Full text: Hessenland (1.1887)

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„Süßer Wolnoth, Herzensliebling," flüsterte 
zitternden Lautes die Mutter. — 
„Mutter, traute Mutter" uud Woluoth be 
wegte sich nach der Seite des Baumes, wo sie 
lag. 
„Süßer Liebling — vorsichtig sei — es geht 
ums Leben." Es lief ihr ein Schauer über den 
Leib — dann fuhr sie fort: „Zur Allmntter - 
will ich rufen, Wolnoth — sie wird mich hören." j 
„Sie und Heervater werden Wolnoth schützen." ! 
— „Ich gehe Atta!" ! 
Mit Dir die Götter, Sohn Merwigs." Ein ! 
kaum den Ohren der Eltern wahrnehmbares I 
Rascheln verkündet, daß sich der Knabe entferne, j 
Die Augen Merwig s und Theuda's richteten j 
sich auf das Feuer, in dessen Nähe die Wache, ! 
halb schlafend an der Wand der Hütte lehnte, 
während einige Legionäre in tiefem Schlummer 
daneben lagen. 
Wie eine Schlange kriechend, oft einhaltend ! 
auf seinem Wege und lauschend, nahte der ! 
Knabe dem Feuer. Vorsichtig streckte sich die j 
Hand aus, langsam der Gluth einen Spahn ! 
entziehend und vorsichtig, wie er gekommen, trat ; 
er dann den Rückweg an — unbemerkt von der 
Wache. 
So weit die Bande es erlaubten, hatten sich I 
Theuda und Merwig vorgelehnt, athemlos, un- ! 
gestüm pochenden Herzens, weitaufgerissenen 
Auges, das Thun des Knaben verfolgend. 
Als Wolnoth mit dem Spahn verschwand, ; 
steigerte sich die wilde Aufregung des Eltern- 
paarcs. 
In abgerissenen Lauten rief Theuda ununter 
brochen zur hohen Göttin, den Liebling zu , 
schützen vor Gefahr. 
Das Falkenauge des Vaters suchte, nach der 
Fichte gerichtet, das Dunkel zu durchdringen, 
während sein Ohr jedem verdächtigen Geräusche 1 
lauschte. 
Jetzt! Sein Blick erhaschte das Leuchten 
eines Funkens zwischen dem dichten Gezweig des 
hohen Baumes. Wolnoth klettert empor, den Spahn 
in der Hand. Langsam steigt er höher — hie ' 
und da blitzt der Funken — höher — höher — 
er nahte dem Gipfel. 
Der Centurio tritt aus der Hütte: „Schläfst 
Du, o Mann?" herrscht er rauh den an dem 
niedergebrannten Feuer Wache haltenden Krieger 
an. Dieser fuhr empor und mehrere der nahe 
gelagerten Legionäre erhoben sich. 
„Feuer!", schrie vom Hügel die Wache. 
„Beim Hades, was ist das?" 
Aus dem Wipfel der Fichte erhob sich eine 
Flamme. Der Centurio riß das Horn von der 
Hüfte: ein kurzer scharfer Ton, und Alles erhob 
sich, die Waffen in den Händen. 
„Fort! Das Feuer dort gelöscht. Fort! 
Bei Eurem Leben!" 
Alles stürzte, der Centurio voran, nach der 
Fichte, einige hatten Brände aus dem Feuer 
gerissen, uin Licht zu haben auf dem Wege. 
Unnöthig, denn aus dem Baum stieg eine riesen 
hohe Feuersäule, weit umher den Wald erhellend. 
Die Römer waren am Fuße des Baumes. 
Zwischen den von oben hell erleuchteten Aesten, 
zeigt sich Wolnoths schlanke Gestalt, der eilig 
und sich zwischen dem verworrenen Geäst gleich 
einer Schlange windend, den Boden zu finden sucht. 
Gleich einem gefesselten Wolfespaar starrten 
Merwig und Theuda nach dem Baume — auch 
sie sahen den Knaben. 
„Hinauf!" schrie der Centurio außer sich. 
„Reißt das Feuer auseinander! Holt den Burschen 
mit Euren Speeren herunter." Ein Dutzend der 
leichten Wurfwaffen der Hastati flog empor, nach 
Wolnoth, aber das Gezweig lenkte sie ab — 
keiner traf. 
„Mit einer Stimme gleich der des rasenden 
Nr's schrie Merwig: „Zur Eiche hinüber Wol 
noth!" Ein heller Ruf des Knaben antwortete. 
Einige der leichtfüßigsten der Hastati begannen 
rasch die Fichte zu erklimmen. Wolnoth suchte, 
immer gewandt zwischen sich den Zweigen hin und 
herbiegend, den Ast der alten Eiche zu erreichen, 
der sich bis zu der Fichte erstreckte. Schon streckte 
er die Hand aus, ihn zu fassen, als der schwan 
kende Fichtenast unter ihm wich, und er her 
abstürzte, zu den Füßen des wüthenden Centurio, 
der durch das Flammenzeichen, die Früchte seines 
wohlgeluugenen Ueberfalls der Grenzwache sich 
entrissen sah. Das Chattenland war gewarnt.
        

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