Full text: Hessenland (1.1887)

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Täufer, der eine kenntlich durch den Schlangen 
kelch, der andere mit der Taufmuschel in der 
Hand. 
Wenden wir uns nun von den Altären zu 
einem zweiten Kunstwerk der ehrwürdigen Kirche, 
nämlich zu dem das Chor von dem Schiff trennen 
den Lettner. Es ist mit reichen Steinskulpturen 
geschmückt, welche die Auferstehung und das End 
gericht in naiver, aber ernster und erschütternder 
Weise darstellen. Polygonal nach dem Schiffe 
zu vorspringend, bildet er eine, von vier Säulen- 
bündeln getragene Halle, unter welcher sich der 
«och jetzt gebrauchte, mit den kleinen Statuen 
Christi und der Apostelgeschmückte Laienaltar be 
findete In den Eckender dadurch gebildeten drei 
Bogen befinden sich die bildlichen Darstellungen 
des Endgerichtes, eine lebendige Illustration, zu 
dem ernsten dies irae dies illa. Links beginnen 
sie mit der Auferstehung der Todten. Die Gräber 
thun sich auf und jedem Grabe entsteigt ein 
Todter, am Himmel eine Wolke: Wen» ihr den 
Menschen-Sohn kommen seht in den Wolken. 
Auf dem zweiten Bogenselhe sehen wir die Seelen 
der Gerechten mit emporgehobenen Händen gen 
Himmel steigen, in der Mitte den Heiland, mit 
den Engeln auf dem Richterstuhle, rechts endlich, 
auf- dem dritten Bogenfeld die Gottlosen mit 
einer gewaltigen Kette an einander gebunden von 
dem, nicht sichtbaren, Satan in den Abgrund der 
Hölle gezogen. ' 
Nach Betrachtung dieser ernsten Darstellung 
des Endgerichts versäume es der Besucher nicht, 
die Kapitäle der vorerwähnten Säulenbündel ge 
nauer zu betrachten. Es sind wahre Meisterstücke 
der Steinhauer-Ar-beit, besonders das eine, auf 
dem zierliche Bögel zwischen Blättern hängende 
Trauben picken. 
Es würde zu weit führen, der zahlreichen köst 
liche» Ornamente, wMit Säulen und Wände 
geschmückt find, her schön geschnitzte» Schränkt 
und Chorstühle, von denen einer die Jahreszahl 
1-489 trägt, der schönen Schmiedearbeit, die uns 
an den Beschlägen der hinter dem Altar befind 
lichen, ehedem zur Aufbewahrung der heiligen 
Gesäße dienenden Schränke, an dem links vom 
Hauptaltar stehenden Sakramenthäusche« und 
an dem an der Hinteren Seite des Lettners be 
findlichen Lesepult entgegentritt, sowie der, durch 
holländische Künstler in ihrer tiefen Farbenpracht 
wiederhergestellten Glasfenster drS hohen Chores 
zu gedenken. 
Wir wollen nur noch zwei alte Teppiche er 
wähnen, welche wohl einst zum Schmuck der 
Altäre verwendet wurden und jetzt zur besseren 
Erhaltung unter Glas und Rahmen in der Tauf 
kapelle aufgehängt find. Sie sind ein Erzeugniß 
des frommen und kunstsinnigen Fleißes edler 
Ritter- und Klosterfrauen, vielleicht der Bewohne 
rinnen des 1305 von dem Bischof Siegfried von 
Chur gestifteten und vor dem Häitzer Thor ge 
legenem CisterzienserklosterS Himmelawe, die mit 
eigener Hand solche Dinge webten und sie dem 
Heiligthum zum Geschenke machten. 
Der erste und der Steifheit seiner Figuren 
nach zu urtheilen,, ältere Teppich stellt die ganze 
Passion dar, deren verschiedene Theile in zwei 
Reihen übereinander abgebildet sind: oben das 
Abendmahl, unten nebeneinander der Verrath des 
Judas, Petrus und Malchus, die Geiselung, die 
Dornenkrönung, Christus das Kreuz tragend, 
dann der Herr am Kreuz mit Maria und Jo 
hannes zur Seite und endlich die Kreuzabnahme. 
Die verschiedenen Tableaux folgen in der ersten 
Reihe von rechts nach links, in der zweiten von 
links nach rechts, nach Art der ältesten Schreib 
weise. 
Der zweite Teppich stellt in drei Abtheilungen 
nebeneinander, nach der Erklärung des Küsters, 
die Empfängniß, die Gehurt und die Anbetung 
des Heilandes durch die heiligen drei Könige 
dar. Ueber der ersten Abtheilung steht aus cineyi 
Bande eingewebt die Inschrift: ave Matiai, 
gratia plena, dominus tecum. Räthselhaft ist 
nur die erste bildliche Darstellung nnd geht un 
bedingt nicht auf das vom Küster angezeigte Er 
eigniß. Hätte sie nicht die angeführte Inschrift 
und stände sie nicht in unmittelbarer Verbindung 
mit der Geburt und Anbetung des Heilandes, 
so möchte man sich versucht fühlen, darin eine 
Darstellung der in Frankreich entstandenen Legende 
von der heiligen Genovefa, zu erblicken, denn 
sie zeigt eine von Hunden, welche ein Jäger am 
Bande hält, verfolgte Hindin, welche in den 
Schooß einer Fran flieht. Wir können uns aber 
nicht ayders denken- als daß das Bild Maria 
als die barmherzige Mutter der Gnade darstellen 
soll, welche die von dem höllischen Jäger bezüg 
lich von der Angst der Sündennotb gejagte Seele, 
die ja in der Bibel nicht selten unter dem Bilde 
eines Hirsches oder einer Hindin dargestellt wird, 
bei sich auf und in ihren Schutz nimmt. 
Von den in der Kirche noch befindlichen Grab 
denkmälern, sind außer dem hinter dem Hoch 
altar stehendem Grabsteine des Schultheißen Jo 
hannes Koch, der in Gelnhausen vom Jahre 
1588—1599 22 Hexen verbrennen ließ, nur 
noch zwei bemerkenswerth: neben dem südlichen 
Eingang das in edlen Renaifsanceformen ausge 
führte Epitaph des Ritters Johannes von Lauter 
und seiner Gemahlin Wilhelm« von Colmar und
        

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