaßt. 
Fern von seiner trauten Feste muß er dienen fremdem Herrn, 
Fern von seinen Lieben, allen seinen Treuen fern. 
Nicht von allen seinen Treuen, denn sein treuer Vogel wacht, 
Liebend steht er ihm zur Seite, schützet ihn bei Tag und 
Nacht. 
Heldenmüthig trug Philibert seine Schmerzen, seine Noth, 
Doch die in dem Kampf gefallen, neidet er um ihren Tod. 
Als er einst so saß im Sinnen, auf die Hand das Haupt 
gesenkt 
Und zurück an seine Heimath, an die lieben Seinen denkt, 
Dip durchzuckt ihn ein Gedanke, er ergreift das treue Thier 
Zrchet aus dem schwarzen Flügel eine Feder schnell Herfür, 
Nimmt ein Stückchen von dem Linnen, das um seine 
Wunde, ruht,/ 
Ritzet sich an scharfen Steinen, schreibt mit seinem eigenen 
Blut: 
.„Rüstet Euch, Ihr treuen Lieben, Gott mög' Euer Führer 
sein, 
Euer Feldherr ist gefangen auf der Feste Königstein." 
Und er knüpft'- mit starken Fäden an des Falken Flügel 
fest 
Und der Vogel mit der Botschaft schnell den hohen Thurm 
verläßt. 
Und so rudert er im Fluge seiner lieben Heimath zu. 
Ha, Philibert- treuer Falke, welche Botschaft bringest Du! 
Ha, gefangen, edler Führer! Sieggekrönt war Deine Schlacht, 
Und Du selbst hist nun gefangen in des frechen Feindes 
Macht! 
Schwer hat ihn der Herr geprüfet, doch, nun wird er 
gnädig sein, 
Unsere Schwerter wird er führen, -auf nun auf nach Kömg- 
stein! 
Hell nun glänzen Schild und Lanze und es kämpft der 
tapfere Schwarm 
Und Philibert sinkt befreiet in der treuen Seinen Arm. 
In der Milte seiner Treuen reitet er in stiller Ruh', 
Innige Gebete flüsternd, seiner treuen Heimath zu. 
Sieh! da lacht die Burg vollendet ihren lieben Gründer au, 
Herrlich ist sie aufgebauet, auch kein Thürmchen fehlt daran, 
„Dank Dir heil'ger Gott, Du hast mir diesen Anblick auf 
gespart," 
Ruft Philibert, Thränen rollen überfeinen dunk'lenBart. 
Aber Du, Du vielgetreuer, lieber, theurer Vogel mein, 
Der Du Retter mir gewesen, wie soll ich Dir dankbar sein, 
Du hast mich vom Tod gerettet, fast im Elend mich erfreut, 
Du hast menschlich mitgefühlet, aus der Knechtschaft mich 
befreit. 
Nimmer sollst Du von mir weichen, dieses däucht Dir 
schöner Lohn, 
Pflegen will ich Dich, wie 'nen theuren vielgeliebten Sohn, 
Sollst in meinem Wckppen glänzen; sollst mir stets zur 
Seite sein 
Und nach Deinem Namen heiße diese Feste. Falkenstein, 
ttnh fr tfent nacfi seinem Worte. Ralkenstein ward sie ae- 
nannt, 
Lang war sie des Landes Wehre, lange Zier und Schmuck 
dem Land. 
Wohl nun ist die Burg zerfallen; und ein graubemoost 
Gestein, 
Doch es hieß auf erv'ge, Zeiten die Rume Falkensteiu. 
„Geschichten aus dem Hessenland." 
|1| snter diesem Titel hat bekanntlich Friedrich 
4 I Münscher (wohl der frühere Gymnasial- 
direktor zu Marburg) ein Büchlein heraus 
^ gegeben, welches dreiundzwanzig, unser 
engeres Vaterland betreffende Erzählungen enthält. . 
Es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß in jüngster 
Zeit die Hessen ihrer Geschichte lebhafteres 
Interesse zuwenden, als dies vordem geschah. 
Hoffen wir, daß die. bezüglichen Erzeugnisse der 
Presse nicht als ' Testamente einer dahin- • 
schwindenden Generation anzusehen sind, sondern 
erwachendem Stammesbewußtsein ihr Dasein rer. 
danken. 
Münschers Wünsch, daß sein Büchlein seinen 
Landsleuten willkommen sein möge, wird in Er 
füllung gegangen sein. Ich habe es mit vielem 
Interesse gelesen, obgleich mir Manches schon 
bekannt war. Dies Interesse sollen die nach 
stehenden Zusätze weiter bekunden. 
In der letzten Erzählung schildert uns Münscher 
das Wanderleben eines Marburger Proseffors, 
nämlich des Proseffors der Mathematik, Hauff, 
von dem Ernst Moritz Arndt in seinen Erinner 
ungen u. s. w. erzählt, er habe im Jahre 1813 
den Verbündeten den Plan zu einem vor der 
Armee herzuführenden Magnetbcrg eingesandt, 
bestimmt, die feindlichen Geschosse (auch die von 
Blei?) aufzufangen, habe aber die Angabe ver 
gessen, durch welche Kraft dieser Koloß bewegt 
werden solle. Danach müßte man annehmen, 
Hauff sei, wenn nicht ein Narr, doch ein ganz 
unpraktischer Mensch gewesen. Dem muß aber 
doch nicht so gewesen sein. Bekanntlich entführ 
ten die Franzosen von Berlin die Siegesgöttin, mit 
ihrem Viergespann, welche dir Preußen, sich dann 
wieder holten, und die nun seit 1814 wieder aufihrem 
alten Platze aus dem Brandenburger Thore steht. 
Der Transport nach Paris ging durch Marburg. 
Die Landstraße über den Kämpfrasen bestand 
noch nicht, und so mußte der Wagen, wie alles 
Lastfuhrwerk, den Steinweg hinauf durch die 
Wettergaffe gelenkt werden. Zwischen den beiden 
letztgenannten, mit ihren Vorderseiten am Markt 
stehenden, Häusern der Marktgaffe blieb der 
Wagen stecken. Er war nicht vor-, nicht rück 
wärts zu bringen. Allerlei Vorschläge tauchten 
auf, man sprach schon von Niederreißen des 
einen Hauses. Schließlich entschied man sich da 
für, das Denkmal durch Zersägen frei und Irans
        

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