Volltext: Hessenland (1.1887)

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rechts vom nördlichen Ausgang, ein einfacher, vom 
Zahn der Zeit zerfressener Stein, der die Ruhe 
stätte eines Selbolder Abtes mit Namen Konrad 
bezeichnet, welcher im Jahre 1372 am 9. August 
dys Zeitliche segnete' und hier begraben ward, 
denn die Gelnhäuser Frauenkirche war eine Filiale 
des im Jahre 1108 gestifteten Prämonstratenser- 
klosters zu Selbold. Ein weiteres Epitaph be 
findet sich endlich, noch in der Sakristei, welches, 
zwar keinen großen Kunstwerth besitzt, aber in 
kulturhistorischer Hinsicht zur Kenntniß der Trachten 
des 16ten Jahrhunderts nicht ohne Interesse ist. 
Es ist ein auf Holz gemaltes Bild, welches das 
evangelische .Predigtamt nach den verschiedenen 
Seiten seiner Thätigkeit hin darstellen soll und 
welches die Kinder, des ersten evangelisch lutheri 
schen Pfarrers Peter Strupfius, zum Andenken 
an ihren verstorbenen Vater im Jahre 1571 an 
fertigen ließen. In der Mitte des,Bildes steht 
der Verstorbene selbst im weißen Chorhemd auf 
der Kanzel, unter der Kanzel steht der Kantor 
mit - zwei Sängern, einem älteren und einem 
jüngeren; vor dem Singepult und unter der 
Kanzel sitzen die drei Söhne des Vollendeten, 
auf der Bühne rechts die Schöffen und, Senatoren 
der Stadt, links die vier Schwiegersöhne; 
-unter diesen die Frauen der drei Brüder, mit 
ihren Kindern, diesen gegenüber die Mutter mit 
ihren Töchtern, alle sicherlich im Porträt, im 
Vorder- und Mittelgrund aber drängt sich das 
Volk, Männer und Frauen, theils dem Beschauer 
den Rücken zukehrend, theils im Profil, theils 
stehend und theils sitzend, die Männer theils im 
Barrett und in der Schaube, theils im kurzen 
Mantel, mit spitzem schmalkrempigen Hut/ die 
Frauen mst weißem Kopftuch. Die, überaus 
kurzen Mäntel uud zerschlitzten Beinkleider der 
jungen Elegants int Gegensatz zu der ernsten, 
uud würdigen Tracht der Alten zeigt uns noch 
heute deutlich, daß der Gelnhäuser Rath in 
seiner Stadt- und Pvlizeiordnung vom Jahre 
1575 alle Ursache hatte,' um dem allzusehr um 
sich greifenden Luxus zu, steuern, „die leichtfertige 
Kleidung mit den neuen Bluder- und anderen 
zerhackten und zersudelten Hosen/ wie auch, die 
gar kurze gestumpte Röcke und Mäntel, dadurch 
dasjenige, so von Ehre und Zucht wegen billig 
bedeckt werden sollte, entblöset wird," den Bürgern, 
Beisaßen und Handwerksgesellen zu verbieten, 
desgleichen den Schneidern die Anfertigung solcher 
Kleider bei einem Gulden Strafe. Auf zwei 
seitlichen Tableaux sind Taufe und Abeydmahl 
bildlich dargestellt, unter der Taufe die Aufer 
stehung, unter dem Abendmahl in sehr' realistischer 
Weise die Hölle, über dem Ganzen thront der 
Weltenrichter mit Engeln und Seeligen. Eine 
längere lateinische Inschrift beschreibt den Lebens 
lauf des Vollendeten und neNNt uns die Namen 
der Kinder, die das Denkmal errichten ließen, so 
wie die der im Jah^ 1571 regierenden Stadt 
väter, des Bürgermeisters Konrad Kremer, des 
Syndikus Melchior Weißenburger und der Raths 
herrn Georg Gundermann, Markus Baumänn 
und Kaspar Regius. — 
Gelnhausen hatte sich durch den Fleiß seiner 
Bewohner rasch von den Verwüstungen des 
dreißigjähxigen Krieges erholt und ist jetzt so 
wohl durch seine landschaftliche Schönheit, als 
auch durch den Biedersinn, die Gastfreundlichkeit 
und den Wohlstand seiner Bürger eine Perle 
unter den hessischen Städten, wovon sich Jeder, 
der die alte Reichsstadt besucht, überzeugen wird. 
Moferrthal und Dingelstedt. 
Gin GLlnnerungsblatt von W. Nogge-Ludwig. 
gdür uns Schüler der oberen Klassen des Kasseler 
j) Lyceums war es eine gar schlimme Zeit, als 
® Minister Haßenpflug im Jahre 1835 das 
Lyceum aufhob und ein neues Gymnasium er 
richtete, da bei den viel höher gestellten An 
forderungen an die Leistungen die Schüler durch 
gängig zwei Jahre in ihrem Kursus zurück 
gesetzt wurden. Wenn es uns nun auch schwer wurde, 
-uns außerdem noch in die von der früheren so 
sehr verschiedene Behandlung der neuen Lehrer 
zu finden, so erkannten wir doch bald, daß in 
den meisten Unterrichtsfächern Line Aenderung 
durchaus nothwendig gewesen war, namentlich 
in dem französischen Unterricht. Als Lehrer der 
französischen Spräche in den drei oberen Klassen 
und der englischen in Prima trat Ostern 1836 
der 22jährige, mehreren Primanern fast gleich 
alterige Frayz Dingelstedt ein. Seine äußere Er 
scheinung und seine Lehrweise unterschieden sich sehr 
erheblich von der unserer früheren und der jetzigen 
andern Lehrer, durch seinen stets anregenden Unter 
richt Und die rücksichtsvollere Behandlung der ältere« 
Schüler gehörte er aber bald zu den beliebtesten 
unserer Lehrer. In dem im Jahre 1878 von 
ihm erschienenen literarischem Bilderbuch hat er 
in dem Artikel „Mosenthal. Ein Stammbuchblatt"
        

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