Volltext: Hessenland (1.1887)

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in humoristischer Weise seinen Eintritt in die 
Kasseler Lehrerstelle geschildert. Mit Wieder 
streben war er dem Rufe gefolgt und aus der 
ihm so lieb gewordenen Stellung eine- Lehrers 
an der Pnvatanstalt in Ricklingen bei Hannover 
auf den Wunsch-seines Vaters geschieden. 
Bon seinem Eintreffen in Kassel und der ersten 
Zeit seiner dortigen Lehrtätigkeit erzählt er u. a. 
„An einem schönen Maimorgen traf ich in 
Kassel ein. Um recht pünktlich zu sein, meldete 
ich mich sofort, noch im Reiseanzuge, bei meinem 
neuen Direktor, dem braven tüchtigen Weber, 
der mir aus einem strengen Chef bald ein nach 
sichtiger Freund geworden, Er maß mit be 
denklichem Micke zuerst meine hochaufgewachsene 
schmale Gestalt, dann den allerdings verwegenen 
Morgenrock aus schottischem gewürfelten Stoff, 
ächt englischen Schnitts. Trauen Sie sich auch, 
fragte er, den nöthigen Ernst zu, um Disziplin 
zu halten, und die körperliche Kraft, die der 
schwere Lehramtsdienst erfordert? Sie finden 
in Prima und Sekunda Schüler, die älter sind, 
als Sie." Ich erwiderte, daß ich mich bemühen 
werde, baldmöglichst zu altern. Er duplizirte 
lachend: „Nur dergleichen Späße nicht auf dem 
Katheder. Ueberhaupt man weiß hier, daß Sie 
für ein schöngeistiges Blatt in Hannover ge 
arbeitet haben." Für die Posaune, Herr Direktor! 
— „Unser Herr Minister läßt Ihnen sagen, daß 
man dergleichen Allotria bei uns nicht liebt, 
weder höheren, noch höchsten Orts. Sapienti 
sät." Ich empfahl mich, ebenfalls schon satt, 
noch ehe ich angefangen zu geuießen. 
Mit den Schülern, die älter als der Lehrer, 
hatte es übrigens seine Richtigkeit. 
„Unser Herr Minister" hatte in seinen Gym 
nasien zwangsweise das vertrauliche „Du" einge 
führt. So oft ich mich den bemoosten Häuptern 
gegenüber schüchtern und halblaut darin versuchte 
— „Kolbe *) übersetze Du mir dle nächste Periode", 
oder: „In Deinem th&ne sind sieben Fehler", 
Harnier" — besorgte ich ein gleich vertrauliches 
Echo „Mach's bester, Dingelstedt". Meine Be- 
sorgniß ist niemals erfüllt worden. Die Schüler, 
ältere und jüngere^ haben mich in kurzer Zeit 
liebgewonnen, lange Zeit lieb behalten. Einer 
von ihnen besonders: der Mosenthal. 
Er saß in Tertia auf dee vierte« Bank von 
oben. Er fiel mir bald auf durch, durch eine 
*) Der verstorbene Sanitürsrath Dr. Kolbe und der gleichfalls ver 
storbene Landeskreditkassen-Direktor Dr. Harnier gehörten keineswegs 
zn den bemoosten Häuptern, sie waren 6 Jahre junger, als. Dingel 
stedt und mit die jüngsten Schüler der damaligen Prima; als Her 
vorragende Schüler mag dieser sie wohl besonders im Gedächtniß be 
halten haben. 
überraschend gute Aussprache des Franzbsischen 
und durch bemerkenswerthe Gewandtheit im deut 
schen Ausdruck; er zählte damals 16 Jahre, 
war in Kassel 1821 vott armen, wenngleich jüdi 
schen Eltern, gehören. Mehr Knabe als Jüng 
ling, eher klein, als groß, weniger schlank, als 
untersetzt, von Heller, ungewöhnlich frischer Ge 
sichtsfarbe, mit rothem Haar, welches letztere da 
mals noch nicht, wie heutzutage für schön galt. 
Seine Aufmerksamkeit beim Unterricht war ge 
spannt bis 'zur Unruhe; er lachte am längsten 
und lautesten, wenn ich einmal — die Untugend 
aller jungen Lehrer — einen schlechten Witz riß. 
So hatten wir uns denn bald stillschweigend ge- 
fundeü und es währte nicht lange, bis er sich 
mir vertraulich näherte. Als ihn die Reihe traf, 
die französischen Exercitien der Klasse, die ich 
korrigiren mußte, mir ins Haus zu bringen, blieb 
er, nachdem er seine schwere Bürde auf meinem 
Schreibtisch abgelegt, an der Thüre verlegen stehen. 
„Wünschen Sie noch etwas?" fragte ich freund 
lich, das osficielle „Du" wie immer außerhalb 
der Schule ablegend. Nach einigem Stammeln : 
Ja, ich hätte wohl —: wenn ich so frei sein 
dürfte", zog er aus seiner Tasche ein paar mit 
seiner fließenden Handschrift dicht bedeckte Blätter 
hervor: „Gedichte." Ich hieß ihn sitzen, lesen, 
während ich zuhörte, ermuthigend mit deM Kopse 
nickte, hier und da besserte. ES waren, soviel 
ich mich erinnere, ächte Schülergedichte, Lese 
früchte, Schnabelstudien eines noch nicht flüggen 
Singvogels. Aber sie mußten etwas versprochen 
haben, denn als ich ein Jahr später in Kassel 
eine Wochenschrift „Der Salon" herausgab, ver 
säumte ich nicht, lyrische Beiträge von Mosenthal 
heranzuziehen. Er hatte — auch er schon — 
mit seinen mir dargebrachten Erstlingen eine 
schlimme Erfahrung gemacht. Mit überfließen 
dem Herzen sprach er einem Mitschüler davon, 
daß er mir seine Verse gebracht, daß Ich sie ge 
lobt. Der erzählte es sofort weiter, die Kunde 
drang bis zum Klassenlehrer. Der wiederum 
ließ sich den vorlauten Dichter kommen, ver 
mahnte ihn, daß man dergleichen bei uns nicht 
liebe, weder hohen, noch höheren, noch höchsten 
Orts und schloß mit dem Befehle: Uebrigevs, 
wenn Du Verse machst, hast Du sie nicht dem 
Herrn Dingelstedt zu bringen, der nur französi 
scher Lehrer ist, sondern mir' dem Ordinarius, 
der ich ja auch Deine deutschen Aufsätze korrigire. 
Spracht und entließ ungnädig den begoffenen 
Poeten, der'stracks zu mir eilte, beschämt und 
betrübt den Ausgang seiner literarischen Versuche 
berichtete und mich um Rückgabe der kleinen 
Blätter bat. Ich glaube^ er hat dabei geweint.
        

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