Full text: Hessenland (1.1887)

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Kaum berührte Wolnoth in schwerem Falle | 
den Boden, als sich das Schwert des Römers 
tief in seine junge Brust bohrte. 
Mit dem Todesschrei des Knaben einte sich 
der Entsetzensruf des Elternpaares. Merwig 
raste in seinen Banden, während Theuda starren 
Antlitzes zurücksank. 
Die Flamme auf der Fichte erlosch ebenso rasch, als 
sie jäh und hoch aufgelodert war, nur die oberen 
Aeste des Baumes glimmten noch. Die Römer 
kamen zurück, die Leiche des Knaben mit sich 
führend und am Feuer niederlegend. 
„Wenn sie Alle hier sind wie diese", brummte ! 
der Centurio, „werden wir harten Stand im j 
Chattenland haben" und betrachtete nicht ohne 
einige Bewegung die Leiche des schönen, schlanken 
Knaben. i 
Wer vermag die Qual in den Elternherzen ! 
zu schildern, als der Liebling todt vor ! 
ihnen lag. Die Augen hafteten an dem An- ' 
gesicht des Todten — Laute hatte dieser Schmerz | 
nicht. j 
Fester Schritt erklang die Schlucht herauf — j 
die Kohorten nahten. 
„Der Primipilar", rief einer der Legionäre j 
und der Centurio ging jenem entegen. Zahl- > 
reiche aus Kienholz hergestellte Fackeln beleuch- i 
teten rings den Wald und Roma's erzgerüstete ' 
Krieger. 
Die Wachen, welche der Centurio unter Se- ! 
jus seinem Dekurio vorsorglich ausgestellt hatte, ! 
waren wie Alle der Fichte zugeeilt, als aus deren ! 
Wipfel die Flamme emporloderte, die Schlucht ! 
war nach dem Chattenlante zu unbewacht. 
Rasch zogen Rom's Krieger heran. Der Cen- ; 
turio begrüßte den Primipilar. j 
„Was für ein Feuer, Centurio?" Dieser gab i 
die Erklärung. 
„Und warum nicht gelöscht ?" fragte der hohe , 
Befehlshaber scharf und deutete auf die Fichte, - 
deren glimmende Aeste durch den frischen Luft 
zug in Brand gerathen waren. Niemand hatte 
darauf geachtet als die Kohorten nahten. Der 
Baum stand in Flammen und drohte schon die 
Nachbarn anzuzünden. j 
„Vorwärts", befahl der Prmipilar, ohne 
weiteren Erörterungen Gehör zu geben, „wir 
müssen vor Anbruch des Tages durch die 
Wälder sein." 
Ein dröhnender, lang hingezogener Ton, wie 
er nur dem Horn des Urs entlockt werden kann, 
hallte durch den Wald, dem aus tausend Kehlen 
der markerschütternde Schlachtschrei der Chatten 
folgte. Das furchtbare „Urrahuh!" des Angriffes 
ließ die Wälder erbeben und von allen Seiten 
drangen die schlanken Gestalten der chattischen 
Jugunt unter den Bäumen hervor, sausten ihre 
Speere aus die Römer hernieder. 
Hie Fackelgluth, dort Finsterniß, die brennen 
den Bäume, die immer mehr Helle verbreiteten 
und den Wald anzuzünden drohten, der wilde 
Ruf, das Dnrcheinanderwogen der Kämpfer, das 
Klirren der Waffen, gellender Todesschrei — ein 
grausiges Nachtbild. 
Die überraschten Römer hielten dennoch Stand, 
und mit Ruhe gebot der Primipilar den Rück 
zug, der in fester, geschloffener, trotziger Ord 
nung, unter dem Klange der Tuba, angetreten 
wurde. 
Auch der Führer der Chatten gab Befehl, 
den nächtlichen Kampf abzubrechen. Der Zweck 
war erreicht, das Durchbrechen der Römer ver 
eitelt worden. 
Am Feuer nahe der Hütte saß die befreite 
Theuda, die Leiche des Lieblings im Arm — 
thränenlos. An ihrer Seite stand Merwig, das 
Auge bewegungslos auf das noch im Tod schöne, 
von den blonden Locken umwallte Antlitz seines 
Knaben gerichtet. 
Ringsuin hatte sich ein dichter Kreis von 
ernsten Chatteukriegern gebildet, sie kannten bereits 
den Opfertod Wolnoth's. In den Ring trat 
der greise Anführer der Chatten. Lange schaute 
er den Knaben mit der Todeswunde in der 
Brust an. 
Endlich sprach er laut, feierlich: „Hört, 
Merwig, und Theuda, hört es Chattenmänner! 
Hier liegt Wolnoth, Merwig's Sohn, der Wächter 
am Chattenlande. Nimmer soll das Volk seiner 
vergessen, der hier ruht, jung und schön, wie
        

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