Full text: Hessenland (1.1887)

138 
Dir Kimstschähe der Geiuha«ser Stadtkirche. 
Bon 
F. M. 
(Schluß). 
^ einahe noch besser erhalten sind die Bildwerke 
4i eines zweiten Altars in der Seitenkapelle 
AZ rechts vom südlichen Eingang der Kirche. 
Auch er bildet einen Schrein von kleineren 
Dimensionen, dessen Hauptfiguren in Holz ge 
schnitzt und reich vergoldet, dessen eintheilige 
Thüren mit zwei Gemälden aus der heiligen 
Geschichte geschmückt sind. Die Hauptfigur bildet 
das Jesuskind, aber nicht- auf dem Schooß 
Marias, sonder« auf dem Anna's, der Groß 
mutter Jesu. Maria selbst kniet in fast noch 
kindlicher Gestalt anbetend vor dem Kinde. Mit 
Unrecht bezeichnet Ruht in seinem schönen Werk: 
,,Die Gebäude des Mittelalters in Gelnhausen", 
die sitzende Figur, welche das Jesuskind auf 
dem Schooße hält, als die Mutter Gottes. Nie 
wird die heilige Jungfrau, zumal als Mutter 
mit dem Kinde, in so matronenhafter Art dar 
gestellt. Daß dieselbe vielmehr Anna vorstellen 
soll, geht aus einem kleinen Peigament hervor, 
welches bei der Restauration der Kirche in einer 
Bertiefnng des Altarsteins geftmden wurde und 
welches so lautet: Oonsecratum sst altare is- 
tud in honore beate Anne matris marie vir- 
gis, sti augusti, confessoria atqne pontifici 
et sti georgy miris nec non sti alexy con 
fessoria, zu deutsch: Dieser Altar wurde ge 
weiht in die Ehre Annas, der Mutter Maria'S, 
der Jungfrau, deS Bekenners und Bischofs 
Augustinus, des Märtyrers St. Georg und des 
Bekenners St. Alexius. Das linke Flügelbild 
stellt die Geburt des Heilandes, das rechte die 
Anbetung der Weisen aus dem Morgenlayde dar. 
Dieß Bild ist besonders schön und ansprechend 
und erinnert lebhaft an einen ähnlichen Holz 
schnitt Albrecht Dürers. Einer der Könige kniet 
vor dem von Diaria gehaltenen Kinde und bringt 
ihm ein mit Goldmünzen gefülltes Prachtgeschirr 
zum Geschenke dar, die Krone liegt zu seinen 
Füßen am Boden. Im Hintergrund« in der 
naiven Weise der Alten,- Ochs und Eselein, in 
der Thür die Hirten knieend, die auch gekommen 
sind, dem Neugeborenen ihre Huldigungen dar 
zubringen. Noch muß eines gewiß nicht zu 
fälligen Zuges in dem tief sinnigen Gemälde ge 
dacht werden, da es die alten Künstler verstan 
den, oft mit einer Kleinigkeit einen tiefen Ge 
danken auszudrücken. In der linken Ecke unten 
am Boden befindet sich zwischen Steinen ein mit 
besonderer Sorgfalt ausgeführter Erdbeerstrauch, 
mit Blüthen und Früchten. Wir glauben nicht 
zu irren, wenn wir darin eine Anspielung auf 
das Wort des Propheten finden: Es wird ein 
Reis aufgehen aus dem Stamme Jsai und ein 
Zweig aus seiner Wurzel wird blühen und Frucht 
tragen, verbunden mit dem anderen Spruch: ES 
schießt auf ein Reis und wie eine Wurzel gus 
dürrem Erdreich. 
Mit dem Altar in der südlichen korrespondirt 
ein gleicher in der nördlichen Thurmkapelle. 1418 
stiftete Katharina von Münnerstadt eine Messe 
auf diesem Altar, zum Seelenheil ihres Bruders, 
Hermann von Stockheim. Er war geweiht in 
die Ehre der heiligen Dreifaltigkeit. Die Figuren, 
welche auf demselben standen, befinde« sich jetzt 
in der Sakristei, wo bei der Restauration der Kirche 
die minder schönen und werthvolleu Denkmäler 
reponiert wurden. Cs sind Maria mit dem Kinde, 
welcher St. Martin, den Mantel theilend,- zur 
Rechtes» und St. Nikolaus, ein Kind segnend, 
zur Linken stehen. Eigenthümlich ist eS, daß St. 
Martin hier nicht, wie gewöhnlich geschieht, als 
Reiter oder Ritter, sondern als Bischof dargestellt 
ist, wozu er ja später gewählt wurde. Ueber 
der ganzen Gruppe wölbt sich ein Baldachin von 
schönem Stabgeflecht. Außer diesem Bildwerke 
findet sich in der Sakristei noch der Aufsatz eines 
zweiten Altars, der bis vor der Restauration am 
Eingang der nördlichen Seitenkapelle stand, von 
geringerem Kunstwerth. Seine Figuren stellen 
den gekreuzigten Christus dar, umgeben von Jo 
hannes dem Evangelisten und Johannes dem
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.